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Die geheime Invasion – Woche 1 (Sofort lesen – Kostenlos)

Die geheime Invasion

Woche 1

Gewidmet allen Aufmerksamen

Die Welt ist groß, auch wenn sie, unbemerkt, von Woche zu Woche kleiner wird.

Vorgeschichte

Alex P. Jandra

Die Stadt stöhnt unter der Hitzewelle.

Viele Familien nutzen den Feiertag für ein Picknick, so auch Familie Lovecraft.

Nachdem sie im Park nahe des Weißen Hauses ein schattiges Plätzchen okkupieren konnten, vergnügten sich Vater Phil, der älteste Sohn Rafael und Tochter Ruby mit Ballspielen, sehr zur Freude von Mischlingshündin Miss Kitty.

Mutter Janet und Baby Molly dagegen saßen auf einer großen Decke und sahen nur zu.

Die Anzahl der Ballspieler variierte, da auch andere Hunde und ihre Besitzer sich zeitweilig dazugesellten, was hier völlig normal war.

Niemand ahnte, dass diese Postkartenidylle schon bald empfindlichen Schaden nehmen würde.

Noch wurde sie untermalt vom Summen der Insekten, dem Zwitschern der Vögel, dem Bellen der Hunde und dem Lachen der Kinder.

Die Zeit verging, wie immer in solchen Momenten, wie im Flug.

Natürlich quengelten die Kinder, wollten noch bleiben.

Da Janet eh nicht gern kochte und die Kinder „beruhigen“ wollte, versprach sie ihnen Pizza, was, wie erwartet, bei allen Begeisterung auslöste.

Während Phil alles Mitgebrachte im großen Familienkombi unterbrachte, versuchte Janet mit ihrem brandneuen Handy den Pizzaservice ihres Vertrauens zu erreichen.

Doch mangels Netz scheitert ihr Versuch.

Ein Funkloch, hier, mitten in der Stadt?

Oder war ihr „Draht zur Welt“ bereits nach einigen Tagen reparaturbedürftig?

Missmutig stieg sie in den Wagen, informierte kurz ihren Ehemann, doch beide ahnten nichts von dem Unheil, welches unerbittlich näherkam und sich nicht mit Hilfe von Pizza aus der Welt schaffen ließ.

Aber das sollte sich in Kürze ändern.

Fünf Stunden zuvor im Weltall …

Der Untergang der wukuwanischen Flotte

Alex P. Jandra

Willkommen an Bord der FINAL RAGE, dem Stolz der wukuwanischen Flotte, denn sie ist das Flaggschiff.

Das prächtigste und größte Schiff aller Zeiten, leider auch das Einzige.

Alles begann mit dem Absturz der Voyager-Sonde auf Wukuwan. Unglücklicherweise kam bei ihrem Aufprall eine Mulle ums Leben.

Das wirklich Ärgerliche war jedoch, dass es sich um eine Mulle des Kökmöks handelte, was diesen in Wut versetzte.

Also baute man kurz entschlossen die FINAL RAGE, was nicht mal eine Generation dauerte, denn der durchschnittliche Wukuwaner wird stolze 48 Jahre alt!

Da die Angreifer (wir) ihre Visitenkarte an ihrer interplanetarischen Bombe in Form einer Plakette hinterlassen hatten, berechneten die Wissenschaftler Wukuwans (Drei und ein Lehrling) den zu fliegenden Kurs. Vollgepackt mit den tödlichsten Waffen der wukuwanischen Forschung, sprang die FINAL RAGE durch ein Wurmloch in der Nähe einer verlassenen Raumstation unbekannter Herkunft.

Die Passage war rau, doch Captain Hir-Ni war die Ruhe selbst. Als Kommandant war es seine oberste Pflicht, Ruhe auszustrahlen. Andernfalls, da war er sich sicher, hätten sie vor lauter Panik bereits kollektiven Selbstmord begangen.

»Noosh-In, wann erreichen wir den zweiten Transitpunkt?«

»Bald, Captain, bald!«

»Aha! Wird ja auch Zeit!”

Das Wurmloch spuckte die FINAL RAGE förmlich aus, besser gesagt, sie wurde unkontrolliert herausgeschleudert, wobei das empfindliche Steuersystem Schaden nahm. Erheblichen Schaden. Jetzt hieß es Daumen drücken und den `Fingerspitzen´ der Chefpilotin vertrauen.

Tatsächlich schaffte es Noosh-In mithilfe der Landedüsen, das Schiff heil durch das Planetenlabyrinth zu steuern, bis sie in der Umlaufbahn des Blauen Planeten etwas entdeckten.

»Was nun, Eure Schleimigkeit?«, fragte Mari-Na, die Waffenoffizierin, den Captain, der cool auf seinem Futznik hockte.

»Ich vermute, es handelt sich um ein Schiff des Feindes, welches uns vernichten soll, bevor wir die Wuz abgeliefert haben. Weshalb sonst sollten sie auf Abfangkurs fliegen?«

»Zufall?«, fragte Divi-Na, die Schiffsärztin.

»Es gibt keine Zufälle, Doc«, behauptete Hir-Ni, »außer ich mische die Karten!«

»Die Abwehrkanonen scharfmachen, Eure Zufälligkeit?«, schaltete sich Mari-Na erneut in das Gespräch ein.

»Natürlich, Sie scharfes Shlinok! Die pusten wir aus dem All!«

»Geht klar, Eure Aufgeblasenheit! Machen wir uns scharf.«

»Verdammt! Wie groß wird das Ding denn noch?«, fragte Noosh-In, wenngleich sie wissen musste, dass ihr niemand an Bord die Frage beantworten konnte.

»Das weiß niemand an Bord, oder etwa doch? Dann raus mit der Sprache!«, befahl der Captain und sah sich um.

Sofort mied jede der drei Nixdas Blickkontakt, denn sie kannten die extrem unkontrollierbare Paarungssucht ihres Anführers.

»Verstehe, keine Ahnung von nix. Muss ich denn alles allein wissen? Wofür hab ich euch eigentlich mitgenommen?«

»Achtung! Alle fest …….!«

Noosh-Ins Warnung kam zu spät. Kaum war das feindliche Raumschiff in Reichweite ihrer Einschlaf-Werfer, fuhr der Gegner etwas wie eine riesige Fitschweg aus. Eine Kollision war nicht zu verhindern, weshalb alle zu ihren Gibgibs beteten.

Den Nixdas sah man es auch an, während der männliche Captain Hir-Ni nicht mal mit einer Wimper zuckte. Das wäre auch nicht möglich gewesen, denn seine Zukkis flatterten wie wild, konnten sich aber nicht von ihm lösen, um sich in Sicherheit zu bringen.

Die Kollision war kurz und schmerzlos. Zumindest für die Insassen der FINAL RAGE. Dann ging auch noch das Licht aus.

»Captain, der Zwisch ist ausgefallen!«, rief Divi-Na, wobei ihre Stimme leicht zitterte, wie die Oberlippe eines knabbernden Kaninchens.

ACHTUNG! DER ZWISCH IST AUSGEFALLEN IN FOLGE EINER UNANGEMELDETEN BUMSEREI!, meldete urplötzlich der Bordquak mit schriller Stimme.

»Das sehe ich selbst, du -zensiert von der galaktischen Union- -zensiert von der galaktischen Union-!«

Da sprang der Notgenerator mit übertriebenem Getöse an.

Kaum erhellte der rötliche Schein der Notbeleuchtung die Brücke, brüllte der Captain seine Waffenoffizierin an.

»Warum, verdammt, haben Sie nicht gefeuert?«

»Ich wartete auf einen Befehl, Eure Brüllaffigkeit.«

»Auf welchen Befehl?«, fragte Hir-Ni irritiert.

»Den zum Abfeuern der Schläfer?«

»Die sind noch an Bord? Wie kann das sein? Erklären Sie mir das!«

Langsam, ganz langsam, schienen die Fasern seines Geduldfadens eine nach der anderen mit einem leisen Pling zu reißen.

»Was soll ich erklären?«, wollte Mari-Na wissen, obwohl sie wusste, was er wissen wollte.

»Alles! Sie sind schuld an diesem -zensiert von der galaktischen Union- Disaster, also erklären Sie uns das!«, keifte der Kommandant wie ein Waschweib an den Ufern des Pandarve.

»So nicht! Sie können doch nicht machen, was ….«

»Doch, kann ich!«, unterbrach Hir-Ni ihren Zwergenaufstand und griff Divi-Na mit einem seiner sechs Tentakel an ihre Batschkies, worauf die Bordärztin anfing, die wukuwanische Staatshymne zu pfeifen.

»Sofort aufhören!«, brüllte Hir-Ni, obwohl das nicht erlaubt war, denn die Staatshymne pfeifen hat immer Vorrang!

Alle anderen hatten pflichtgemäß die Enden ihrer Tentakel auf den oberen Teil ihrer Blublase gelegt und summten (?) wie ein Chor im Hintergrund.

ACHTUNG! ACHTUNG!, meldete sich der Bordquak, HÜLLENBRUCH! VERLIEREN SAUERSTOFF! GUT DASS ICH KEINEN BRAUCHE! SCHLAGE EVAKUIERUNG VOR! »Verdammt! Lässt sich das Leck reparieren?«, fragte Hir-Ni, der glaubte, wie alle anderen Anwesenden, bereits an Sauerstoffmangel zu leiden.

JA! ABER WER? ICH KANN DAS NICHT!

»Noosh-In! Sofort das Leck reparieren!«, befahl Hir-Ni der Bordtechnikerin.

»Wozu? Wir sollen doch evakuieren.«

»Dann eben nicht. Und was sollen wir mit der Wuz machen?«

ACHTUNG! FEHLMELDUNGSKORREKTUR! WIR HABEN KEIN LECK! DA HABT IHR ABER ZULK GEHABT!

»Bei allen Gibgibs! Wir sind gerettet!«, jubelte Divi-Na.

»Abwarten! Noch lebe ich!«, dämpfte der Captain die Freude der Ärztin.

»Dieser missliche Umstand lässt sich doch problemlos abändern, Eure Winzigkeit«, war sich Mari-Na sicher.

»Das könnte euch so passen! Ohne männliche Aufsicht den Krieg gewinnen und allen Ruhm einheimsen! Aber nicht mit mir!«, gab Hir-Ni wütend zurück.

»Mit wem dann?«, hakte Noosh-In nach.

ACHTUNG! DIE BEWEGUNGSSENSOREN ZEIGEN EIN FÜNFTES ELEMENT AN BORD! BITTE ÜBERPRÜFEN! ES KÖNNTE EIN HÖCHST GEFÄHRLICHES ALIEN SEIN! ICH HASSE ALIENS!

Dann war es einen Moment lang so still, dass selbst die berühmte Stecknadel nicht runterfallen wollte, als plötzlich …….

JETZT MACHT SCHON! FANGT DIESES ALIEN!

»Wer sagt denn, dass es ein Alien ist? Vorhin noch sagtest du …..«

VORHIN! VORHIN! WEN INTERESSIERT WAS ICH VORHIN GESAGT HABE? LOS JETZT ODER ICH SETZE DAS SCHIFF UNTER ZWISCH UND IHR WERDET ZUSAMMEN MIT DEM ALIEN GEZUSCHBACKT!

»Verdammte Scheiße! Das kannst du doch nicht machen, du hirntotes -zensiert von der galaktischen Union-!«, schrie Captain Hir-Ni, jede Autorität verlierend.

»Ich will nicht gezuschbackt werden, Eure Hirnlosigkeit!«, protestierte Mari-Na.

»Dann runter mit den Klippniks, damit ich euch richtig durchknibbeln kann!«, forderte Hir-Ni und grinste gierig bis geil.

»Ja, Gruppenknibbeln!«, rief Divi-Na begeistert und legte vor.

ACHTUNG! HABT IHR LUTSCHKOKEN VERGESSEN DAS WIR EIN ALIEN AN BORD HABEN?

»Sagt wer?«, wollte Noosh-In wissen.

Da öffnete sich zischend die Zugangstür der Brücke und in der Fahrstuhlkabine stand ein kleines süßes Wesen und sagte in die entstandene Stille (bedingt durch Schockstarre):

»Hallo, ich bin Ja-Na, eine Büchereimaus. Bitte tut mir nichts!«

Nachdem die Schockstarre ebenso schlagartig verschwand, wie sie aufgetaucht war, lachten die vier Offiziere der wukuwanischen Raumarmee wie auf Kommando los.

»Eine Büchereimaus!«, grölte Hir-Ni und zückte eine winzige Handfeuerwaffe.

ACHTUNG! DER HELDENHAFTE CAPTAIN HIR-NI TÖTET JETZT DAS ALIEN!

»Niemals!«, rief Noosh-In und stürzte sich auf ihren Vorgesetzten.

»Nehmen Sie ihre Tentakel weg, Sie ……!« Er verschluckte den Rest des Satzes, denn er und Noosh-In schwebten plötzlich in der Luft!

»Bitte, hört mich an. Ich möchte euch nichts tun, aber ich will auch nicht verschnutzelt werden!«, rief die Büchereimaus mit dünner Stimme.

HÖRT HÖRT!

«Schnauze!«, brüllte ein wütender Hir-Ni, doch der Bordquak ließ sich ungern Vorschriften machen.

ACHTUNG! WIR STÜRZEN AB! GIBT ES HIER JEMANDEN DER DAS VERHINDERN WILL?

Ratlos sahen sich die Crewmitglieder an.

»Wir sind verloren«, jammerte Divi-Na.

»Was wollen Sie unternehmen, Eure Schlunzigkeit?«, verlangte Mari-Na zu wissen.

VORSICHT! DAS ALIEN TRÄGT EINE BRILLE!

»Was?«, fragte Hir-Ni, der den Faden verloren hatte.

KORRIGIERE! IRRITATION DURCH UNTERSCHIEDLICHE FÄRBUNG DES FELLS!

»Da ist nichts gefärbt! Alles echt!«, protestierte Ja-Na.

»Ha, wer’s glaubt!«, bemerkte Noosh-In mit einer Spur Ungläubigkeit in der Stimme, die so sexy war wie das Quietschen einer eingerosteten Tür.

HALLO? SCHON VERGESSEN? WIR STÜRZEN AB! WIR WERDEN ZERSCHELLEN! NEIN! ICH WERDE ZERSCHELLEN! IHR WERDET ENTWEDER VORHER GEZUSCHBACKT ODER FALATSCHT WENN ICH ZERSCHELLE! WAS FÜR EIN DRAMA!

»Bin ich hier denn nur von Hirntoten umgeben? Lass mich sofort runter, du Bücheralien!«, befahl Captain Hir-Ni der Büchereimaus. Was er Sekunden später bereute. Schmerzhaft bereute!

Merkwürdigerweise stürzte nur der Captain zu Boden.

Noosh-In glitt sanft wie eine Feder auf den Boden der Tatsachen zurück und grinste unverschämt.

»Haben Sie sich wehgetan, Eure Unappetitlichkeit?«, erkundigte sie sich süffisant. Noch bevor der Kommandant der FINAL RAGE antworten konnte, veränderte sich die allgemeine Geräuschkulisse und die Notbeleuchtung erlosch.

»Was denn noch?«, stöhnte Hir-Ni nicht nur wegen der Schmerzen an seinem Qukik.

ACHTUNG! DER NOTSTROMGENERATOR IST AUSGEFALLEN! DAS KOMMT DAVON WENN MAN AM FALSCHEN ENDE SPART!

»Verdammt! Zumindest hat uns die ENTERPRISE noch nicht erwischt«, versuchte Hir-Ni der Situation etwas Gutes abzugewinnen.

»Vielleicht waren die abgefangenen Nachrichten gefälscht, um Stärke vorzutäuschen, Eure Schrumpeligkeit«, gab Mari-Na zu bedenken.

»Das waren Liveübertragungen, da kann man nichts fälschen!«, belehrte der Captain seine Waffenoffizierin.

»Zu dumm, dass unsere Experten den Code nicht entschlüsseln konnten«, bedauerte Divi-Na.

»So geht das nicht weiter! Noosh-In, jetzt reparieren Sie endlich was!«, befahl ein entnervter Hir-Ni.

»Wieso? Man sagte nur, ich sei zur Bordtechnikerin befördert, aber nicht, wie dieser ganze Billk funktioniert!«

»Sonst noch jemand, der eigentlich wegen Unfähigkeit nicht hier sein sollte?«, fragte der Captain resigniert ins Dunkel.

»Also, ich nicht!«, behauptete Divi-Na. »Ich kenne mich sehr gut mit dem Aufschneiden von Dixklos aus. Brauchen Sie einen Beweis, Captain?«

»Besser nicht.«

ACHTUNG! WIR STÜRZEN WEITERHIN DEM PLANETEN DER MUUSCHIES ENTGEGEN!

»Das ist das Ende der Geschichte, also geh mir nicht auf die Plattnoks, du unnützes Ersatzteil!«, resümierte der Captain und seufzte schwer und tief.

Zu diesem Zeitpunkt (MEZ gegenüber wukuwanischer Raum- und damit Bordzeit) auf der Erde.

Das vielen unbekannte Alien-Abwehrzentrum.

Ein Büro.

Soeben erhält General Johnny E. Bravo die Bilder, welche ein Satellit schoss, nachdem etwas mit seinem Sonnensegel kollidiert war und dieses nun eine um 40% niedrigere Leistung brachte.

»Auf diesen Fotos ist ja kaum was zu erkennen!«, beschwerte sich General Bravo.

»Tut mir leid, Sir! Was machen wir jetzt?«, fragte seine blutjunge Adjutantin.

»Hmm. Unser Shuttle ist doch in der Nähe. Die sollen mal versuchen, dieses Ding einzusammeln.«

Zurück an Bord der FINAL RAGE.

IHR HABT GLÜCK DASS WIR KEINEN ZWISCH MEHR HABEN!

»Warum?«, fragte Divi-Na so naiv wie eine gewisse blonde Millionenerbin.

