Archiv der Kategorie: Leseproben

Manuel … das Irgendwie-Anderskind-Alexander Brummer

Worum geht es in dem Buch?

Was ist das Besondere an der Geschichte?

In diesem Buch geht es um ein – vergleichsweise hartes – Kinderschicksal. Genauer: um die Diagnose einer furchtbaren Erkrankung, mit all ihren Folgen, Risiken und Nebenwirkungen für das Leben und die Seele eines Kindes und seiner Familie.

Eine Familie wird von einem Tag auf den nächsten unsanft aus ihrem Alltagsgeschehen gerissen und in einen permanenten Krisen- und Ausnahmezustand versetzt. Der Alltag wird fortan beherrscht von Sorgen, Angst, Trauer und Hoffnung – (Tabu-)Themen, die eigentlich so gar nicht in eine Familienwelt passen wollen.

Fragen nach Krankheit, Tod und Sterben drängen sich brutal und ungefiltert in den Vordergrund und be­stimmen damit weitgehend die Lebenswirklichkeit und die Entwicklungschancen eines Kindes – Prägen es zu einem »Irgendwie-Anderskind.«

In Kinder- und Jugendbüchern erwartet man – tenden­ziell – Spiel, Spaß, Spannung, Abenteuer, kleine Helden und große Entdecker. Inhalte also, die die jungen Leser in andere, meist phantastische Welten entführen, weit ab von der gelebten Realität.

Dieses Buch wendet sich demgegenüber den oft harten und unbarmherzigen Seiten des Lebens zu. Es konfrontiert den Leser ungeschminkt mit einem Teil dessen, was das Leben und unsere Gesellschaft in Wahrheit bestimmt. Dabei wird nichts geschönt, nichts geschnörkelt, der Blick richtet sich ungetrübt auf die Situationen, wie sie sind, selbst dann, wenn sie ‹hart und unverdaulich› scheinen.

Für viele Kinder, Jugendliche und Familien bilden Lebens­umstände, jenseits einer heilen Kinderwelt, die unum­stößliche Realität, der sie sich tagtäglich zu stellen haben.

Der Autor dieses Werkes musste sich sein Leben lang diesen Realitäten stellen – und stellt sich ihnen noch … Mit diesem Buch, möchte er seine Erfahrungen mit anderen Menschen teilen.

Bärengeschichten-Michael Suhr [Die Bärenfamilie, Kapitel 1]

Vorwort:

Als meine Tochter noch in den Kindergarten ging, hatte ich mir gelegentlich für sie eine Geschichte mit Bären ausgedacht. Um diese kleinen Märchen nicht zu vergessen, habe ich mir damals die Schönsten aufgeschrieben. Und jetzt freue ich mich, dass auch andere Kinder von dem Bärenland erfahren.

In dem Land leben Bienen, Menschen, wilde Tiere und natürlich Bären. Alle sind Freunde, keine Angst. Das Einzige, um das sich manchmal gestritten wird, ist Honig. Warum? Weil Bären Honig über alles lieben! Der Honig selbst wird von Bienen gemacht.

Sie saugen dafür den Nektar aus den Blüten, die im Bärenland überall wachsen. Und wenn es keine Blüten gibt, dann gibt es auch keinen neuen Honig. Und darum zanken sich die Tiere manchmal um den letzten Rest.

Doch nun lest selber, was den Bärenkindern und den Bienen in dem bunten Bärenland passiert!

Michael Suhr, gewidmet meiner Tochter Christina

Buchstabiere Gerechtigkeit-Friedhelm Marciniak [Leseprobe]

… und andere Geschichten


Das Foto

Wie lange sie sich auf diesen Tag gefreut hat, weiß sie nicht genau. Sind es erst acht oder schon zehn Jahre her, dass sie zum ersten Mal von diesem Tag gehört hat? Auf der Terrasse war es gewesen, sonntags nach dem Frühstück. Der Vater hatte abgeräumt und sich danach in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, als Mutter davon anfing.

Mutter hatte die Sonntagszeitung durchgeblättert und war auf jenes Foto gestoßen, das sie erzählen ließ. Wie das damals bei ihr gewesen sei, ach Kind, das ist ja schon soooo lange her, aber sie wisse es noch wie heute, habe nichts vergessen. Und in ein paar Jährchen – ja, Jährchen hatte sie gesagt – bist du schon so weit. Mein Gott, Kind, wie die Zeit vergeht. Wie aufgeregt ich damals war, wie mein Herz geklopft hat. Meine Mutter – deine Oma – konnte mich gar nicht beruhigen und mein Vater hat es erst gar nicht versucht.