»Bei allen Gibgibs! Wie kann man nur so stumpf sein?«, erregte sich Noosh-In, ohne erregt zu werden (wenn Sie wissen, was ich meine).

Die Büchereimaus, von allen unbeachtet, da es dunkel war (trotz einiger Sterne, die zum Bugfenster hereinschienen), konzentrierte sich auf etwas ganz anderes!

Ohne Vorwarnung erlosch auch der letzte Krümel Licht. Jetzt war es richtig dunkel!

»Wieso ausgerechnet eine Büchereimaus? Wir haben doch keine Bücherei an Bord!«, fragte sich Hir-Ni laut, aber niemand antwortete.

Da wurde das Schiff ordentlich durchgeschüttelt. »Ah! Ich hab mir den Dixklo gestoßen!«, fluchte Hir-Ni.

»Gibt es etwas zum Aufschneiden oder Ausweiden?«, fragte Divi-Na scheinbar besorgt, obwohl sie hoffte, endlich ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen zu können.

ACHTUNG! ICH BIN BLIND UND WERDE GLEICH ZERSCHELLEN! TRÖSTET MICH!

»Leck mich, du -zensiert von der galaktischen Union-lose Karikatur eines Bordquaks!«

DAS GEHT NICHT SIE BEUTEL VOLL BILLK DA ICH KEINE ZUNGE BESITZE!

»Aber sprechen können. Wie geht das überhaupt ohne Zunge?«, interessierte sich der Captain für die technischen Details, da eh bald Zapfenstreich war. Da flackerten die ersten Lichter, bis schließlich die gesamte Innenbeleuchtung wieder ihren Dienst aufnahm.

»Gute Arbeit, Noosh-In«, lobte der Captain, was alle entsetzte. Gefahr war im Verzug, wenn Hir-Ni jemanden lobte.

»Aber …. Das war ich nicht«, wehrte diese etwas plump, aber erfolgreich, das Lob ab und atmete tief durch.

HURRA! ICH KANN WIEDER SEHEN!

»Schnauze!«, bellte der ruhmreiche Kommandant des wukuwanischen Flaggschiffs und näherte sich unauffällig der Büchereimaus.

ACHTUNG! DIE STERNE SIND VERSCHWUNDEN! WIR STÜRZEN OHNE ORIENTIERUNG AB! DAS IST UNVERANTWORTLICH!

Diesmal brüllte Hir-Ni den (das?) Bordquak nicht an, sondern griff sich ein Glitschnie von der Konsole und stürzte sich auf das angebliche Alien. Mit einer Schnelligkeit, die man einem solchen Körper in seinen kühnsten Träumen nicht zugetraut hätte, stach er Ja-Na erst ins linke Auge und führte danach zwei Aufschlitzbewegungen durch.

Divi-Na wollte zu Hilfe eilen und sich am Aufschlitzen beteiligen, doch der Todesschrei, den die Büchereimaus ausstieß, ließ alle augenblicklich bewusstlos zu Boden stürzen.

War dies das unwiderrufliche Ende?

Würden alle den Aufprall verpassen?

NEIN! ICH BIN NOCH DA! HALLO?

Derweil im Präsidentenpalast, auch Weißes Haus genannt.

»Bitte, Herr Präsident«, sagte der General und legte den Aktenkoffer auf den Tisch seines Vorgesetzten.

»So viel Aufwand für eine Nachricht? Was steht denn drin?«

»Das ist streng geheim, Sir.«

»Oh, verstehe. Geheim. Dann wollen wir doch mal sehen, was unsere Spacecowboys diesmal wollen.« Die Nachricht lautete: >Objekt geborgen – Stop – Sieht merkwürdig aus – Stop – Macht Geräusche – Stop – Offensichtlich ein unbekanntes Flugobjekt – Stop – Erwarten weitere Anweisungen – Stop<

»Oha, ein Ufo also. Geben Sie durch, ich befehle die sofortige Rückkehr. Dann bringen Sie das Ufo zur Area 51 und beginnen mit der Untersuchung. Nehmen Sie Kontakt auf oder was immer nötig ist, um die Geheimnisse der Außerirdischen in Erfahrung zu bringen«, befahl der Präsident mit grimmigem Blick.

»Aye, aye, Sir! Wird mir ein inneres Blumenpflücken sein!«, entgegnete der General ebenso grimmig und verließ das Büro. Er hatte es mächtig eilig, wieder in sein eigenes Büro zu kommen.

Was mochte der Grund dafür sein?

Alkoholismus?

Ein Bedürfnis nach Wärme?

Hunger?

Alles falsch! Der General wollte nur zu dem einzigen Menschen, der ihn verstand und ihm, wenn er es brauchte, einen blies. Und jetzt brauchte er es dringender denn je!

Kaum im Vorzimmer seiner Adjutantin, versperrte er die Tür und öffnete den Reißverschluss seiner Uniformhose. Doch ihr aufgeregtes Abwinken ließ ihn innehalten.

»Was ist los?«, fragte er irritiert.

»Ich bin los«, antwortete seine Frau mit tonloser Stimme. »Und wag es ja nicht, nach Hause zu kommen, du Schwein! Du hast kein Zuhause mehr!«

Im Vorbeigehen schlug sie ihm schnell und überraschend ins Gesicht, prallte anschließend gegen die (für sie überraschend) verschlossene Tür. Mit einem undamenhaften Fluch kommentierte sie diesen Umstand, entriegelte die Tür und stürmte hinaus.

»Tut mir leid, aber ich …..« Weiter kam sie nicht, denn der General versperrte bereits wieder die Tür, wobei er sagte:

»Mir nicht! Jetzt haben wir mehr Zeit für uns!«

»Das interessiert nur jemanden, der eine Parkuhr ist. Warum hab ich mein Höschen noch an?«, wollte seine Adjutantin wissen und zog auffordernd ihren knielangen Rock langsam in die Höhe.

Der General schluckte hart. Sie trug gar keine Unterwäsche! Verstieß das nicht gegen gewisse Vorschriften?

Egal!

Schon nestelte er an den Knöpfen ihrer Bluse, um ihre Brüste freizulegen, bei deren Anblick er stets nur noch Kind sein wollte, als es an der Tür klopfte.

»Verflucht!«, fluchte die Adjutantin nicht sehr damenhaft, machte sich, trotz schwacher Proteste, frei und ging zur Tür.

Draußen wartete der Adjutant eines anderen Generals und rief aufgeregt:

»Der General soll sofort im Konferenzsaal erscheinen! Roter Alarm! Wir haben Kontakt!«

»Ich sag’s ihm«, versprach sie in säuerlichem Ton und schloss die Tür. Zu mehr Reaktion war sie momentan nicht fähig oder willens.

»Roter Alarm? Wer will uns denn da ans Bein pinkeln?«, fragte sich der General und kratzte sich am Sack.

Nach und nach kam die Besatzung der FINAL RAGE wieder zu Bewusstsein. Noch immer wurde das Schiff von schweren Turbulenzen geschüttelt. Dachte man, während sich alle festschnallten, wobei ihnen ständig Teile von Ja-Nas Eingeweiden (oder Ja-Na selbst) um die Ohren flogen, was eine ziemliche Sauerei ergab.

Bis ein gigantisches Auge versuchte, einen Blick auf das Innere des Schiffs zu werfen.

Wild durcheinander schreiend, sich ihrer Panik voll hingebend, wusste keiner, was eigentlich los war.

ACHTUNG! DIE AUSSENSENSOREN MELDEN DASS EIN RIESIGER MUTANT UNS MIT SEINEN GREIFWERKZEUGEN GEPACKT HAT!

»Setz die Hülle unter Zwisch. Vielleicht lässt er uns dann los!«, befahl der Master of Disaster mit schriller Stimme.

ABER ER IST WIRKLICH RIESIG!

»Drauf mach ich einen Haufen Klek, du Feigling!«, quiekte Hir-Ni.

»Setzen Sie sich durch, Eure Sperrigkeit!«, feuerte ihn Mari-Na an, was der Captain allerdings falsch verstand.

»Ich mach dich kalt, du -zensiert von der galaktischen Union-!«

JA! NIXDAKNIBBELN!

»Schnauze!«

Der Captain war echt und sehr erregt. Sozusagen kurz davor, sein Glitschniek auszufahren!

ICH BIN KEIN NIEDERER BEFEHLSEMPFÄNGER! ICH BIN DAS BORDQUAK!

»Na und? Nur eine Maschine von vielen! Ersetzbar, wie alles andere!«

»Ja, setz dich durch! Lass dir das nicht gefallen!«, unterstützte Mari-Na nun die Rebellion der Maschine.

»Ich finde auch, dass Sie viel zu oft rumschreien und zudem unflätige Wörter benutzen. Muss das sein?«, gab jetzt auch Divi-Na ihren Kommentar zum Benehmen des Captains.

»Das ist das Vorrecht eines Vorgesetzten!«, behauptete Hir-Ni.

»Dann gehen Sie auch vor, wenn Gefahr droht?«, fragte Noosh-In, die es jetzt genau wissen wollte.

»Seine Verschleimtheit? Niemals!«, gab Mari-Na ihre Überzeugung der Öffentlichkeit preis.

»Du miese -zensiert von der galaktischen Union-! Wenn das hier vorbei ist, mach ich dir ein Specklusken!«, schwor Hir-Ni der Bordärztin.

»Nur mit meiner kalten Pfarze!«, konterte Divi-Na.

»Dann erst recht! Aber doppelt!«, versicherte er ihr und wartete auf das Ende dieser Episode, die irgendwann vorbei sein MUSSTE.

VIELLEICHT SOLLTE ICH JETZT DIE WUZ ABWERFEN!

»Macht doch, was ihr wollt«, resignierte Hir-Ni und sonderte unangenehmen Geruch ab.

»Ein passendes Schlusswort, eure Abartigkeit«, befand Mari-Na geradezu fröhlich.

»Nein, Bordquak! Wenn wir die Wuz jetzt abwerfen, war alle Mühe vergebens. All die Beschimpfungen umsonst ertragen, noch nichts zu verflibbeln! Das darf nicht das Ende sein!«, appellierte die Bordärztin an die Maschine.

NA GUT! ABER SAGT BESCHEID WENN ES SOWEIT IST!

Zum Glück der Wukuwaner konnte das Bordquak keine Gedanken lesen. Oder? Jetzt bin ich verunsichert. Kann es? Sag schon! Alles klar, heute nicht mehr. -zensiert von der galaktischen Union-!

Der General wusste nicht, ob er lachen oder etwas anderes tun sollte.

Ein riesiges Raumschiff nähert sich der Erde?

Scheiße!, dachte er, als er nach vielen Sitzungsstunden im geheimen Bunker in das Vorzimmer seines Büros trat.

»Und?«, fragte seine Adjutantin besorgt, als sie seine angespannte Miene sah.

»Sofort ins Bad! Schnell, bevor es keine Möglichkeit mehr dazu gibt!«, trieb er sie an. Kaum fiel die Tür des Badezimmers ins Schloss, hatte er ihre Brüste, weiß wie italienischer Marmor, freigelegt, als eine Stimme im Nebenzimmer rief:

»Ist jemand hier?«

»Pst«, gebot der General und küsste ihren Hals, während eine Hand versuchte, unter ihren Rock zu gelangen.

Da ging die Tür auf und jemand sagte:

»Ach, da sind Sie!«

»Wenn Sie auch nur einen Ton darüber verlieren, ist ihre Karriere mehr als beendet, verstanden?«, stieß der General wütend, mit betont drohendem Unterton, aus und richtete seine Uniform.

»Natürlich, Sir! Hier ist nichts passiert und folglich habe ich nichts gesehen!«

»Also, warum stören Sie meine Besprechung?«

»Sir, das Shuttle ist gelandet. Man erwartet Sie im Labor.«

»Weshalb? Ich bin keiner von diesen Einstein-Freaks!«

Der (männliche) Adjutant begann aufgeregt mit den Händen rumzufuchteln, was dem General überhaupt nicht gefiel.

»Sie haben den mysteriösen Gegenstand mitgebracht!«

»Welchen mysteriösen Gegenstand?«, fragte der General.

Da half seine Adjutantin aus.

»Das Memo! Der Gegenstand, der das Sonnensegel des Spionagesatelliten beschädigte. Ich wollte es ihnen gerade bringen!«

»Schlamperei! Bin ich denn nur von der Unfähigkeit in Person umgeben?«

Der Adjutant überlegte fieberhaft, ob er auf die Frage in irgendeiner Art antworten sollte.

Dieses Problem hatte die Adjutantin nicht. Sie wusste, dass sie nur in bestimmten Situationen den Mund zu öffnen hatte. Ansonsten war man mit Schweigen immer auf der sicheren Seite.

Da öffnete der Adjutant den Mund!

An Bord der FINAL RAGE herrschte helle Aufregung.

Soeben hatte das Bordquak vermeldet, dass Sonderverfügung S-666-ATA-N mit sofortiger Wirkung aktiviert wurde.

»Und um was geht es dabei?«, fragte Hir-Ni jeden und keinen.

»Die Kampfroboter haben sich aktiviert, weil ihnen langweilig ist«, klärte ihn Noosh-In auf.

»Ist nicht wahr! Einfach so? Wozu bin ich Captain, wenn jeder machen kann, was er will?«

»Keine Ahnung, eure Überflüssigkeit! Weil man Hir-No, den anderen Captain, nicht finden konnten?«, stichelte Mari-Na.

»Schon gesagt? ICH HASSE EUCH!«, brüllte Hir-Ni unvermittelt los.

Da klopfte es erneut an der Tür. Jemand wollte anscheinend auf die Brücke!

Wer war dieser Jemand?

Und was wollte er?

Oder war es eine Sie?

Gar ein Danger-Seeker?

Ferngelenkt?

Bevor der Adjutant etwas sagen konnte, fing er an zu glitzern und verschwand!

Entsetzt sah die Adjutantin den General an.

»Darum kann ich mich jetzt nicht auch noch kümmern!«, bellte dieser unverhältnismäßig laut, um seine eigene Unsicherheit zu kaschieren. Dann stürmte er aus dem Raum, halblaut einen Fluch murmelnd.

ACHTUNG!, meldete sich der Bordquak zu Wort. DIE ROBOTER WOLLEN ZUGANG ZUR BRÜCKE UM DAS KOMMANDO ZU ÜBERNEHMEN!

»Die machen uns eiskalt kalt!«, befürchtete Divi-Na. Niemand widersprach ihr.

»Und jetzt, eure widerliche Verdummtheit?«, provozierte Mari-Na (zu diesem Zeitpunkt sehr unproduktiv) ihren Captain.

»Wir werden verhandeln!«, war dessen simple Antwort.

Der Captain öffnete persönlich die Schleusentür. Ohne ein Geräusch (wenn man von den Panzerketten absah, auf denen sie sich fortbewegten) oder eine Ehrenbezeichnung rollten vier Roboter an ihm vorbei. Sie unterschieden sich nur in einem Punkt: Ihre Schädel waren verschiedenfarbig lackiert.

NOOSH-IN! KURS ÜBERPRÜFEN!, befahl die rotköpfige Maschine mit schnarrender Stimme, doch bevor die Pilotin antworten konnte, schnarrte die grünköpfige Einheit:

ROGER ROGER!

Verwirrte Blicke flogen unkontrolliert umher, verletzten aber niemanden.

MARI-NA! STATUS!

Der blauköpfige Roboter, nachdem er blitzschnell die Waffenkonsole überprüft hatte, schnarrte: ALLE WAFFEN SCHARF! WUZ ABWURFBEREIT!

»Jetzt reicht’s!«, kreischte Hir-Ni. »Zwei von jeder Sorte ertrage ich nicht!«

Da drehte sich der Rote in seine Richtung, scannte ihn und fragte dann:

WARUM?

»Äh, weil es zu viele sind?«, fragte der total überforderte Captain vorsichtig zurück.

Der Roboter-Captain berechnete schnurrend und summend die Wahrscheinlichkeit dieser Antwort, die aber auch eine Frage war!

Jetzt muss man wissen, dass sich die wukuwanische Technik bezüglich künstlicher Intelligenz zu diesem Zeitpunkt nicht in der Blüte befand. Eher im Stadium eines frisch ausgesäten Mutterkorns!

Gleichzeitig etwas Gegensätzliches zu verarbeiten überforderte die billig hergestellten mechanischen Teile, der rot lackierte Kopf begann zu qualmen, dann warf der Lack Blasen.

Alle starrten den künstlichen Captain wie eine gesichtslose und absolut sensationsgeile Masse an, warteten atemlos ab, was als nächstes passieren würde.

Erste Funken sprühten aus dem Kopf und alle zuckten erschrocken zusammen, als der Bordquak Alarm schlug.

ACHTUNG! AUSSENSENSOREN MELDEN TEMPERATURÄNDERUNG!

In diesem Moment wurde das Schiff schwer erschüttert!

Der kofferartige Metallkasten stand nun, nach einer flüchtigen Untersuchung in Area 51 (welche allerdings nie stattfand, da ja jeder weiß, dass dieser Ort nur ein Mythos ist), auf dem Schreibtisch des Präsidenten. Darin der mysteriöse Gegenstand aus dem All.

»Und was ist das nun, wenn keine Gefahr besteht?«, fragte der homosexuelle Staatsführer japanischer Abstammung die drei Männer vor seinem Schreibtisch, allesamt Generäle.

»Nun, Sir, am wahrscheinlichsten ist wohl, dass es sich um eine Botschaft handelt.«

»Eine Botschaft? Und wie lautet diese? Kommen morgen zum Tee?« Der Präsident schüttelte leicht den Kopf, fassungslos über die Unfähigkeit von Militär und Wissenschaft, und griff mit beiden Händen nach dem etwa 1,2 Meter langen Gegenstand, hob ihn aus der Schaumstoffeinlage, denn für seine Größe war er überraschend leicht.

WAS SOLLEN WIR TUN?, fragte das Bordquak.

»Den Antrieb starten!«, rief Noosh-In.

SCHLAFWERFER ABFEUERN, riet das Bordquak.

»Panisch in Panik verfallen«, tippte Mari-Na.

»Oh nein!«, grummelte Hir-Ni grimmig, »Wir machen etwas, womit niemand rechnet!«

»Und was soll das sein?«, wollte Divi-Na wissen.

»Wir ergeben uns und bitten um Asyl!«

»Niemals!«, rief Noosh-In entrüstet.

DAS IST HOCHVERRAT!, schnarrte der Mari-Na Roboter. SIE STEHEN HIERMIT UNTER ARREST!

»Pah, drauf gesnuht!«, war Hir-Nis Reaktion auf den ihn umgebenden Wahnsinn.

SIE WOLLEN MICH EXKREMENTIEREN? DAS WÄRE MORD!, gab der Roboter, welcher Mari-Na in keinster Weise ähnelte, zu bedenken.

WAS SOLL ICH TUN?, fragte das Bordquak, doch niemand achtete darauf.

DAS war ein großer Fehler!

Während sich Wukuwaner und Roboter anschrien, bzw. anschnarrten, traf das Bordquak eine einsame Entscheidung und verkündete sie dann. ICH WERFE JETZT DIE WUZ AB!

»Nein!«, schrie Hir-Ni noch, aber er hatte keinerlei Möglichkeiten, die Wahnsinnstat zu verhindern. Allen an Bord der FINAL RAGE blieb nur, auf etwas Unvermeidliches zu warten:

DAS ENDE?

Nein, auf das explodieren der Wuz, die etwa so groß war, wie der kleine Finger des Präsidenten. Diese tat ihre Pflicht und explodierte mit allem, was ihr zur Verfügung stand. Alles im Umkreis von rund fünfundzwanzig Metern wurde zerfetzt. Nur die FINAL RAGE nicht, dank ihrer Anti-Wuz-Beschichtung. Allerdings wurde durch versehentliches Betätigen eines Schalters durch den umherfliegenden Kopf eines -zensiert von der galaktischen Union- Roboters der Tankverschluss des zweiten Antriebsbehälters geöffnet, wodurch sein Inhalt entkommen konnte. Erst beim Aufprall, nach einem völlig unkontrollierten Flug über fünfhundert Meter, ging noch etwas zu Bruch. Das Vertrauen der Besatzung in die wukuwanische Technik.

Derweil befielen mikroskopisch kleine Käfer alles, was mit Strom betrieben wurde. Sie vermehrten sich ungehindert, weil niemand von ihrer Existenz wusste, und legten so nach und nach den Planeten lahm.

Doch bis dahin verbreiteten die Medien Nachrichten aus glaubwürdigen Quellen mit solchen Schlagzeilen:

INVASION!

SIE SIND HIER! ALIENS AUS DEM ALL!

HAUPTFLOTTE HINTER DEM MOND VERSTECKT!

DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN!

Der Tod des Präsidenten schien zweitrangig. Die Sensationsgier der Medien war mit der `Droge Außerirdisch´ auf das höchste Level gepuscht worden.

All das verpassten unsere Helden, denn sie lagen bewusstlos, aber nur leicht verletzt, auf der Brücke ihres Schiffes, welches ein netter Hund gerade in seinem Maul davon trug.

Fortsetzung folgt…

Tim & Selena-Mandy O’Connor (Sofort lesen)

Mandy O’Connor beobachtet in ihrem Episodenroman „Zwei Wochen“ in lockeren Abständen in jeder Episode rund 14 Tage im Leben von Tim, Selena und weiteren jungen Leuten. Sie alle sind auf der Suche und sie alle müssen und werden ihren Weg finden. 
Seid gespannt auf das ganz normale Leben.

 

Episode 1

Tim & Selena: Zwei Wochen

Es ist spätes Frühjahr, die ersten warmen Sonnenstrahlen locken nicht nur junge Leute in die Stadt. Selena, eine junge Frau mit halblangen, braunen Haaren, geht das erste Mal in diesem Jahr wieder in ihr Lieblingscafé am Markt. In diesem Jahr wird sie die Schule beenden und danach, was kommt danach, sie weiß es noch nicht. Eine Ausbildung, ein Studium … Ein Jahr im Ausland … Sie ist gerade erst 19 geworden.

Es wird vermutlich nach der Schule alles anders werden. Im Moment weiß Selena noch nicht, ob sie sich darauf freuen soll. Es gibt Tage, da ist sie neugierig. An anderen Tagen dann kommt wieder eine leichte Traurigkeit hoch. Ihre Mutter sagt immer: Es wird schon werden. ‚Was wird schon werden? ‘, denkt Selena. Wenn sie es nur wüsste.

Heute genießt sie erst einmal den ersten warmen Tag und wartet auf ihre Freundin. Es ist noch nicht viel los. Erst in der Mittagszeit werden Gäste kommen, von denen viele in der Nähe arbeiten. Selena beobachtet gern. Banker, die lässig die Hände in den Taschen verstecken, schleppen Azubis hinter sich her, die so tun, als müssten sie genau so lässig herüberkommen. Geschäftsleute, die sich mit Ihresgleichen treffen, die teuren Smartphones neben der Speisekarte abgelegt. Studenten, die das Tagesgericht bestellen. Sie bestellen immer das Tagesgericht. Touristen, ältere Damen mit dicken Ringen an den Fingern. An manchen Tagen ist das Beobachten Selenas Lieblingsbeschäftigung. Heute nicht. Heute wartet sie auf ihre Freundin Tanja. Selena will wissen, was Tanja vorhat.

‚Das dauert heute wieder‘, denkt Selena. Da kommt Tanja um die Ecke. Selena ist wie erstarrt. Sie wollte schon aufspringen, so wie immer, wenn sie Tanja trifft. Doch nun hat Tanja einen Prinzen neben sich. Blond, blaue Augen, so tiefblau, wie in einem kitschigen Prospekt über die Karibik. Selena ist hin und weg. Das geht nicht. Tanja und dieser Traumprinz. Wo hat sie den nur her? Selenas Gefühle spielen Achterbahn. Sie rattern ungebremst von der Karibik bis zum Nordpol. Hin und her. Das Schlimmste aber: Sie ist sprachlos. Das ist sie sonst nie! Bisher dachte Selena immer, selbst wenn sie mal einen Traummann treffen sollte, dann wäre sie garantiert cool und jeder Situation gewachsen. Und nun? Cool ist da gar nichts, nur ein fetter Frosch im Hals. Gefühlt dick, schleimig und grün.Tanja kommt mit dem Prinzen am Tisch an und sagt:

„Hey Selena, darf ich dir Tim vorstellen?“

Und nun blockiert dieser blöde Frosch ihr sonst glockenhelles, wunderbar ausdrucksstarkes ‚Hallo‘. Es klingt eher nach:

„Challo … ich bin Selena. Challo Tim!“

Tanja lacht glucksend und fragt:

„Tim, was willst du trinken?“

Sie hofft damit, Selenas Reaktion zu überspielen. Die hat sie sehr wohl mitbekommen. Ob es ihr gelungen ist? Tim ist jedenfalls nichts anzumerken. Tanja bestellt für alle Eiskaffee. Auch in diesem Jahr bedient im Außenbereich wieder Jenny. Selena kennt sie noch vom letzten Jahr. Jenny studiert an der hiesigen Uni Physik. ‚Sie weiß wenigstens, was sie tut‘, denkt Selena ganz kurz. Tim fordert jedoch sehr schnell wieder ihre ganze Aufmerksamkeit. Außerdem hofft sie, dass der Eiskaffee bald kommt. Der Frosch im Hals muss definitiv schnell verschwinden. Selena ist neugierig. Sie überlegt schon, wie sie mehr über Tim erfahren kann. Wäre sie mit Tanja allein, würde sie sofort fragen: ‚Wo hast du den aufgegabelt?‘ Das geht gerade nicht.

Tanja und Tim unterhalten sich locker über alles, was Selena nun gar nicht interessiert. Wie die Reise war, ob der Zug wirklich so viel Verspätung hatte, ob Tim schon gegessen habe, wie das Wetter während der Reise war, und so weiter. ‚Unwichtig!‘ denkt Selena, ‚sowas von unwichtig.‘ Das ist wichtig: Wo kommst du her? Hast du eine Freundin? Selena denkt: ‚Ich dreh gerade frei, was geht mich das an?‘ Der Typ, zugegeben ein Traumprinz, ist seit fünf Minuten am Tisch und sie interessiert nur, ob er Single ist. Das geht nun doch zu weit. Zudem weiß sie nicht, was Tanja und Tim verbindet. Oder im besten Fall: nicht verbindet. Selena ist durcheinander. Vielleicht schafft sie es heute noch, mit Tanja unter vier Augen reden zu können.

„Selena!“, ruft Tanja, „Seleeeenaaaa!“

Selena wirkt, als würde sie vor sich hin träumen.

„Was? Sorry, Tanja. Was ist los?“

„Wir wollten jetzt gehen“, sagt Tanja, „Tim hat noch in der Stadt zu tun“.

„Schade …“, krächzt ihr dicker, schleimiger, grüner Frosch.

„Bist du morgen wieder hier?“, fragt Tanja.

„Denke chon“, krächzt er.

„Dann bis morgen, Selena“, ruft Tanja. Und schleppt den Traumprinzen ab.

Tim ruft noch zurück:

„Bis die Tage, Selena“.

Und auf einmal ist dieser sonnige, warme Frühlingstag irgendwie mit Dunst verhangen.

***

Einen Tag später treffen sich Selena und Tanja wieder im Café. Heute ist das Wetter nicht mehr so strahlend schön. Selena war nach dem Treffen mit Tanja und Tim unruhig gewesen wie noch nie in ihrem Leben vorher. Weder Shoppen gehen, noch mit anderen Freundinnen chatten, hatten sie ablenken können. Am Abend hatte sie noch versucht, Tanja zu erreichen. Nichts. Tanja war nicht erreichbar gewesen. Jetzt sitzt sie mit Tanja am Tisch und Tanja erzählt und erzählt. Leider nichts von Tim. Selenas Problem ist: Sie weiß nicht, wie sie anfangen soll. Jeder weitere Satz von Tanja entfernt Selena weiter von ihrer Herzensfrage. Dann hält sie es nicht mehr aus und platzt Tanja mitten in den Satz:

„Sag mal, wo hast du den denn aufgegabelt?“

Viel zu laut kommt Selena ihre Frage vor. Sie hat fast das Gefühl, alle Leute im Café interessiert genau wie sie, nur diese eine Antwort. Tanja hält inne.

„Wieso? Tim ist kurz auf Durchreise und wir haben uns getroffen. Ende.“

„Ja und?“, fragt Selena, „nichts weiter?“

„Genau“, antwortet Tanja, „nichts weiter“.

Und erzählt weiter.

Jenny, die auch heute wieder im Café bedient, bekommt den kurzen heftigen Disput der Freundinnen mit und denkt: ‚Das kann doch nur um den Blondling von gestern gehen … Das kann noch interessant werden.‘

***

Als Tim sich von Selena verabschiedet hatte, ging er noch mit Tanja ziellos durch die Stadt. Sie hatten sich viele Jahre nicht gesehen. Und trotzdem: Schon beim unverhofften Wiedersehen am Fahrkartenautomaten im Bahnhof, war es, als wären sie nie getrennt gewesen. Sie hatten erzählt, sind sich ins Wort gefallen, hatten gelacht und die Zeit vergessen. Es war wundervoll vertraut gewesen und doch neu. Tim lächelt. Klar, 8 Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Da ist bei beiden viel passiert.

Tanja ging in dieser Stadt in die Schule, ihre Eltern hatten gute Jobs, Geldsorgen kannte sie nicht. Bei ihm war alles anders. Er zog mit seiner Mutter ihrer Arbeit hinterher. An seinen Vater hatte er schon lange keine Erinnerung mehr. Und doch, es war schon immer so: Waren sie zusammen, spielte das alles keine Rolle.

Sie war Tanja und er war Tim. Jetzt war es auch so, doch obwohl so vertraut, gab es eine unsichtbare Wand zwischen ihnen. Erst sehen sie sich Jahre nicht, dann soll von einem Tag auf den anderen alles wie früher sein? Nach so langer Zeit war das nach Tims Auffassung völlig in Ordnung.

Am Abend ging er noch einmal in das Café, wo er am Mittag mit Tanja Selena getroffen hatte. Diesmal war er allein, nahm die Speisekarte in die Hand und wählte ohne langes Suchen das Tagesgericht. Jenny, die Bedienung, nahm seine Bestellung auf und lächelte ihn an.

***

Nachdem Tanja sich von Tim verabschiedet hatte, ließ sie den Tag noch einmal an sich vorbeigleiten. Was war da alles passiert. Sie hatte nach vielen Jahren ihre Sandkastenliebe Tim am Bahnhof wiedergetroffen, schleppte ihn zu Selena ab und wurde von deren Reaktion völlig überfahren. Dass ihre beste Freundin plötzlich einen Frosch verschluckt, nachdem sie Tim begrüßt hatte, kannte sie von ihr gar nicht. Selena und Sprachlosigkeit. Unvereinbar. Doch vielleicht sah Selena Tim in einem ganz anderen Licht als Tanja selbst. Das wäre durchaus möglich. Für Tanja ist Tim einfach der beste Freund ever. Jetzt, wo sie ihn wiedergetroffen hatte, kam sie sich wieder vollständig vor. Es gibt Dinge, die vermisst man nachträglich erst, wenn man sie plötzlich wiedergefunden hat. ‚Mein bester Freund und das soll auch so bleiben‘, denkt Tanja. ‚Ich habe andere Dinge vor.‘

Am Abend, nachdem Tanja WhatsApp abgearbeitet hatte, zog sie sich etwas über und lief noch einmal in die Stadt. Von Jenny erfuhr sie, dass Selena nicht wieder aufgetaucht und Tim gerade gegangen sei. Tanja bestellte sich etwas und ließ den Tag geruhsam ausklingen. Sie wartete nur noch auf Jenny, um nach deren Dienstschluss nicht allein durch die leere Stadt nach Hause gehen zu müssen. Jenny wohnte in einer WG in ihrer Nähe und sie hatten damit beide einen angenehmeren Heimweg.

***

Einige Tage später. Selenas Mutter bedrängt sie ständig, wie es für sie nach dem Abi weitergehen soll. Selena weiß es natürlich nicht. Ständig geistert Tim in ihren Gedanken herum. Klar, sie sieht schon ein, dass es wichtig ist, aber muss denn ihre Mutter gerade jetzt damit nerven? Und überhaupt, vielleicht geht sie in eine ganz andere Stadt oder ins Ausland. Weit weg von den kreisenden Gedanken um Tim und Tanja.

Tanja ist nach wie vor nicht für sie erreichbar. Langsam macht Selena sich Sorgen. Sie weiß, dass Tanja manchmal abends ins Café geht. Vielleicht geht sie heute in die Stadt. Ist Tanja nicht da, hofft Selena, dass wenigstens Jenny bedient. Vielleicht weiß sie, was mit Tanja los ist.

***

Als Selena das Café betritt, steht Jenny glücklicherweise hinter dem Tresen. Draußen ist alles abgedeckt. Es regnet. Frühling sieht anders aus. Nachdem Selena sich den obligatorischen Eiskaffee bestellt hat, schaut sie auf den verregneten Platz. Von Tim und Tanja ist weit und breit nichts zu sehen.

„Sag mal“, fragt sie Jenny, „hast du in letzter Zeit mal Tanja gesehen?“

Jenny lächelt.

„Warum fragst du? Tanja ist nicht in der Stadt.“

„Und … und …?“, fragt Selena.

„Was und? Meinst du den Blondling?“, entgegnet Jenny.

„Ja, ich habe den Namen vergessen. Aber ja, den meine ich.“

‚Was mach ich da nur?‘, denkt Selena. ‚Das ist doch kindisch.‘ Wie sollte sie den Namen des Prinzen vergessen. Sie wird leicht rot. Gut, dass Jenny jetzt bei einem anderen Gast steht. Selena widmet sich ihrem Eiskaffee und wartet, dass Jenny wieder etwas Zeit hat. Nach einer gefühlt viel zu langen Pause kommt Jenny wieder an ihren Tisch am Fenster. Sie geht jedoch nur an ihr vorbei, dreht sich kurz um und meint:

„Vielleicht ist Tanja mit Tim, so heißt der Blondling nämlich, unterwegs. Ich weiß es nicht. Tschüss, Selena, ich bin verabredet.“

‚Dann also Tschüss‘, denkt Selena, bezahlt und geht durch die leere Stadt nach Hause. Zu ihrer Mutter, die sie sicher wieder fragen wird, wo sie war und ob sie nichts Wichtigeres zu tun habe.

***

Nach einigen Tagen meldet sich plötzlich Tanja bei Selena:

„Hey! Wo hast du gesteckt?“, fragt sie Tanja.

„Ich war unterwegs … eben unterwegs“, druckst Tanja.

„Eine kleine Auszeit, um mir über einige Dinge klar zu werden.“

‚Aha‘, denkt Selena, ‚klar werden. Worüber denn?‘ Sie weiß nicht, was sie denken oder hoffen soll. Ob sie überhaupt wissen will, worüber Tanja sich klar werden muss. Es ist vertrackt. Plötzlich fällt Selenas Träumerei in sich zusammen.

„Übrigens treffe ich mich morgen mit Tim am Bahnhof. Kommst du auch?  Er hat nach dir gefragt.“

‚Tim fährt wieder weg‘, denkt Selena. Alles in ihr ist plötzlich in Aufruhr. Sie weiß noch nichts über ihn, nur seine blauen Augen verfolgen sie ständig. Dabei wüsste sie so gern, wo er wohnt, was er mag oder nicht mag, ob er sie vielleicht mögen könnte?

„Ja, ich komme“, krächzt Selena, „Bis morgen“.

Wie gut, dass Tanja nur am Handy war. Hätte sie ihr gegenüber gesessen … OMG.

***

Als Selena am nächsten Abend am Bahnhof ankommt, sind Tim und Tanja schon da.