Sie hatte an den Lippen ihrer Mutter gehangen, vor acht oder zehn Jahren, hatte jedes ihrer Worte in sich aufgezogen, hatte am Ende der schwärmenden, zurück träumenden Erinnerungen der Mutter leise und mit bangem Herzen ihre Frage geflüstert: »Werde ich einmal so wie du Mutter…?«

»Natürlich wirst du, mein Liebes«, hatte die Mutter über den Tisch gelacht, »natürlich wirst du … Warum solltest du nicht?«

»Ich dachte, Mutter, weil …« Mutter hatte ihren Einwand weggewischt, lachend über den Tisch hinweg weggewischt. »Natürlich wirst du und es wird bei dir noch schöner sein als bei mir.« Mutter meinte es ernst. Wie gern wollte sie ihr glauben!

Das Foto, aus der Zeitung von damals, von vor acht oder zehn Jahren, hing noch an der Pinnwand in ihrem Zimmer. Vergilbt, mit Fett- und Tastflecken, Knitterfalten. Wie oft hatte sie dieses Foto in der Hand gehabt, sich damit aufs Bett gelegt, die Augen geschlossen und die immer gleichen Gedanken geträumt: Wie würde es sein? Könnte sie vom Aussehen her mit den anderen Mithalten? Sie träumte davon, die Schönste zu sein, und schämte sich sofort für diesen Gedanken. Wie würde ihr Kleid aussehen? Lang oder kurz? Aus Seide oder Satin? Rückenfrei? Ob Mutter ihr ein etwas gewagteres Dekolletee erlauben würde? Eher nicht. Mutter hielt dies für billig. Weniger zu zeigen, zöge die richtigen Männer an, die Männer mit Phantasie – das zahle sich aus, wenn sie mal an einem hängen bliebe. Was Gott doch bitte noch ein paar Jährchen verhüten möge!

»Ach, Mutter«, hatte sie so oft schon geseufzt, mit dem Foto in der Hand und mit geschlossenen Augen auf dem Bett liegend, »ach Mutter, wann ist es endlich soweit?« Manchmal schien es rückblickend so, als habe sie bisher nur auf diesen Tag hin gelebt und als sei am Ende dieses Tages das Leben zu Ende.

Nur selten hatte sie weiter denken können als bis zum Ende dieses Tages, allerdings hatte sie auch nie die Frage wiederholt, die sie damals ihrer Mutter gestellt hatte. Aber die Antwort klang immer noch in ihren Ohren: »Natürlich wirst du, mein Liebes …!« Wie gern wollte sie ihr glauben.

Mutter hatte Wort gehalten. Gute Mutter, liebe Mutter, musste sie denken, als sie sich im Spiegel betrachtete. Gut sehe ich aus, dachte sie, wirklich gut.

Selbst meine fünfzehn Sommersprossen – acht auf der linken, sieben auf der rechten Wangenseite – passen gut zum blassen Rosa des knielangen Chiffonkleides, ein Rosa, das an die

Abenddämmerung im Dezember erinnert. »Schau, die Engel backen wieder für Weihnachten«, hatte ihre Mutter dann immer gesagt.

Das Kleid von fast übertriebener Schlichtheit war eines Engels würdig. Es machte erst gar nicht den Versuch, von den blonden Locken abzulenken. »Naturlocken«, wie Mutter immer betonte.

Und sie wiesen wie ein großes helles Tor den Weg zu zwei strahlenden Augen. Ja, sie konnte sich sehen lassen.

Gerade als sie rufen wollte: »Papa, ich bin fertig«, öffnete sich die Tür. »Das soll meine kleine Tochter sein«, hörte sie ihren Vater sagen, »dieses wunderbare Geschöpf soll meine Tochter sein?«, und er küsste ihr auf die Schulter. »Oh, wie werden mich beim Opernball dreihundert junge und ungezählte alte Männer beneiden, dass ich mit dir tanzen darf, als erster mit dir tanzen darf.«

Vater streichelte ihr zärtlich über das Haar und nahm ihr die Stützen ab. Sie ließ sich wie so oft und immer nach hinten in seine Arme fallen. Sanft hob er sie auf und setzte sie in den Rollstuhl. Beide wussten, es würde ein wunderbarer Tanz werden – der schönste ihres Lebens.

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2007

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