Sie unterhalten sich, gestikulieren und lachen. Langsam geht sie auf die beiden zu und ruft:

„Hallo, ihr Zwei! Mein Bus hatte Verspätung.“

„Schön, dass du gekommen bist“, antwortet Tanja und lächelt.

‚Tanja lächelt‘, denkt Selena, ‚nun gut, sie hat sicher genügend Gründe dafür.‘

Dann reden die Drei noch eine Weile reichlich belangloses Zeug bis Selena ruft:

„Ich muss los! Mein Bus …“

Eigentlich ist sie ganz froh, dass ihr Bus nicht so häufig fährt, damit hat sie einen guten Grund, zu verschwinden. Tim schaut eigenartig und sagt:

„Dann bis irgendwann einmal, Selena.“

„Bis irgendwann!“, ruft Selena zurück.

Tanja ruft noch etwas hinter Selena her, aber das hat diese nicht mehr gehört. Sie will nur noch weg.

***

Tim und Tanja bleiben am Bahnsteig zurück. Sie sehen sich reichlich betreten an. Tim bricht die Ratlosigkeit und sagt:

„Komm, wir verabschieden uns im Abteil.“

Er nimmt den Koffer und geht mit Tanja langsam zum Zug.

Derweil sitzt Selena an der leeren Bushaltestelle. Es regnet und der Bus ist weg. Ihre Gedanken sind genauso trüb wie dieser verregnete Frühlingstag. Plötzlich ruft es. Das Rufen kommt immer näher. Selena ist völlig geplättet. Sie hat Tanja erwartet. Doch es ruft Tim! Wieso das? Tanja hatte sich doch von ihm verabschiedet. Sie steht auf und langsam kriecht dieser Frosch in ihren Hals. Ihre Gefühle rasen wie vor einigen Tagen von der kitscheblauen Karibik bis an den Nordpol. Hin und her. Immer wieder. Als Tim bei ihr ankommt, sagt er nur:

„Warum wolltest du dich denn nicht von Tanja verabschieden? Sie war ziemlich traurig darüber.“

Selena wird es unheimlich. Sie erschrickt.

„Tanja? Wieso Tanja? Ich dachte …?“

„Dass ich wieder wegfahre?“, sagt Tim.

Selena ist sprachlos. Schon wieder.

„Ja, dass du wegfährst.“

„Aber Tanja!“, ruft sie.

„Und ich habe mich nicht von ihr verabschiedet.“

„Hast du denn nicht gehört, dass sie dir noch hinterhergerufen hat?“, sagt Tim leise.

„Dass sie etwas gerufen hat, ja, das habe ich gehört, aber nicht verstanden. Ich … wollte nur noch … meinen Bus erreichen …“

„Dann solltest du dich vielleicht bei ihr melden.“

„Ja, das werde ich. Dann sofort.“

Selena ist plötzlich ganz schlecht. Das wollte sie nicht, ihre beste Freundin einfach so stehen lassen. Wer weiß, wann sie sich wiedersehen. WhatsApp, Skype, alles kein Problem, aber so richtig in den Arm nehmen, sich Wünsche und Träume anvertrauen. Das fehlt Selena bereits jetzt. Dann nimmt sie ihren Mut zusammen und fragt Tim:

„Warum bist du eigentlich in unsere Stadt gekommen?“

„Das ist ganz einfach“, sagt Tim.

„Ich suchte einen Studienplatz und habe Tanja angefunkt. Ich wusste, dass sie sich hier auskennt. Nun bin ich da.“

„Und Tanja?!“, fragt Selena.

„Tanja fährt ins Ausland. Sie macht ein Jahr an einem College. ‚Horizont erweitern‘ hat sie gesagt.“

„Dann lass ich dich mal kurz allein“, meint Tim, „damit du Tanja anfunken kannst. Dann kannst du mir ja die Stadt etwas zeigen. Tanja hatte die letzten Tage wenig Zeit. Koffer packen, Formalitäten und so.“

Selena geht einige Schritte zur Seite und ruft Tanja an. Sie ist heilfroh, dass Tanja ans Handy geht. Tim sieht, wie Selena lacht und heult, alles durcheinander. Nachdem Selena das Gespräch beendet hat, wartet er noch eine kurze Zeit, ehe er wieder zu ihr geht. Sie soll sich erstmal wieder in den Griff bekommen. Dann meint er nur kurz:

„Können wir los?“

Plötzlich weiß Selena, was sie nach dem Abi tun möchte.

***

Vielleicht folgt eine Fortsetzung.

Wer weiß, was Tim und Selena in Zukunft erleben werden. Ob Tanja ihren Horizont erweitern und ob Jenny endlich ihr Studium beenden konnte.

Schreibt ein Mail oder einen Kommentar, vielleicht geht diese Geschichte weiter. 

Das Leben ist schön. Dass es einfach ist, hat nie jemand behauptet. 

Eure Mandy O’Connor

Michael Suhr-Steinseele (Sofort lesen)

Urheberrechtlich geschütztes Material!

© ELVEA 2018


Böse

Krimi

Es war ein Abend wie die meisten anderen auch. Das Radio plärrte altbekannte Schlager, das Büro war spärlich beleuchtet und bis auf meine Person menschenleer. Ich war nur im Büro, weil irgendeine Vorschrift die Nachtwache auf der Polizeistation vorschrieb. Gelangweilt löste ich das Kreuzworträtsel mit Preisausschreiben einer Tageszeitung. Der Einsendeschluss war schon abgelaufen. Mir ging es nur darum, mich ein wenig abzulenken. Zäh rann die Zeit an mir vorbei. Ähnlich wie der Regen, der nun schon den zweiten Tag in Folge unaufhörlich fiel und träge an den Fensterscheiben entlangfloss. Das Rätsel war schwieriger als gedacht, oft musste ich mich korrigieren. Ich trank einen Becher Kaffee aus meiner Thermosflasche, aß eine Scheibe von den mitgebrachten, belegten Broten.

Eigentlich wollte ich die Nächte dazu genutzt haben, um mich weiterzubilden. Oder, wenn ich mich schon nicht fortbildete, wenigstens etwas Erbauliches zu lesen. Darum hatte ich mich seinerzeit trotz meines Dienstgrades für den Nachtdienst eingetragen. Sobald aber der letzte Kollege das Büro verlassen hatte, war aller Tatendrang verflogen. Regelmäßig verfiel ich in eine seltsame Form der Lethargie, konnte nachts nur stupide Tätigkeiten ausführen. So löste ich Kreuzworträtsel, füllte Fragebögen für dümmliche Preisausschreiben aus, oder erarbeitete Dienstpläne für die Kollegen. Und wenn mir das auch zu schwer war, dann wartete ich einfach nur auf das Dienstende. Manchmal hatte ich aber auch Glück und das Telefon klingelte ein oder zwei Mal. Meistens waren es Angetrunkene, die sich einen Scherz erlauben wollten.

Früh am Morgen war es, die einsetzende Dämmerung begann das Büro langsam zu erhellen, als das Telefon mich aus einem Traum riss. Ich war eingeschlafen und hatte noch die Bilder meines Traumes vor Augen, als ich den Anruf entgegennahm. Am anderen Ende war ein Mann, der mit fremdem Dialekt etwas Unverständliches murmelte, bevor er auflegte. Immer das gleiche, dumme Spiel, dachte ich bei mir. Mit dem erbaulichen Gedanken an das anstehende Dienstende goss ich den letzten Rest lauwarmen Kaffee aus meiner Flasche in den Becher. Das Gerät läutete erneut, ich legte mir eine fein gesponnene, bissige Bemerkung zurecht. Doch diesmal war es der Wirt der nahe gelegenen Nachtbar. Mit zitternder Stimme teilte er mir den Fund einer jungen, schwer verletzten Frau mit. Sie atme noch, aber beide Augen fehlen ihr und sie sei ohne Bewusstsein, wiederholte er zwei- oder dreimal.

Ohne jeden Übergang war ich von einer Sekunde zur nächsten hellwach, fast schon panisch erregt. Ich rief sogleich den zuständigen Mediziner sowie das nahe Krankenhaus an, dann nahm ich die Kamera und fuhr zum Tatort. Der Wirt wartete dort auf mich, er hatte sich in der Nähe der regungslos daliegenden Frau einen Sitzplatz auf einer Gartenmauer gesucht. Tatsächlich fehlten die Augen der Frau. Ihr Kopf lag in einer großen Blutlake, auch ihr Puls war nicht mehr fühlbar. Ich machte einige Bilder und notierte Einzelheiten zum Fund. Der Regen vermischte sich mit dem Blut, ein dunkler Streifen zog sich über den Gehsteig bis zum nächsten Kanalloch. Zeichen eines Kampfes fand ich keine, auch sonst keinen Hinweis auf eine Gewalttat. Sie war leicht, aber nicht obszön, bekleidet. Offensichtlich hatte man sie auch nicht missbraucht. Die Frau lag einfach auf dem Bürgersteig, fast so, als hätte sie sich dort friedlich hingelegt, um eine Weile zu schlummern. Etwas später traf der Amtsarzt mit dem Krankenwagen gleichzeitig ein. Der Arzt stellte den Tod fest, sichtlich bewegt von dem grausigen Anblick. Er vermutete als Todesursache Blutverlust, wollte sich aber vor einer Obduktion nicht endgültig festlegen. Der Fahrer des Krankenhauswagens übergab sich bei dem Anblick. Sein Beifahrer setzte ihm eine Spritze, legte ihn auf die Krankenbahre und fuhr weg. Kurze Zeit später traf der Leichenwagen ein, der die Frau in das örtliche Leichenschauhaus überstellte.

Ich fuhr zurück zur Wache. Dort schrieb ich einen kleinen Bericht, setzte Kaffee für meine Kollegen auf und legte die Filmkapsel zur Entwicklung bereit. Durch die Scheiben des Büros sah ich verschwommen zur Arbeit eilende Menschen auf den Straßen. Mein Dienst für heute schien bald beendet zu sein, der Erste von drei Kollegen betrat das Büro. Gierig lauschte er den Ereignissen der Nacht. Ich hatte gerade zu Ende berichtet, als das Telefon erneut läutete. Es war mein unmittelbarer Vorgesetzter, der Leiter unserer kleinen Wache. Er meldete sich krank, irgendwas mit seinem Kreislauf sei nicht in Ordnung. Dennoch wollte er detailliert wissen, was sich vergangene Nacht zugetragen hatte.

Nachdem ich alles Wesentliche berichtet hatte, betonte er die Wichtigkeit der Angelegenheit. Er erteilte mir bei den Ermittlungen freie Hand und trug mir auf, ihn ständig auf dem Laufenden zu halten. Ich versprach ihm alles, merkte abermals zu spät, dass er mir die gesamte Arbeit an den Hals gehangen hatte. Wie schon so oft würde er dann, wenn der Fall aufgeklärt war, kerngesund im Büro erscheinen und sich eine Zigarre anzünden. Persönlich würde er die Reporter und die lokalen Politiker anrufen und auf die Wache einladen. Und dann, wenn alle gekommen waren, schüttelte er, stolz wie ein Pfau, ihnen die Hände und berichtete von seinen Erfolgen.

Mittlerweile war auch der zweite Kollege anwesend. Ich erzählte die Geschichte ein drittes Mal. Mein offizielles Dienstende war schon vor über einer Stunde, ich war müde und brauchte Schlaf. Kommissarisch übernahm ich die Leitung der Wache. Den Jüngeren der beiden Kollegen verdonnerte ich zum nächsten Nachtdienst und schickte ihn nach Hause.

Dann informierte ich die Zentrale in der großen Stadt und ordnete die Obduktion an. Den älteren Kollegen sandte ich zur Spurensicherung und Befragung der Nachbarn an den Tatort. Erst dann fuhr ich nach Hause, wenn man ein Apartment mit unverbautem Blick auf Betonmauern so nennen kann. Bis Mittag gab ich mir frei, schlief unruhig mit immer wiederkehrenden, schrecklichen Traumbildern. Am frühen Nachmittag war ich leidlich ausgeschlafen und fuhr wieder zur Wache.

Mein Kollege hatte am Tatort nichts Auffälliges mehr gefunden, lediglich einige blutverschmierte Wollflusen. Auch hatte angeblich keiner der Anwohner etwas Verdächtiges bemerkt. Es war ruhig gewesen, die ganze Nacht über. Ich sah mir die Flusen mit einer Lupe an. Sie schienen aus einem der gängigen Wollstoffe herausgerissen zu sein. Ich steckte sie zurück in die Tüte, die ich in meine Jackentasche schob. Der Arzt rief an und bat mich in das kleine Leichenschauhaus. Er hatte die Autopsie beendet, und als ich eintraf, hatte er soeben mit dem schriftlichen Bericht begonnen. Wir plauschten ein wenig und ich erfuhr einige interessante Details.

Die Frau, so erzählte er mir, hatte in der Armbeuge ein paar neue Einstiche. Ganz so, wie eine Rauschgiftabhängige, die gerade erst mit der harten Schiene begonnen hatte. Leber und andere innere Organe waren ohne Befund, eine kerngesunde junge Dame von vielleicht Mitte zwanzig. Die Sucht konnte noch nicht allzu lange bestanden haben. Wenn bei der guten Verfassung überhaupt schon von Abhängigkeit gesprochen werden konnte. Es fanden sich bei der Untersuchung auch keinerlei Kampfspuren, weder innere noch äußere Verletzungen jeglicher Art.

Ich redete mit dem Arzt noch ein wenig in den Tag hinein, gab ihm die Flusen zur Untersuchung und ging nachdenklich zurück zum Büro. Dort fand ich nur den jüngeren Kollegen, der gerade eingetroffen war, um den Nachtdienst vorzeitig zu beginnen. Er erklärte mir, dass er einfach zu aufgeregt sei, um zu Hause noch länger herumzudösen. Der Ältere war wegen einer Routinesache außer Haus, wollte aber später noch einmal in die Wache zurückkehren. Um nicht müde zu werden, fuhr ich zusammen mit dem jungen Kollegen zum Tatort, ließ die Bilder der Nacht noch einmal auf mich wirken. Ich fragte mich, woher das Rauschgift gekommen sein sollte, wo die Spritzen waren und vor allem, wer die junge Frau war.

Die Lage ihrer Leiche war mit Kreide auf den Boden eingezeichnet. Dort wo der Kopf war, hatte sich ein Klumpen aus Dreck gebildet. Ich sah zu, wie der Regen neuen Dreck dazu schwemmte und der Klumpen, wenn er groß genug war, vom Wasser weggespült wurde. Und dann sah ich, für einen kurzen Augenblick, etwas glitzern. Neugierig nahm ich ein Taschentuch und wischte den Dreck weg. In einer Ritze hatte sich ein Geldstück verfangen. Eine kleine Münze, ohne großen Wert. Auffällig war, dass die Kopfseite einige raue Stellen aufwies. Ich steckte die Münze ein und überlegte, wie ich der Spur mit dem Rauschgift nachgehen konnte.

Genau besehen gab es für Rauschgift nur eine Adresse in der Gegend. Der Kerl war ein widerlicher Kleinkrimineller, hatte aber noch nie gemordet. Dennoch, wir fuhren in die Nähe des alten, etwas außerhalb der Stadt gelegenen, Bahnhofes. In der einschlägigen, in bestimmten Kreisen bestens bekannten Kneipe, war die Hölle los. Aus der offenen Türe quollen laute Musik, schlecht riechender Tabakrauch sowie einige angetrunkene Gestalten. Angewidert betrat ich die Pinte, nickte dem verlotterten Wirt mit breitem Grinsen zu. Er kannte mich und hatte Respekt vor mir und meiner Arbeit.

Leise schlichen wir die schmale Treppe zu den Zimmern nach oben. Der Strolch lebte schon seit Jahren in dem gleichen, miesen Zimmer. Er musste es lieben, sogar nach jeder seiner Haftstrafen quartierte er sich immer wieder neu in dem elenden Raum ein. Ohne zu klopfen öffnete ich die Türe, schaute in den Raum. Dort stand nicht viel, nur ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Bett. Auf dem Bett lag ein Mann. Ich sah den Rücken und das verzerrte Gesicht des armen Mannes gleichzeitig. Ohne zu grübeln wusste ich, dass er tot war. Man hatte ihm das Genick gebrochen, die Kehle durchtrennt und ihm das Gesicht nach hinten gedreht.

Mein junger Kollege war sichtlich verwirrt und angewidert, nicht nur von dem Anblick des Toten. Das ganze Zimmer war eine einzige Müllhalde, Insekten flogen und krochen durch verschiedene Abfallhaufen. Nach einer kurzen Untersuchung, bei der wir nichts anderes, als nur noch mehr Müll fanden, ging ich nach unten. Dort rief ich von dem Telefon der Kneipe den Arzt an, der sofort mit dem Leichenwagen zu mir kommen wollte.

Mein Anruf hatte die Gäste neugierig gemacht. Ich bestellte eine kleine Flasche Mineralwasser. Rasch überlegte ich mir, was ich ihnen von dem Mord sagen konnte. Im lockeren Ton erzählte ich, was ich für sinnvoll hielt. Es war eine gute Gelegenheit, mir die Gäste genauer anzusehen. Vier finstere Gestalten spielten an einem kleinen Tisch Karten, jeden Einzelnen kannte ich persönlich. Am Tresen hielten sich gut sechs Männer fest. Jeder von Ihnen hätte auch der Mörder sein können. Aber alle hatten ein Alibi, das konnte ich aus Erfahrung beschwören. Die anderen Gäste waren die weibliche Begleitung der Männer. Sie waren neugierig, meist billig gekleidet und ohne mit ihnen gesprochen zu haben, wusste ich, dass sie schlechte Zähne hatten. Aber als Mörder kam genau besehen keiner von allen infrage. Es waren einfache Menschen. Sie hätten einen Feind niedergeschossen, erstochen oder vielleicht auch erwürgt. Aber keiner hätte dem Toten dann das Gesicht nach hinten gedreht.

So blieb mir vorerst nichts anderes zu tun, als dem Wirt begreiflich zu machen, dass keiner den Raum des Verblichenen zu betreten hatte. Ich ging wieder nach oben, öffnete ein Fenster. Ein wenig frische Luft floss zäh in den kleinen Raum. Es wurde bald Nacht und es regnete immer noch. Die Luft schien mir voller heißer Feuchtigkeit zu sein. Sie drückte mir den Schweiß aus den Poren und ließ die Kleidung auf meiner Haut festkleben. Mein Kollege hatte sich wieder gefangen und saß ruhig mit angewidertem Gesichtsausdruck auf dem wackeligen Stuhl.

Gerne hätte ich ihm diesen Anblick erspart. Für einen Kollegen in der Großstadt waren makabre Morde an solch elenden Orten eine Selbstverständlichkeit. Aber hier auf dem Lande passierte so etwas nur selten. Ich setzte mich auf die Bettkante, gleich neben dem Toten. Seine Hose war an der Seite zerrissen, es fehlte ein Flecken Stoff. Die Struktur der Hose erinnerte mich an die Wollflusen, die mein Kollege neben dem Mädchen gefunden hatte. Während ich darüber nachdachte, fiel mir ein Blinken in der verkrampften Hand des Toten auf. Ich bat den Jungen, mir aus dem Wagen ein paar saubere Tüten zu holen.

Kaum waren seine Schritte auf der Treppe verhallt, öffnete ich die Hand des Rauschgifthändlers. Er hielt, fest umschlossen, eine einzelne Münze in seiner Hand. Die Münze war klein und ohne großen Wert. Ich nahm sie, einem inneren Impuls folgend, an mich und verbarg sie gut in einer meiner Taschen. Dann stand ich auf, um in dem Schrank ein wenig herumzukramen. Außer einer alten Hose, zwei gebügelten Hemden, Socken und Unterwäsche fand ich einen kleinen Vorrat an illegalen Drogen samt Spritzbestecken.

Bald schon kam mein Kollege mit den Tüten. Ich steckte mit bedeutsamem Gesichtsausdruck die gefundenen Drogen samt Spritzen hinein. Ein wenig später kam der Arzt, stellte den Tod fest, füllte ein paar Papiere aus, überließ den Toten den wartenden Leichenträgern und verschwand wieder. Morgen Mittag, so sagte er mir, könne er mir mehr verraten.

Auf der Fahrt zur Wache erzählte mir mein Kollege aufgeregt und naseweis, wie einfach doch der Fall läge. Eine drogensüchtige Frau wurde von ihrem halb verrückten Dealer erst mit einer Überdosis Rauschgift gefügig gemacht, dann brutal ermordet. Nach der Tat fuhr er nach Hause zu der Spelunke, wo schon jemand auf ihn wartete. Vielleicht schuldete er jemanden Geld. Oder er hatte zu wenig verkauft, was seinem Boss missfiel. Vielleicht war er auch selbst abhängig geworden. Wie auch immer, der Dealer wurde wahrscheinlich von einem Gangster aus der großen Stadt getötet. Dieser fuhr gleich nach der Tat wieder dorthin zurück und lebte unauffindbar für uns dort weiter. Ich hörte mir den Quatsch geduldig an. Endlich, kurz vor dem Ende meiner Geduld, erreichten wir die Wache.

Der zweite Kollege schloss gerade seine Mappe und bereitete sich auf den Feierabend vor. Viel hatte er nicht zu berichten. Eine alte Frau fühlte sich von einem Wanderarbeiter bedroht. Parkende Autos hatten die Zufahrt zu der Molkerei verstellt und ein paar feiernde Jugendliche sangen zu laut die falschen Lieder. Also, alles wie immer, bis auf die Morde. Wir verabschiedeten den Kollegen und besprachen noch ein paar Kleinigkeiten bezüglich des Nachtdienstes. Dann verließ ich die Wache, ich wollte noch ein wenig schlafen, bevor ich den Wirt des Nachtlokales, der die Leiche gefunden hatte, besuchte. So ging ich müde und grübelnd zu meiner kleinen Wohnung. Dort duschte ich mich kalt ab, trank ein Glas von dem guten Gebrannten, stellte den Wecker und fiel, schon im Flug einschlafend, auf mein Bett.

Schon vor dem Klingeln des Weckers wurde ich wach, spülte meinen Mund erneut mit dem edlen Tropfen, zog mich fertig an und verließ das Haus. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, ich konnte ohne Schirm den Weg bis zur Bar zurücklegen. Es war Ruhetag, was aber nicht viel zu bedeuten hatte. Ich klopfte an die massive Holztür, wo ein wenig später einer der Kellner seine spitze Nase aus dem Sichtloch steckte. Er erkannte mich gleich, schaute mich verwundert an, nickte und öffnete die Türe.

In der Bar war es dunkler als sonst, schwer hing der Rauch über den Tischen. Nur wenige Besucher waren anwesend, praktisch menschenleer schien der große Raum zu sein. Aus einer Ecke kam der Wirt eilig auf mich zugegangen, sein Gesicht stand voller Sorgenfalten. Hastig winkte er mich zu einem abseits gelegenen, leer stehenden Tisch, keiner der Gäste sollte mich sehen. Ich tat ihm den Gefallen, setzte mich, schaute ihn lange schweigend an. Endlich öffnete er mir sein Herz. Heute war ein besonderer Abend, verkündete er. Es wurde wenigen, ausgewählten Gästen etwas Besonderes vorgeführt. Etwas, was in so einer kleinen Stadt sonst nicht zu sehen sei. Unschuldig lächelnd fragte ich, ob er eine ausländische Tänzerin engagiert hätte, oder ob die Damen sich heute vor dem Auftritt gewaschen hätten.

Bevor er antworten konnte, begann die Vorführung. Der Vorhang der Bühne wurde langsam zurückgezogen, schaurige Musik erklang. Ich lehnte mich entspannt gegen die Stuhllehne, nickte dem Wirt freundlich zu und besah mir das Bühnenbild. Grausig war es, was ich dort sehen musste. Eine junge Frau stand nackt und festgebunden an einem Holzkreuz. Ihr schönes Hinterteil leuchtete im Licht eines kleinen Scheinwerfers wie der volle Mond. In ihrem Mund befand sich ein großer Knebel, ihre Haare waren zu einem Zopf geflochten. Rechts und links neben ihr waren weitere Frauen in kleinen Käfigen eingesperrt, präsentierten ihr entblößtes Gesäß dem Publikum. Trotz des schlechten Lichts konnte man mehr erkennen, als der gute Geschmack zuließ. Um der gräulichen Inszenierung den Gipfel aufzusetzen, betrat ein altertümlich mit Henkersmaske, Lederschürze und umgehängter Peitsche bekleideter Mann die Bühne. Er verbeugte sich zum Publikum hin, ließ die Peitsche ein paar Mal in der Luft knallen, wandte sich dann zu der festgebundenen Frau.

Ohne viel Einsatz begann er, den schönen Hintern im Takt der Musik mit roten Striemen zu zeichnen. Der Wirt schaute mich verzweifelt an, fürchtete wohl um seine Lizenz sowie seinen Ruf. Mit Recht, denn seine Lizenz wurde gerade erneut geprüft. Aber einen guten Ruf hatte er noch nie besessen. Lächelnd schaute ich zurück, machte ein freundliches Gesicht und bestand auf den Gästelisten der letzten beiden besonderen Abende. Er verschwand mit rotem Kopf, um nach einer Viertelstunde mit noch röterem Kopf wiederzukommen. In der Hand hielt er einen zusammengeschlagenen Zettel, den er mir versteckt in meine Tasche schob. Ich lächelte erneut, stand auf, klopfte ihm vertraulich auf die Schulter und suchte dann, ohne einen einzigen Gast anzuschauen, meinen Weg nach draußen.

Der Regen hatte ganz aufgehört, die Luft roch dennoch abgestanden und muffig. Die ganze Stadt roch mehr und mehr alt, muffig und faulend. In meinem Apartment angekommen, ging ich die Namen auf dem Zettel durch. Dabei spielte ich mit der Münze aus der Hand des Rauschgifthändlers. Die Rückseite der Münze zeigte den Kopf eines Würdenträgers. Er hatte einige seltsame Schmisse an der Wange, so wie ich sie noch nie gesehen hatte. Auf anderen Münzen mit seinem Porträt fehlten diese Schmisse, irgendwer musste sie wohl aus gutem Grunde nachträglich eingraviert haben. Ahnend nahm ich die Münze, die ich auf dem Gehsteig gefunden hatte. Auch diese zeigte die gleichen Schmisse im Gesicht des Mannes.

Voll böser Ahnung las ich die Gästeliste. Diese war sehr interessant, aber nur der Name des Bürgermeisters ließ mich aufhorchen. Er war an beiden Abenden zu Gast in dem Klub. Ich gönnte mir ein weiteres Glas aus der guten Flasche. Ich hatte an diesem Tag mehr getrunken, als sonst in einem ganzen Monat.

Müde ging ich zu Bett und sank in einen unruhigen Schlaf. Immer wieder kamen mir erschreckende Traumbilder in den Sinn. Schwarzen Limousinen fuhren mich an, faustgroße Hagelkörner warfen mich zu Boden, Rieseninsekten wollten meine Augen aussaugen und ein Wahnsinniger schrieb mir seinen Namen mit einem glühenden Lötkolben auf die Wange. Dann kam in meinem Traum der Bürgermeister in die Wache, legte laut lachend eine madige, verfaulte Leber in meine Dienstmappe. Das war zu viel für mich! Schweißüberströmt wachte ich auf, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich duschte mich ausgiebig, zog mich an und ging ohne Frühstück zum Dienst.

Die Wache erreichte ich lange vor der offiziellen Zeit. Mein junger Kollege hielt mit letzter Kraft seine roten Augen offen, ich schickte ihn gleich nach Hause. Die Zeit bis zum Eintreffen des Älteren nutzte ich, um in der Dienstelle der großen Stadt etwas über den Bürgermeister in Erfahrung zu bringen. Er hatte keine Vorstrafen und war bislang nur einmal wegen eines Steuerdelikts aufgefallen. Also, nichts Ungewöhnliches für einen Politiker seiner Prägung, dachte ich bei mir. Bevor ich mich an den offiziellen Bericht setzte, wollte ich, wie versprochen, meinem erkrankten Vorgesetzten von den Ereignissen erzählen. Ich ließ durchklingeln, doch keiner nahm das Gespräch entgegen. So kochte ich Kaffee und schrieb den Bericht des vorigen Tages.

Meinen Besuch in der Nachtbar erwähnte ich mit keinem Wort, auch nicht, dass ich die Münze aus der Hand des Toten entwendet hatte. Ich wollte den Bericht gerade abheften, als mein Kollege die Wache betrat. Er reichte mir eine Tageszeitung, in der in effektheischenden Worten von dem schrecklichen Mord an der unbekannten jungen Frau berichtet wurde. Ich las den Artikel zweimal, dann klingelte auch schon das Telefon. Es war der Bürgermeister, der sich über den Stand der Ermittlungen informieren wollte. Ich sagte ihm, was ich wusste, was allerdings nicht viel war. Er hörte ungeduldig zu, ermahnte mich zu besonderer Eile und außergewöhnlichem Arbeitseinsatz. Bevor ich übel gelaunt auflegte, musste ich ihm zweimal versprechen, mein Bestes zu geben und den Täter so schnell wie möglich zu fassen.

Als Nächstes stand der Besuch bei dem Arzt auf dem Programm. Die Leichenöffnung war noch nicht abgeschlossen, doch die gefundenen Flusen stammten wirklich von der Hose des Toten. Die Todesursache war wahrscheinlich ein Genickbruch. Der Inhalt der Taschen half bei den Ermittlungen auch nicht weiter. Ein Feuerzeug, gebrauchte Taschentücher, ein paar Zigaretten. Er hatte etwas Kokain bei sich, dazu passend ein kleiner Spiegel und ein ebenso kleiner Löffel. Dazu kam eine vierschüssige Pistole, vier dazu passende Patronen, eine Börse und ein Nagelknipser. All dies lag traurig in einer Schale zu Füßen des Toten.

Auf dem Rückweg machte ich einen Umweg über die örtliche Bücherei. Dort entlieh ich mir ein paar Bücher, ich wollte nun endlich etwas für meine Bildung tun. Zurück auf der Wache erfuhr ich, dass sich eine Familie aus der großen Stadt gemeldet hatte. Ihre Tochter sei verschwunden und sowohl Kleidung als auch Statur passten zu dem Opfer. Noch heute wollten sie sich den Leichnam ansehen kommen. Bis zu deren Ankunft vergrub ich mich hinter meinem Schreibtisch, dachte nach und las. Am frühen Nachmittag kam dann die Familie mit einem kleinen Lastwagen vorgefahren. Vater, Mutter, die Großmutter und alle verbliebenen vier Kinder waren mitgekommen. Zusammen gingen wir in die Leichenhalle. Dort lag das Opfer mit geschlossenen Augenliedern aufgebahrt, die fehlenden Augäpfel waren unauffällig durch künstliche ersetzt worden. Die Leiche sah aus, als ob sie sich nur ein wenig ausruhen würde. Wie erwartet begann ein großes Wehklagen.

Ich tröstete so gut ich konnte, doch die Trauer war sehr groß. Als sich die Familie wieder etwas beruhigt hatte, bat ich jeden Einzelnen um ein kurzes Gespräch. Alles im allen schien es so, als ob sich die junge Frau, um der Armut zu entkommen, mit einem lokalen Verbrecher eingelassen hatte. Drogen waren dabei weniger im Spiel, es soll sich um Waffen und Hehlerware gehandelt haben. Ich notierte mir jeden Namen, der in den Gesprächen fiel, und gab die Liste sofort an die zuständige Stelle in der großen Stadt weiter.

Von dort erhielt ich keine Stunde später eine Nachricht. Einer der Genannten hatte seinen alten Namen abgelegt und einen neuen angenommen. Ganz hier in der Nähe war er aufgewachsen und ich kannte ihn nur zu gut. Ohne zu zögern stieg ich in den Wagen und fuhr los. Seit sehr langer Zeit fuhr ich noch einmal hinaus zu dem kleinen Hof, den ich von früher her gut kannte. Bald hatte ich ihn erreicht, er lag praktisch direkt vor der Stadt auf dem Weg zum See. Der Motor war noch nicht abgestellt, als ein Mann mit Gewehr neben mir stand. Ein alter Mann, mit dessen Tochter ich einst einmal befreundet war, schaute mich grimmig an. Doch diesmal ging es mir um den Bruder, dem ich ein schlimmes Erlebnis zu verdanken hatte. Er war damals noch ein Kind und er machte sich einen Spaß daraus, unsere Zweisamkeit zu stören.

Ja, schon damals war er ein gemeiner Kerl, der nicht viel taugte. An einem Sommertag war ich bei meiner Geliebten. Wir scherzten und vergnügten uns auf völlig harmlose Art. Ich half ihr bei der Stallarbeit, trug die Eimer mit Wasser für das Vieh. Naja, irgendwann küssten wir uns im Halbdunkel des Stalles. Ich sehe sie noch heute vor mir, sie hatte Sommersprossen und rötliches Haar, das in Locken rund um ihr süßes Gesicht lag. Heiß waren ihre Küsse, warm und duftend ihre Haut. Später, als sie im Stroh lag, leuchtete sie wie ein Juwel, elfenhaft schön schien mir ihre Gestalt. Ich küsste nicht nur ihren Mund, sondern auch ihren Busen, ihren Bauch, ihre Schenkel. Ihre Vulva war nass und roch betörend, mein Glied hart und begehrend. Mit Hingabe machten wir das, was Liebende immer schon taten.

Es schwindelte mir vor Glück, als ich den Stall verließ. Draußen saß ihr Bruder auf einem Holzblock. Er spielte mit seinem Messer, grinste hämisch zu mir herüber und wollte Geld von mir. Meine Freundin fragte ihn nach dem Verstand, er aber schrie, so laut er nur konnte, nach seinem Vater. Zu mir zischte er, neben einigen derben Worten, dass dies nun meine letzte Chance sei. Mit diesen Worten stürzte er sich auf mich und umklammerte meine Beine. Aber ich wäre eher gestorben, als dass ich diesem Ekel Geld gegeben hätte, egal wie verwerflich meine Tat auch gewesen sein mochte.

Und fast wäre es auch so gekommen, weil der Vater, ein bekannter Choleriker, mich totgeschlagen hätte, wenn er mich denn bekommen hätte. Mit Mühe nur konnte ich mich aus dem Klammergriff des Jungen befreien, rannte dann so schnell ich konnte vom Hof. Die Heugabel, die an mir vorüber sauste, hätte mich leicht töten können.

Abends bekamen meine Eltern dann Besuch von ihm, sie mussten sich ganz schon was anhören. Ein Glück, dass sie standhaft blieben und auch bei der Polizei für mich einstanden. Was ich getan hatte, wurde von dem Bruder und dem Vater als Vergewaltigung beschrieben. Erst auf der Wache, als meine Freundin ohne Beisein ihres Vaters dazu befragt wurde, stellte sich die Wahrheit heraus. Der Polizist wies die Lügner mit harschen Worten zurecht, was aber nicht viel an dem Charakter der beiden änderte. Danach schickte er uns nach Hause, das war alles. Aber die Angst, die ich damals hatte, und die Wut, die ich wegen der Verleumdung empfand, die waren mir immer noch gegenwärtig. Und meine Trauer darüber, dass die junge Frau kurz darauf unsere Beziehung löste, die riss seitdem immer wieder an meinem Herzen.

Dieser Mann stand also nun vor mir und er erkannte mich nach kurzem Mustern auch. Sein grimmiger Blick wurde noch eine Spur bissiger. Er spuckte vor mir auf den Boden, fragte unfreundlich nach meinem Begehr. Ich berichtete kurz über die Ereignisse und fragte nach seinem Sohn. Das war ein Fehler, wie ich sogleich merkte. Unvermittelt bellten aus dem Haus Schüsse, über meinen Kopf pfiffen Kugeln, der alte Mann hob sein Gewehr und zielte auf meine Brust. Ich sprang hinter dem Wagen in Deckung, zog noch im Flug meine Dienstwaffe. Die Schüsse verhallten, ich sagte den üblichen Spruch auf. Zu spät, hinter dem Haus wurde ein Wagen gestartet. Ich hörte, wie er mit durchdrehenden Reifen losfuhr.

Der Vater hatte derweil sein Gewehr sinken lassen, stützte sich höhnisch lachend darauf ab. Ich war wütend, hätte ihm am liebsten seine faulen Zähne aus dem hohnverzerrten Gesicht geschlagen. Mit meinem finstersten Grabesgesicht sah ich ihn verächtlich an, stieg rasch in den Wagen und eilte so schnell ich konnte zur Wache zurück. Dort gab ich eine Fahndung nach dem flüchtigen Sohn auf. Immerhin hatte ich nun eine heiße Spur, die Erste in diesem Fall.

Der Tag ging langsam zu Neige, ich wartete lesend allein in der Wache auf den jüngeren Kollegen. In einem der Bücher fand ich endlich, wonach ich gesucht hatte. Das Zeichen auf den Münzen, welches ich ursprünglich für einen Schmiss gehalten hatte, war in Wirklichkeit das chinesische Zeichen für »Böse«. Es war in der Ausführung ein wenig vereinfacht, aber unverkennbar. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie dieser kleine Rauschgifthändler in asiatische Verbrecherkreise geraten war. Er hatte dafür einfach nicht das Zeug, war einfach zu kleinkariert für das große Geschäft. Ebenso die junge Dame, es passte einfach nicht.

Das Telefon klingelte unvermittelt, riss mich aus meinen Gedanken. Es war mein Chef, der wissen wollte, wie die Ermittlungen standen. Ich berichtete ihm nur von den reinen Fakten, von der heißen Spur, die wir nun hatten. Er hörte kaum zu, befahl mir geradezu, den toten Rauschgifthändler als Mörder der jungen Frau auszugeben. Ich winkte ab, doch er beschwor meinen Menschenverstand, verwies auf das Versprechen, welches ich dem Bürgermeister gegeben hatte. Er drohte mit Disziplinarmaßnahmen und lockte mit Beförderungen in einem Atemzug. Nach gut zwanzig Minuten war das Gespräch zu Ende und ich bezweifelte immer mehr, dass mein Chef wirklich krank war.

Über dem Gespräch war der Kollege zur Nachtwache erschienen. Mir stand der Sinn nun wirklich nicht nach langen Erklärungen. Rasch packte ich meine Sachen zusammen und verließ sogleich die Wache. Müde und unzufrieden ging ich lange durch die heiße, feuchte Luft der kleinen Stadt, suchte nach einer Erklärung für das Verhalten meines Vorgesetzten. Es schwang in seiner Stimme etwas mit, was ich sonst nicht an ihm kannte. Und dass er wusste, dass ich mit dem Bürgermeister gesprochen hatte, gefiel mir gar nicht.

Am anderen Morgen fand ich in der Wache den flüchtigen Mann in der Zelle vor. Er war arg zugerichtet, die Festnahme musste ein wilder Kampf gewesen sein. Mein Kollege hatte schon wieder rote Augen und war froh, endlich nach Hause zu können. Sein Bericht, den er mir auf den Schreibtisch gelegt hatte, war knapp, aber gehaltvoll. Ich legte mir eilig eine Strategie zurecht, mit der ich den Kerl zur Aussage bringen wollte. Sicher hatte er Angst, ich würde mich an die Geschichte von damals erinnern und ihn deswegen hart angehen. Von den Schüssen einmal ganz zu schweigen.

Recht hatte er mit seiner Annahme. Ich war ganz schön sauer auf den Drecksack. Dennoch beherrschte ich mich und schlug ihn nur ein oder zwei Mal in den Bauch. Aber dies so feste, wie ich nur konnte. Dann, als er wieder Luft bekam, stellte ich meine Fragen. Anfangs schwieg er wie ein Grab. Immer, wenn ich dachte, er würde nun reden, biss er sich auf die Lippen und sagte kein Wort. Etwas schien ihm große Angst zu machen, etwas war furchterregender für ihn als Polizei und Gefängnis.

Wie beiläufig nahm ich die beiden bei den Toten gefundenen Münzen aus meiner Tasche. Ich drehte sie, während ich meine Fragen langsam wiederholte, spielend in der Hand. Starr sah er auf das Geld, zitterte vor Angst. Mit der Kopfseite nach oben legte ich sie vor ihm auf den Tisch. Dann fragte ihn, ob ich ihn laufen lassen solle. Das Gerücht, er hätte mit der Polizei einen Deal gemacht, wäre dann sehr glaubhaft gewesen. Ich sah ihn fest an und erklärte, dass ich dann wohl alsbald eine dritte Münze dieser Art in meiner Tasche hätte.

Das brach das Eis. Zitternd, mit vor Schreck geweiteten Augen sah er auf die Münzen, ängstlich gepresst kamen die Worte über seine Lippen. Er erzählte von dem Tag vor meinem Besuch auf dem Hof seines Vaters. Was er getan hatte, wo er gewesen war. Und dazu berichtete er von seinen Schiebereien in der Stadt. Ich tat so, als ob ich schon alles wüsste, nickte immer wieder freundlich und bestätigend. Wenn ich etwas nicht verstand, fragte ich nach. Aber die Türe zu seinem verbrecherischen Leben war offen.

Nach und nach fand ich heraus, wie in der großen Stadt Waffen gehandelt und Drogen umgesetzt wurden. Die Asiaten waren gut im Geschäft, alle Achtung! Und der Mann war ernstlich besorgt, sicher nicht ohne Grund. Obwohl er nicht viele Details kannte, wusste er doch, wer in die Fäden zog. Und er wusste, wie es Menschen ging, die mit der Organisation nicht konform liefen. Er hatte den Mord an der jungen Frau mit angesehen.

Der Grund für den Tod der beiden verriet er mir auch. Die junge Frau hatte dem Mann mehrfach Rauschgift gestohlen, was aber nicht sogleich bemerkt wurde. An dem Abend dann kam es zum Streit. Der Mann konnte seinen Zulieferern nicht das Geld zahlen, was er eigentlich mit dem Stoff hätte verdienen müssen. Er beschuldigte die junge Frau des Diebstahls und es kam zu einem kurzen Streit. Die Frau verließ das Zimmer, das kurz darauf von den Asiaten betreten wurde. Sie hatten sich über den Hintereingang Zugang verschafft und töteten, ohne lange zu fragen.

Einen Tag später erst erfuhren sie von der jungen Frau, die das gestohlene Rauschgift verkaufte. Nach einer kurzen Recherche überführten sie das Mädchen des Diebstahls und töteten auch sie. Ich fragte nach Details und er schüttelte sich bei dem Gedanken, wie brutal die Killer vorgegangen waren. Auch mir war übel. Keiner wird gerne an den Füßen aufgehangen, seiner Augäpfel beraubt und solange hängen gelassen, bis dass er wegen des Blutverlustes bewusstlos ist.

Ich überlegte, ob ich den Mann beruhigen sollte. Er hatte ja nicht viel anderes getan, als Hehlerware transportiert und den toten Mann in der Kneipe mit Drogen versorgt. Aber ich hatte keine Lust darauf, den Seelenheiler zu spielen. In der Zelle war er vor Übergriffen sicher, das sollte reichen. Außerdem war ich immer noch ärgerlich auf ihn, ich war eben nachtragend.

Nach dem Verhör rief ich kurz meinen Vorgesetzten an, informierte ihn über die Ereignisse und das Geständnis des Kerls. Aufgrund seiner Anordnung schrieb ich sofort einen Bericht über das Verhör, ergänzte ihn um meinen begründeten Verdacht, dass auch die beiden Morde auf das Konto der Asiaten gingen. Dann überließ ich die Wache meinem Kollegen. Ich kehrte in mein Apartment zurück, um die Mittagspause über zu schlafen. Mir war nicht gut, die Ereignisse überforderten mich.

An meinem Apartment angekommen sah ich, dass man meine Wohnungstüre aufgebrochen hatte. Vorsichtig, mit vorge-haltener Waffe, betrat ich meine Wohnung. Es war leer, doch es roch nach einem fremdländischen Parfüm. Zudem lag auf dem Tisch ein kleines Päckchen. Ich hob es auf, weder Absender noch Empfänger standen auf der Verpackung. Neugierig öffnetet ich es und fand, säuberlich in Seidenpapier eingewickelt, zwei Augenäpfel, einen Brief, einen Barscheck und etliche Belege über bereits abgerechnete Barschecks. Die Einreichungen waren von meinem Vorgesetzten gezeichnet. Diese Unter-lagen in den falschen Händen würde ihm den Job und die Pension kosten. Der Brief las sich wie folgt:

Sehr geehrter, fleißiger Herr Polizist,

 mit großem Interesse verfolgen wir Ihre Arbeit. Nun, da Sie einen unserer redseligen Mitarbeiter beherbergen, möchten wir Sie nicht länger über die Geschehnisse im Unklaren lassen.

 Durch ein Missgeschick zerbrachen wir ein nützliches Werkzeug, unseren treuen Mittelsmann. Er handelte vertrauensvoll mit unseren Waren und stand schon lange, ohne es zu wissen, in unseren Diensten. Ich denke, Sie haben unser freundliches Geschenk bei ihm gefunden. Leider war es ein Irrtum. Nicht er, sondern die junge Frau, versuchte uns zu übertölpeln. Wir waren sehr zornig und nahmen ihr Augenlicht, weil sie unsere Waren für sich selbst beanspruchte.

 Als Gegenleistung für Ihre Schweigsamkeit liegt diesem Schreiben eine angemessene Summe bei. Die beigefügten Belege werden Ihnen helfen, Ihren Vorgesetzten von den Vorzügen des Ruhestandes zu überzeugen und so den Weg für ihre Beförderung zum Dienststellenleiter freimachen.

 Bitte betrachten Sie Ihren jungen Gast ebenso als unser Geschenk und als Zeichen unserer besonderen Aufmerksamkeit.

 In der Hoffnung, Sie irgendwann einmal persönlich kennenzulernen, verbleiben wir in Freundschaft!

 

Die Unterschrift war unleserlich für mich. Doch den Inhalt des Briefes verstand ich nur allzu gut. Als Erstes zerriss ich den Scheck in viele, viele, kleine Teile. Dann las ich den Brief erneut, verstand ihn nun noch ein wenig besser, rannte wie gehetzt zu Wache. Die Türe war unverschlossen, ich rechnete damit, dass ich meinen Kollegen misshandelt auf dem Boden finden würde. Doch er war nicht an seinem Platz. Er wurde, wie er mir später berichtete, zu einem Notfall gerufen, der sich aber als blinder Alarm entpuppte.

In der Zelle fand ich den Mann hängend, an der feinen Schnur noch leicht baumelnd. Es sah aus wie Selbstmord und ich konnte noch nicht einmal das Gegenteil beweisen. Die Münze, die im aus der Hand gefallen war, und auf dem Boden lag, war wohl kaum Beweis genug. Ich nahm sie und hatte nun drei Stück von dieser Sorte. Und ich war in einer fatalen Situation, das war mir klar.

Spätestens, wenn der Bericht von meinem korrupten Chef gelesen wurde, wussten die Asiaten, auf welche Seite ich mich geschlagen hatte. Dadurch, dass ich das Geld nicht angenommen hatte, wussten sie aber auch, dass ich nicht bestechlich war. Und wer nicht der Freund der Asiaten sein kann, der wird allzu leicht als Feind dieser Kultur erachtet. Warum sie meinen Chef nicht mehr als Leiter der Wache haben wollten, ich weiß es nicht. Vielleicht, weil er zu alt war. Oder, weil er schwierige Entscheidungen meist anderen, sprich mir, überließ.

Ich entschloss mich, zuerst einmal in dem konkreten Fall Ruhe zu schaffen. Den bereits vorgefertigten Bericht zerriss ich. Lange dauerte es, bis ich die Sache so dargelegt hatte, dass sie frei von Widersprüchen war. Doch irgendwann war es dann doch fertig. Im Groben stand in dem Report, dass der aufgefundene Rauschgifthändler wahrscheinlich die junge Frau im Wahn getötet habe. Seinen Tod konnte ich nicht plausibel erklären. Ich formulierte die Vermutung aus, dass es sich bei dem Mord um Streitigkeiten zwischen kleineren, lokalen Banden gehandelt hätte. Den vermeintlichen Selbstmord des Mannes in der Zelle erklärte ich mit seiner depressiven Verstimmung und seiner Angst, nun wegen seiner Verfehlungen belangt zu werden.

So ging der Bericht, nachdem ich ihn meinem Vorgesetzten am Telefon vorgelesen hatte, an die große Stadt. Sicherlich sorgte meine Darstellung für Beruhigung in den Verbrecherkreisen. Übrigens, mein jüngerer Kollege prahlte eine ganze Woche bei allen seinen Freunden damit herum, dass er den wahren Tatbestand gleich zu Anfang gerochen hatte.

Wie in dem Brief angeraten, nutzte ich die Belege, um meinen Chef zum Ruhestand zu überreden. Er wirkte wie befreit, als ich ihm die Papiere zeigte, stimmte erleichtert meinem Anliegen zu. Noch in der gleichen Woche kündigte er und zog sich auf sein Landhaus zurück.

Ganz anders der Bürgermeister. Er weigerte sich lange, aus seinem Privatvermögen größere Summen für wohltätige Zwecke zu spenden. Er glaubte mir nicht, dass ich bereit war, seinen Namen im Zusammenhang mit den außergewöhnlichen Aufführungen der Nachtbar zu nennen. Ich musste tatsächlich zum Telefonhörer greifen und die Nummer der örtlichen Zeitung wählen, bevor er mit hochrotem Kopf zustimmte. Eigentlich hatte ich ihm damit einen Gefallen getan, er wurde zweimal wiedergewählt.

Aus Sicht der Asiaten war nun, so hoffte ich, alles wieder in bester Ordnung. Es war nur eine Sache der Zeit, ehe ein neuer Drogenhändler gefunden war. Das Geschäft würde nicht lange brachliegen, das war mir klar. Ebenso klar war mir, dass ich kaum eine Chance gegen die Organisation hatte. Ich wusste nicht einmal, welchen Kollegen ich vertrauen konnte. Die Idee, mich an die Behörde der großen Stadt zu wenden, verwarf ich sofort. Genau da saß wahrscheinlich ein Informant. Und wahrscheinlich saß in der Behörde darüber auch ein solcher. Ich konnte einfach nicht absehen, wie sehr die Organisation den Polizeiapparat durchsetzt hatte.

Noch ein Mal kam ich in Kontakt mit den Asiaten. Ich schloss gerade meine Wohnung auf, als wie aus dem Nichts Schatten auftauchten und mich hinein schubsten. Ein harter Schlag in die Magengrube zwang mich zu Boden. Kräftige Hände hoben mich empor und setzten mich auf einen Stuhl. Irgendwer mit fremdem Akzent fragte, warum ich den Scheck nicht eingelöst hatte. Keuchend antwortete ich, dass ich es nicht getan hatte, um weiterhin frei zu sein.

Vor meinen Augen erschien eine Hand, es fehlten ihr zwei Fingerkuppen. Sie legte eine Münze auf den Tisch, nahm dann mein Kinn und hob es hoch. Ich sah in stählerne Augen, hörte eine Stimme, die sagte, ich solle mir etwas Schönes davon kaufen. Die Worte waren kaum verklungen, als mich der Mann, der mein Kinn hochhielt, mir ins Gesicht spuckte. Dann ließ er mich los und der Spuk war vorbei. Warum man mich leben ließ, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich keinem von der Bande einen Grund geben werde, es sich anders zu überlegen.

Die Leitung der Wache übernahm ich doch nicht. Ich gab vor, mich in der Nacht weiterbilden zu wollen. Zudem brauchte mein Kollege die Beförderung, und vor allem das Geld, für seine Frau und die Kinder dringender als ich. Er hatte sich schon einen größeren Wagen bestellt und wollte auch in ein größeres Haus umziehen. Wie auch sein Vorgänger beschränkte er seine Arbeit auf die Ermittlung von Verkehrssünden und Ehebrüchen. Dass unsere Stadt im Rauschgift schwamm, war ihm egal. Auch die hohe Zahl an Einbrüchen und Diebstählen konnte ihn nicht beeindrucken. Den Grund kannte ich ja nun, aber ich schwieg.

Die beiden Augen aus der Schachtel vergrub ich an einer schönen Stelle im Wald, weit weg von den Wegen, die ich sonst für gewöhnlich ging. Es tat mir leid um die junge Frau. Sie wusste einfach nicht, mit welcher Sorte Menschen sie sich angelegt hatte und musste ihre Naivität teuer bezahlen. Was ich mit den vier gezeichneten Münzen tun sollte, wusste ich nicht. Irgendwann warf ich sie einem Bettler in den Hut, so taten sie dann am Ende doch noch ein wenig Gutes, trotz ihrer bösen Gravur und ihrer makabren Geschichte.

We are Soulpunk-Forever – Peggy Axmann (Sofort lesen)

Eine Geschichte über Veränderungen, über Liebe und das Chaos eines Lebens. Paula hat es geschafft. Sie ist Bestsellerautorin.

Doch bei einer Lesung taucht jener Mann wieder auf, der Inspiration ihres Bestsellers war und den sie aber längst aus ihrem Leben gestrichen hatte. Turbulente Zeiten brechen an und nichts bleibt, wie es war: Ihr Verleger entpuppt sich als doch nicht so guter Freund, wie gedacht und ihre beste Freundin ist alles andere als begeistert von der alten, neuen Liebe. Paula gerät wieder und wieder zwischen die Fronten und wird auf zahlreiche Zerreißproben gestellt. Wartet am Ende das Happyend oder der Untergang?


»Ich weiß es nicht. Es gibt kein Rezept, keine Anleitung für das Buch. Ich schrieb Träne des Phönix nicht mit der Erwartung, einen Bestseller zu landen. Ich hatte diese Geschichte im Kopf und fand sie wert genug, sie niederzuschreiben. Nicht mehr.«

Der Fragensteller kratzte sich am Kinn und schleuderte die nächste Frage: »Sie haben aber bereits vor diesem Werk eine Trilogie herausgebracht, die bis dato von eher mittelmäßigem Erfolg gekrönt ist. Was ist es also? Was ist die Besonderheit zu diesen drei anderen Büchern, die diesen Blitzerfolg hervorgerufen hat?« Schon allein wie dieser Typ seine Augenbraue über den rahmenlosen Rand seiner Brille hob, war mir zuwider. Klatschpresse. Er schrie es mit seiner gesamten Mimik und Gestik heraus. Sein Plan war, mir irgendetwas zu entlocken. Ein kleines, verstecktes Geheimnis, ein Wort, welches sich für eine Schlagzeile breittreten ließ. Matthias hatte mich vorgewarnt. Und ich war nicht dumm. Ich konterte einfach:

»Das Besondere ist, dass nichts an diesem Buch besonders ist. Zwei einfache Leute, wie Sie und ich. Nicht besonders schön, nicht besonders reich und auch ohne besondere Fähigkeiten, lieben sich. Leben eine Liebe, wie viele sie kennen oder kannten. Höhen, Tiefen, Freude und Trauer. Ich denke, dies ist der Grund, warum so viele Leser dieses Werk mögen. Weil sie sich damit identifizieren können. Am Ende ist dieses Buch das genaue Gegenteil dessen, was Sie und andere Kollegen ihrer Zunft, drucken: das einfache Leben ohne Effekthascherei.«

Herr Reporter lief rot an und nahm verlegen den Finger vom Aufnahmeknopf seines Geräts. Von ihm war keine weitere Frage zu erwarten. Dafür kamen andere. Brennende Wissbegier, wo die nächste Lesung stattfand, ob und was ich momentan schrieb und natürlich: würde eine Fortsetzung kommen? Ich gab brav wie geprobt die anstehenden Termine weiter, berichtete kurz von meinem derzeitigen Projekt – ein Thriller. Große Augen sahen mich ungläubig an. Daher fügte ich an, dass meine Kreativität am Besten zur Entfaltung kam, wenn ich sie nicht begrenzte. Warum bei Liebe und Herzschmerz bleiben oder zurück zur Fantastik gehen? Es gab noch so viel zu entdecken und zu probieren. Die Welt der Literatur stand offen. Die letzte Frage verneinte ich. Es würde keine Fortsetzung geben. Ein gerauntes Warum? ging durch die Gruppe der Leser und ich sagte:

»Kim und Leon hatten ihre Geschichte und ihre Zeit. Nun kommt eine andere.« Schlussendlich merkte ich an, dass ich es nicht ausschloss, irgendwann eine andere Liebesgeschichte zu verfassen. Aber halt nicht jetzt.

Dies schien alle zu beruhigen. Ich atmete auf und hoffte, somit entlassen zu sein. Meine letzte Frage – nämlich die, ob es noch Fragen gäbe – wurde mit Kopfschütteln und anschließendem Klatschen beantwortet. Doch plötzlich, ich wollte mich gerade dankend verabschieden, schallte doch noch eine Frage an mein Ohr:

»Beruht diese Geschichte auf einer wahren Begebenheit?« Die Stimme war eindeutig männlich und ich suchte den Fragesteller zwischen den Zuhörern. Mir stockte der Atem. Stahlblaue Augen funkelten mich an. Ein Grinsen lag auf seinem Gesicht, malte Grübchen auf die Wangen. Er war es. Warum? Warum hier? Warum jetzt? In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, drehten Purzelbäume, sprangen wild durcheinander, tanzten Ringelreihe miteinander. Eine Antwort fiel mir schwer. Mein Mund war wie zugeklebt – der Kleister war der honigsüße Schmerz dieses Wiedersehens.

»Träume. Träume verliebter Mädchen und Frauen. Hoffnungen und Sehnsüchte. Dies sind die echten Begebenheiten dieses Buches.« Wie hatte ich nur eine so halbwegs vernünftige Antwort zustande gebracht? Ich wollte hier weg! Wie gelähmt stand ich da und glotzte ihn an. Wollte noch immer nicht glauben, dass er es tatsächlich war. Als sich sein Körper einen Weg durch die Massen bahnte, fühlte ich mich wie ein Reh bei Nacht auf der Landstraße. Ich sah das Licht auf mich zurasen, konnte aber nicht fliehen. Schockstarre. Niemand hielt ihn auf, als er zu mir aufs Podium trat. Warum hielt ihn niemand auf? Seine Augen, so nah. Ich verlor mich in ihnen. Die Paula, die seit zwei Jahren so mühsam gekämpft hatte, diesen Blick zu vergessen, schrie auf. Seine Hände griffen nach mir, zogen mich an ihn heran. Die Wärme und der Duft seines Körpers … Als er mich küsste, drehte sich alles um mich. Ich schloss die Augen. Diese Lippen – weich und voll, warm und sinnlich. Zu schnell war es vorbei. Mein Herz krampfte. Nicht noch einmal! Sein Gesicht war an meinem Ohr, geflüsterte Worte drangen zu mir durch:

»Du hast mir gefehlt … Ich …« Er kam nicht dazu weiterzusprechen. Matthias zog ihn weg. Weg von mir. Bevor er seinen Widerstand aufgab, ließ er ein zusammengefaltetes Papier neben mein Buch fallen und zwinkerte mir zu. Dann gab er nach und trabte, von meinem Verleger gefolgt, von der Erhöhung und ging. Ich sah ihm nach. Es war wieder da. Das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Sekunden verstrichen, bis mir mein Bewusstsein klarmachte, dass zahlreiche Augenpaare auf mir ruhten. Verwirrt, manche grinsend, warteten sie darauf, dass ich diesen Vorfall aufklärte. Ich rang um Fassung. Paula war nicht mehr fähig zu sprechen, aber Susan Storm war Profi.

»Meine Damen und Herren, da hat scheinbar jemand die Floskel Von der Muse geküsst, zu ernst genommen.« Hier und da ein Lachen erntend, versuchte ich ebenfalls die Mundwinkel nach oben zu bekommen. Es fühlte sich schief und falsch an. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein Schlaganfallopfer als eine scherzende Autorin. Matthias trat neben mich und übernahm das Mikrofon. Sich für den Zwischenfall entschuldigend und mich langsam, aber bestimmend von der Bühne leitend. Ich wehrte mich nicht. Meine Beine waren zu Gummi geworden und die sichere Hand in meinem Rücken ließ mich zumindest nicht einbrechen. Endlich abseits der Leute fauchte Matthias gereizt:

»Kannst du mir bitte«, dieses Wort hörte sich mehr wie das Zischen einer wütenden Schlange an, denn menschliche Sprache, »erklären, was das war?«

Ich schüttelte träge den Kopf. Ich wollte jetzt nichts sagen oder erklären. Noch immer lag sein Geschmack auf meinen Lippen.

»Paula, dieser Kerl kann dich Kopf und Kragen kosten! Verdammt noch mal!« Und wie er das konnte. Mein Verleger und Freund konnte nicht einmal erahnen, was dieser Mann mich kosten könnte. Ich hatte schon einmal bitter bezahlt. Er redete weiter, aber ich bekam nur Fragmente mit. Ich wollte nach Hause. In meine Einsamkeit. Denken, Gefühle zähmen, allein sein. Urplötzlich nervte er mich. Ohne wirklich zu überlegen, was ich da von mir gab, schrie ich ihn an:

»Du tust ja gerade so als hätte er dich geküsst vor all den Kameras und fremden Leuten! Freu dich doch! Du wolltest doch PR, jetzt bekommst du sie sicher!« Dann drehte ich mich auf den nicht vorhandenen Absätzen meiner Ballerinas um und ließ ihn mit hochrotem Kopf stehen. Hastig schnappte ich mir meine Tasche, rannte zurück um mein Buch hineinzubefördern und weg war ich.

Manuel-das irgendwie Anderskind-Alexander Brummer (Sofort lesen)

Ein ergreifendes und besonderes Buch! Manuel, das „Irgendwie-Anderskind“ war … irgendwie anders! Nicht, dass er nicht eigentlich auch ein ganz normales Kind gewesen wäre … Das war er wohl! Aber irgendwas stimmte nicht mit ihm … Dies ist die Geschichte von Manuel Schnappauf, der mit 5 Jahren plötzlich erfährt, dass er eine schlimme Krankheit hat. Als der Junge ins Krankenhaus muss, beginnt für ihn und seine Familie ein wahrer Albtraum … Der Andersautor Alexander Brummer wird unterstützt von: Daria Robjani – Literaturbüro – Hamburg Widmung & Danksagung von Alexander Brummer Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die die Hoffnung niemals verlieren und immer wieder aufstehen – egal, was passiert! Außerdem ist es all jenen Personen gewidmet, die – in welcher Art & Weise auch immer – zu seiner Entstehung beigetragen haben! Ohne Euch gäbe es dieses Buch nicht! Worum geht es in dem Buch? Was ist das Besondere an der Geschichte? In diesem Buch geht es um ein – vergleichsweise hartes – Kinderschicksal. Genauer: um die Diagnose einer furchtbaren Erkrankung, mit all ihren Folgen, Risiken und Nebenwirkungen für das Leben und die Seele eines Kindes und seiner Familie. Eine Familie wird von einem Tag auf den nächsten unsanft aus ihrem Alltagsgeschehen gerissen und in einen permanenten Krisen- und Ausnahmezustand versetzt. Der Alltag wird fortan beherrscht von Sorgen, Angst, Trauer und Hoffnung – (Tabu-)Themen, die eigentlich so gar nicht in eine Familienwelt passen wollen. Fragen nach Krankheit, Tod und Sterben drängen sich brutal und ungefiltert in den Vordergrund und be­stimmen damit weitgehend die Lebenswirklichkeit und die Entwicklungschancen eines Kindes.

Außerdem ist es all jenen Personen gewidmet, die – in welcher Art & Weise auch immer – zu seiner Entstehung beigetragen haben! Ohne Euch gäbe es dieses Buch nicht!

Danke, danke, danke an:

meine Familie

alle meine lebensrettenden Ärzte & Schwestern

meine Freunde

die Book-Business-Angels vom Literaturbüro Daria Robjani

meine Kollegen vom Elvea-Team, besonders Heike und Uwe

sowie – last but not least – die Verlegerfamilie Bär.


Urheberrechtlich geschütztes Material!


Über das Buch

Worum geht es in dem Buch?

Was ist das Besondere an der Geschichte?

In diesem Buch geht es um ein – vergleichsweise hartes – Kinderschicksal. Genauer: um die Diagnose einer furchtbaren Erkrankung, mit all ihren Folgen, Risiken und Nebenwirkungen für das Leben und die Seele eines Kindes und seiner Familie.

Eine Familie wird von einem Tag auf den nächsten unsanft aus ihrem Alltagsgeschehen gerissen und in einen permanenten Krisen- und Ausnahmezustand versetzt. Der Alltag wird fortan beherrscht von Sorgen, Angst, Trauer und Hoffnung – (Tabu-)Themen, die eigentlich so gar nicht in eine Familienwelt passen wollen.

Fragen nach Krankheit, Tod und Sterben drängen sich brutal und ungefiltert in den Vordergrund und be­stimmen damit weitgehend die Lebenswirklichkeit und die Entwicklungschancen eines Kindes – Prägen es zu einem »Irgendwie-Anderskind.«

In Kinder- und Jugendbüchern erwartet man – tenden­ziell – Spiel, Spaß, Spannung, Abenteuer, kleine Helden und große Entdecker. Inhalte also, die die jungen Leser in andere, meist phantastische Welten entführen, weit ab von der gelebten Realität.

Dieses Buch wendet sich demgegenüber den oft harten und unbarmherzigen Seiten des Lebens zu. Es konfrontiert den Leser ungeschminkt mit einem Teil dessen, was das Leben und unsere Gesellschaft in Wahrheit bestimmt. Dabei wird nichts geschönt, nichts geschnörkelt, der Blick richtet sich ungetrübt auf die Situationen, wie sie sind, selbst dann, wenn sie ‹hart und unverdaulich› scheinen.

Für viele Kinder, Jugendliche und Familien bilden Lebens­umstände, jenseits einer heilen Kinderwelt, die unum­stößliche Realität, der sie sich tagtäglich zu stellen haben.

Der Autor dieses Werkes musste sich sein Leben lang diesen Realitäten stellen – und stellt sich ihnen noch … Mit diesem Buch, möchte er seine Erfahrungen mit anderen Menschen teilen.

Nur ein toter Lehrer ist ein …-Heike S. Rogg (Sofort lesen)

Saarländischer Datenschutz

Nachdem Susanne fünf Stunden lang versucht hatte, die Inseln in den Köpfen ihrer Schüler mit Wissen über Lesen, Schreiben und Rechnen zu erweitern, stand sie auf dem Parkplatz hinter der Schule und wartete auf ihre Kollegin. Zunächst verließen nur ein paar Autos von Eltern mit deren Kindern, welche offenbar unter akuter Gehschwäche litten, das Schulgelände. Eine Kollegin hastete in Minirock und knallroten Stöckelschuhen hinter einer Mutter her, um ihr noch etwas mitzuteilen. Susanne grinste, als sie das Schauspiel beobachtete, wie die hübschen Schühchen mit dem alten Kopfsteinpflaster kollidierten. Gleichzeitig dachte sie daran, dass sie, der all­gemeinen Lage angemessen, im heutigen Musikunterricht das Volkslied ›Die Gedanken sind frei‹ eingeführt hatte …

Nachdem Heidi endlich kam, schlug sie vor: »Komm, wir fahren in den ›Sonnenhof‹ nach Blieskastel. Da können wir bei dem schönen Wetter draußen sitzen.«

Als passionierte Raucherin dachte sie immer pragmatisch. »Außerdem bekommen wir dort auch nette Kleinigkeiten zum Essen.« Heidi war einverstanden und so fuhren beide gemeinsam los.

Im ›Sonnenhof‹ angekommen, stellte Susanne erfreut fest, dass heute Mittwoch und somit ›Schnitzeltag‹ war. Während sie ein Rahmschnitzel mit Pommes und Salat bestellte, begnügte sich Heidi mit einem kleinen Beilagen­salat. Die Zeit, während sie auf das Essen warteten, nutzte Susanne, um auf Schule und Rektor zu schimpfen. Dann widmete sie sich aber den leiblichen Genüssen. Nachdem sie ihr Schnitzel mit großem Appetit gegessen hatte, bemerkte sie, wie Heidi immer noch in ihrem Salat rumstocherte.

»Was ist los? Hast du keinen Hunger?«, fragte sie besorgt.

»Eher keinen Appetit«, flüsterte Heidi kaum hörbar.

Susanne wagte einen Vorstoß.

»Heidi, was hast du? Hängt das …«, sie zögerte, um es dann doch in den Raum zu werfen, »hängt das mit deinem Burnout zusammen?«

Ihre Kollegin sah sie erschrocken an. »Woher weißt du davon?«

»Na, unser allgeliebter Rektor hat uns in epischer Breite davon berichtet, bevor du kamst. Datenschutz existiert im Saarland nicht. Irgendwer hat ihn wohl angerufen und darüber informiert. Fand ich schon ganz schön daneben. Aber so läuft das hier nun mal – jeder kennt einen, der einen kennt, der etwas weiß …«

Heidi wurde noch blasser, als sie ohnehin schon war. Sie schob ihren Salat beiseite.

»Und was wisst ihr noch alles von mir?«, fragte sie, wobei jetzt deutliche Aggressivität in ihrer Stimme lag.

»Das reicht doch wohl, oder?« Susanne trank den mittlerweile schal gewordenen Rest ihrer Cola aus.

»Ja«, die Bitterkeit in Heidis Worten klang unzweideutig hervor. »Das reicht wirklich! Komm, lass uns gehen.« Mühsam erhob sie sich.

»Heidi«, entgegnete Susanne bekümmert, »willst du mir nicht sagen, was mit dir los ist? Vielleicht kann ich dir irgendwie helfen.«

Ihre Kollegin schüttelte leicht den Kopf.

»Wie willst du mir helfen können, wenn es schon die Ärzte nicht schaffen?«

»Aber so ein Burnout ist doch therapierbar, auch wenn das dauert«, versuchte Susanne ihrer Kollegin Mut zu machen.

»Darum geht es doch momentan gar nicht mehr.«

Heidi winkte resigniert ab. »Ich will nicht zwei Tage mit auf diesen Lehrerausflug.«

Susanne nickte: »Das will wohl keiner von uns. Allerdings wird uns nichts anderes übrigbleiben.«

Heidi sah sie müde an. »Nur habt ihr einfach keine Lust, euer Wochenende zu opfern. Ich habe regelrecht Angst davor.«

»Aber warum denn?«

Susanne verstand diese Heftigkeit nicht. Keine Lust, klar, aber wieso hatte jemand Angst vor einem verkorksten Wochenende? Sie merkte, wie Heidi mit sich rang.

»Nun sag schon, was genau los ist. Ich behalt’s auch für mich«, drängte sie.

Sie wollte es verstehen und nachvollziehen können. Ihre Kollegin gab den Widerstand auf.

»Also gut. Ich habe seit Jahren Herzprobleme, aber kein Arzt findet die Ursache. Der letzte Internist, den ich aufsuchte, meinte, das sei neu­rotisch. Aber ich merke doch, dass da etwas nicht stimmt.«

Susanne war ehrlich betroffen: »Und wie äußert sich das? Hast du Schmerzen?«

»Nein, aber ich bekomme immer öfter Herz­rasen. Aus heiterem Himmel. Ich kann nicht einmal sagen, dass es in bestimmten Situationen passiert. Aber jedes Mal, wenn ich dann beim Arzt bin, ist es wieder vorbei. Auch verschiedene Langzeit-EKGs haben nichts gebracht. An den Tagen trat es nicht auf. Vorführeffekt nennt man das wohl …«

»Und was passiert, wenn das bei dir auftritt?« Susanne war jetzt schon schockiert.

Dankbar, dass ihr jemand glaubte, erklärte Heidi: »Ganz plötzlich rast mein Herz. Ich hab dann einen Puls, der steigt teilweise bis zweihundert. Daraufhin bekomme ich Panik und das treibt den Puls noch weiter in die Höhe. Wenn es dann endlich aufhört, bin ich völlig fertig.«

»Das verstehe ich«, nickte Susanne, »und kannst du gar nichts dagegen tun?«

»Nachdem man auf den EKGs nichts fest­stellen konnte, war mein Hausarzt der Meinung, es könnte sich durchaus um Herzrhythmus­störungen handeln. Er hat mir einen niedrig dosierten Betablocker verschrieben. Außerdem nehme ich pflanzliche Beruhigungstabletten. Trotzdem tritt es immer wieder auf.«

»Aber dann glaubt dir doch wenigstens dein Hausarzt.«

»Ja, schon, aber das hilft mir auch nichts. Wenn diese Sache einen Namen hätte, könnte man sie vielleicht gezielt behandeln, aber so …« Sie brach ab.

Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es Zeit wurde, aufzubrechen. Susanne fand das heute besonders bedauerlich, hatte doch ihre Kollegin gerade erst begonnen, ihr ein wenig Vertrauen zu schenken. Sie wusste viel zu wenig von Heidi. Nur, dass sie Ende dreißig war, hatte sie bisher herausgefunden. Zwar planten sie teilweise den Unterricht gemeinsam, aber zu ausführlichen privaten Gesprächen fanden sie dabei nie Zeit. Heidi vermittelte immer den Eindruck, als wolle sie nicht über sich selber reden, und Susanne hatte das bisher respektiert.

»Okay. Komm, wir müssen. Aber lass uns doch in den nächsten Tagen dieses Gespräch fortsetzen. Vielleicht fällt uns ja zusammen etwas ein.«

Heidi Wagenknecht nickte dankbar und stand auf. Gemeinsam begaben sie sich auf den Weg zu ihrer ›geliebten‹ Nachmittagsbetreuung.

Dachbodenkinder – Simone Weber (Sofort lesen)

Dachbodenkinder (1. Auflage)

Kapitel 1

„Schau mal Mama, mein Flugzeug, schau doch mal!“, rief Tom aufgeregt seiner Mutter entgegen.

„Ja, ganz toll, mein Schatz“, antwortete sie mit einem halbherzigen Blick auf ihren Sohn.

„Du guckst ja gar nicht richtig!“, beschwerte er sich.

„Tommy, bitte! Geh in dein Zimmer spielen, ich habe gerade keine Zeit für so etwas. Du siehst doch, dass ich am Einpacken bin.“

Tom war enttäuscht.

Seit seine Mutter wieder angefangen hatte zu arbeiten, hatten sein Vater und seine Mutter kaum noch Zeit für ihn.

Zwar arbeitete seine Mutter von zu Hause aus, doch sobald sie an ihrem Schreibtisch saß, war sie quasi nicht mehr ansprechbar.

Mit hängendem Kopf und schweren Schultern ging er in sein Zimmer.

„Geh in deinem Zimmer spielen“, hatte Mama gesagt.

Tom fragte sich, womit er spielen sollte?

Außer seinem Flugzeug war doch schon alles in Kisten und Kartons verpackt.

Immerhin war morgen schon der Umzugstermin.

Tom wollte nicht in das neue Haus.

Er mochte sein altes Zimmer ganz gern.

Traurig setzte er sich auf sein Bett.

Papa hatte ihm erklärt, dass es in dem neuen Haus viel mehr Platz gab als in der Wohnung, in der sie jetzt wohnten.

Außerdem war noch ein richtig schöner Garten dabei, in dem sie bestimmt ganz oft, zumindest an den Wochenenden, zusammen Fußball spielen könnten.

Tom glaubte nicht an diese Versprechungen.

Sein Vater hatte so schon kaum Zeit für ihn und am Wochenende wollte er lieber seine Ruhe haben, damit er sich von der anstrengenden Woche erholen konnte.

Warum sollte sich das in dem neuen zu Hause ändern?

Bei Mama war es nicht anders.

Im Gegenteil.

Bisher hatten Tom und sie richtig tolle Spiele gespielt, wenn Papa auf der Arbeit war.

Jetzt aber, da sie selbst auch wieder arbeiten ging, hatte sich ihre Zeit für ihn drastisch verkürzt.

Jetzt hatte auch sie kaum noch Lust mit ihm zu spielen, weil sie dauernd zu müde war, wie sie sagte.

Nicht einmal mit Oma und Opa war noch etwas anzufangen.

Alle waren nur noch mit einpacken und ausmisten beschäftigt.

Gelangweilt legte Tom sich auf sein Bett, kreuzte die Arme unter seinem Kopf und starrte an die Decke.

Er versuchte sich wenigstens vorzustellen, wie es in dem neuen Haus werden würde.

Bisher kannte er das Haus nur aus den Erzählungen seiner Eltern.

Aber gesehen hatte Tom es noch nicht.

Über seine Gedanken hinweg schlief Tom ein.

Er hatte seine Augen noch nicht lange geschlossen, als seine Mutter an der Tür klopfte, um Tom zum Abendessen zu holen.

Als sie sah, wie friedlich ihr Sohn auf dem Bett lag, verwarf sie den Gedanken und ging ohne ihn in die Küche.

„Tom schläft wie ein Stein“, sagte Andrea kichernd zu ihrem Mann, der schon bereit für das Abendessen am Esstisch saß.

„Ich wollte ihn nicht wecken. Sein Gesichtsausdruck ist so zufrieden und ruhig.“

„Na, dann lass den Jungen schlafen. Er hat immerhin einen aufregenden Tag vor sich“, antwortete Peter.

„Ich muss gestehen, nach dem Essen verschwinde ich wohl auch gleich im Bett. Und dir dürfte es auch nicht schaden, dich vor dem großen Tag noch etwas auszuruhen.“

Sie unterhielten sich wenig während des Essens.

Nur die nötigsten Absprachen, wie der nächste Tag verlaufen sollte, wurden besprochen.

Kaum hatten sie ihre Teller geleert, räumten sie alles gemeinsam fort und fielen danach tatsächlich fast gleichzeitig in ihre Betten.

 

Kapitel 2

Schon sehr früh am nächsten Morgen waren alle fleißig damit beschäftigt die letzten Kleinigkeiten einzupacken.

Alsbald waren die letzten Kartons und Kisten im Auto verstaut.

„Na dann, ab in neue Gefilde!“, rief Peter freudig.

Er konnte es kaum noch erwarten, endlich aufzubrechen.

„Einen Moment noch“, wandte Andrea ein. „Wir haben noch etwas vergessen.“

„So? Und was sollte das sein?“, erkundigte Peter sich neugierig.

Seines Wissens nach hatte er alles, was sie nicht dem Möbeltransporter mitgegeben hatten, in den Wagen gepackt.

Er hatte nichts zurückgelassen.

Die komplette Wohnung war leer geräumt.

„Dein Sohn fehlt noch, du Oberheld!“, antwortete Andrea lachend, während sie schon auf dem Weg zurück zum Haus war.

„Ich hole ihn. Steig du nur schon einmal ein, damit wir hier endlich wegkommen.“

Andrea freute sich auf das neue Haus.

Sie freute sich über das große Platzangebot dort und den angelegten Garten drum herum.

Und doch wurde ihr Herz ein wenig schwermütig, als sie jetzt an diesen kahlen Wänden vorbei schritt.

Erst jetzt fiel ihr auf, wie viele Erinnerungen, in diesen Zimmern zurückblieben.

Tom mussten ähnliche Gedanken bedrücken.

Andrea fand ihn in seinem Zimmer mit dem Kopf an eine Wand gelehnt.

„Da bist du ja, mein Schatz. Komm, Papa wartet im Auto auf uns.“

Tom hob seinen Kopf ein kleines Stück von der Wand weg.

Traurig schaute er seine Mutter an und fragte: „Bist du sicher, dass im neuen Haus alles besser wird als hier? Ich meine, hier kenne ich mich in der Umgebung aus. Hier weiß ich, wo alles ist und kann alleine spazieren gehen und dort? Wie soll ich wissen, was ich dort machen kann, wenn ihr nicht zu Hause seid?“

„Das wird schon. Wenn du dich erst einmal eingelebt hast, findest du dich schon zurecht. Bestimmt findest du auch ganz schnell Freunde. Ich habe gehört, es soll dort ganz viele Kinder in deinem Alter geben“, antwortete Andrea augenzwinkernd.

Arm in Arm kamen Andrea und Tom bei dem vollgepackten Wagen an.

Sie stiegen ein.

Andrea vorn, Tom auf der Rückbank hinter seinem Vater, der ungeduldig am Zündschlüssel klapperte.

Jetzt konnte die Fahrt endlich losgehen.

Peter drehte den Zündschlüssel vollends um, schaltete das Radio ein und sagte: „Nur noch knapp 200 Kilometer und schon sind wir am Ziel.“

 

Kapitel 3

Tom war während der Fahrt auf der eintönigen Autobahn so langweilig geworden, dass er eingeschlafen war.

Er wunderte sich sehr, als er seinen Vater plötzlich sagen hörte: „Wach auf, kleiner Mann, wir sind da.“

Zuerst dachte Tom, sein Vater meinte den ersten Stopp an einem Rasthof.

Da die Straßen aber relativ frei waren und es auch sonst keinen Grund zum Halten gegeben hatte, war Peter geradewegs durchgefahren.

Seine Mutter hatte sogar schon angefangen die ersten Sachen aus dem Kofferraum zu holen und stellte sie neben das Auto.

„Na los doch. Steig schon aus und hilf mir!“, forderte Andrea ihren Sohn auf.

Mühsam schälte Tom sich aus seinem Sitz heraus.

Er griff sich einen Rucksack und eine kleine Tasche, die Andrea ihm bereitgestellt hatte und ging durch den großen Vorgarten auf das Haus zu.

Jetzt erst bemerkte Tom, wie riesig das Haus war.

Und schrecklich alt!

Er musste tatsächlich einige Schritte zurückgehen, um die komplette Front des Gebäudes betrachten zu können.

Peter hatte weitere Kartons aus dem Kofferraum geholt und schleppte sie gerade an Tom vorbei.

„Von innen ist es noch viel toller. Komm und schau es dir an“, schnaufte er seinem Sohn entgegen.

Tom setzte sich wieder in Bewegung.

Als er durch die Haustür ins Innere trat, ließ er vor Erstaunen die Taschen langsam sinken.

Der Eingangsbereich war enorm.

Das war schon kein Flur mehr.

Das hier glich eher einer Halle!

Wenn alle Räume solche Ausmaße hatten, würde er sich die erste Zeit bestimmt dauernd verlaufen.

„He, mach den Mund zu, sonst kommen noch Fliegen hinein!“, rief Andrea lachend, als sie ihren Sohn, noch immer wie erstarrt, im Eingangsbereich stehen sah.

„Schau dich um. Papa und ich räumen das Auto schon leer. Der Möbelwagen kommt sicher auch bald an.“

Der Junge ging den Flur im Erdgeschoss entlang.

Zur rechten Hand befand sich eine geräumige Küche, gefolgt von einem ebenso geräumigen Badezimmer.

Zur Linken befand sich ein Treppenaufgang, der in den ersten Stock hinauf führte, eine Tür, durch die man in den Keller hinunter gelangte und ein riesengroßes Wohnzimmer.

Tom empfand die leeren Räume nicht sehr einladend, aber wenn sie erst einmal eingerichtet waren, würde sich das hoffentlich ändern.

Langsam trottete er die Stufen hinauf, um sich in den oberen Räumen umzuschauen.

Den Anfang, wieder von der rechten Seite aus, machte ein kleines Badezimmer, dem das Schlafzimmer seiner Eltern folgte.

Auf der linken Seite waren zwei große Zimmer zu sehen, die sogar eine Verbindungstür hatten.

Hatte Mama nicht gesagt, dass das Schlafzimmer rechts lag?

Tom überlegte gerade für welchen Zweck dann jedoch die Verbindungstür sein sollte, als seine Mutter plötzlich neben ihm auftauchte.

Fragend schaute er sie an.

Andrea lächelte und sagte: „Na, jetzt hast du die Überraschung ja schon gefunden.“

Tom verstand nicht, was sie damit meinte, also erklärte Andrea: „Das eine Zimmer soll dein Schlafraum werden, das andere dein Spielzimmer. Ist das nicht eine tolle Idee?“

Erstaunt riss Tom die Augen weit auf.

So viel Platz für ihn allein?

Obwohl, überlegte Tom weiter, seine Eltern hatten ihm ja versprochen, dass sie in dem neuen Haus mehr Zeit mit ihm verbringen würden.

Und so wie es jetzt aussah, schienen sie ihr Versprechen wirklich einzulösen.

In seine Gedanken hinein hörte er seinen Vater rufen.

„Der Möbelwagen ist da. Bleib ruhig hier. Du kannst dir ja schon einmal überlegen, welches Zimmer dann wie eingerichtet werden soll“, sagte Andrea und eilte die Stufen hinunter.

Tom stand noch immer im oberen Flur.

Er schwankte hin und her, ob er sein Schlafzimmer lieber im hinteren oder im vorderen Raum haben wollte.

Noch immer unschlüssig darüber ließ er seinen Blick über die Flurdecke gleiten, bis er an etwas hängen blieb.

Ein einsamer Ring mit einem Seil daran schaute daraus hervor.

„Was ist das denn?“, wunderte er sich.

In diesem Moment drangen ihm Stimmen entgegen.

Sein Vater kam mit den Möbelpackern im Schlepptau die Treppe hinauf und erklärte den Männern die Räumlichkeiten.

„Und wohin die Sachen meines Sohnes kommen, das können wir ihn gleich fragen“, sagte Peter lächelnd, als er seinen Sohn erblickte.

„Guten Tag!“, begrüßte Tom die Männer. „Ich hätte gerne mein Bett im hinteren Zimmer und meine Spielsachen vorne. Was ist das für ein Seil, Papa?“, fragte er, ohne Luft zu holen und deutete auf die Öse in der Decke.

Peter schaute dem Finger seines Sohnes hinterher.

„Das, junger Mann, ist dafür, um einen Aufstieg zum Dachboden zu öffnen.“

Das klang spannend, fand Tom.

„Darf ich mir den anschauen?“, fragte er.

Peter wollte mit den Möbelpackern endlich anfangen und die Sachen ins Haus zu holen, also sagte er: „Ja, ich zieh dir die Klappe herunter. Aber sei vorsichtig da oben.“

Kaum hatte er die Luke geöffnet, klappte eine Treppe herunter.

„Irgendwo in der Nähe muss ein Lichtschalter sein“, sagte Peter und wandte sich wieder den Männern zu.

Gemeinsam verließen sie das obere Stockwerk und Tom war wieder allein.

Vorsichtig stieg er die wenigen Stufen hinauf.

Als sein Kopf durch das Loch in der Decke hindurch war, sah er tatsächlich schon einen Lichtschalter.

Er befand sich an der Wand direkt vor ihm.

Tom stieg vollends nach oben, langte nach dem Schalter und versuchte sein Glück.

Nachdem er den Schalter betätigt hatte, dauerte es einen kleinen Augenblick, bis die Lampe reagierte.

Viel heller wurde es allerdings nicht.

Tom konnte nicht sehr weit in den großen Bereich hineinschauen.

Was er aber ganz genau sehen konnte, war, dass alles ziemlich verstaubt und verdreckt war.

Er glaubte nicht, dass hier oben etwas für ihn Interessantes war.

Enttäuscht wollte er eben den Rückzug antreten, als er ein leises Flüstern hörte:

„Warum geht er denn schon wieder? Ich hatte gehofft, dass endlich jemand zum Spielen kommt.“

„Pst! Sei still, sonst erschreckst du ihn noch!“

„Hallo?“, rief Tom vorsichtig.

Er bekam keine Antwort.

„Ich komme mit mehr Licht zurück“, warf er vorsichtshalber in den weiten Raum und kletterte die Stufen hinab.

Die Luke ließ er offen, damit er kommen und gehen konnte, wann er wollte und nicht jedes Mal seine Eltern um Hilfe bitten musste.

Erstaunt stellte Tom fest, dass die Umzugsleute schon all seine Sachen in seinem Zimmer verteilt hatten.

Die Möbel standen an ihrem Platz, so wie seine Mutter sie haben wollte.

Da es Tom egal war, wo was stand, befand er die Aufteilung für gut.

Und wenn nicht könnten sie das ein oder andere auch später noch umstellen.

Einzig seine Spielsachen und die Kleidung waren noch in einer Menge Kisten, die er selbst einräumen durfte.

Wie lange war er denn auf der Dachbodentreppe gewesen?

Hastig warf er einen Blick durch das Treppengeländer.

Im unteren Teil des Hauses waren alle noch mit hin und her räumen beschäftigt.

„Super, da kann mich sowieso niemand dabei gebrauchen“, freute Tom sich und verschwand in seinem Zimmer.

Er begann, seine Kisten und Kartons zu durchwühlen, doch das, wonach er suchte, wollte einfach nicht auftauchen.

„Also gut, dann muss ich wohl doch der Reihe nach gehen“, murmelte er in sich hinein, zog den ersten Karton zu sich heran und schaute hinein.

„Mist, bloß Klamotten! Aber einräumen muss ich sie ja doch.“

Kleidungsstück für Kleidungsstück fand seinen Platz im Kleiderschrank und endlich war die Kiste leer.

In der nächsten Kiste, die Tom öffnete, fand er seine Bücher und einige Stofftiere.

Er räumte die Bücher in ein Regal, platzierte die Stofftiere dazu und schon war auch dieser Karton geleert.

Als er die dritte Kiste schon fast hoffnungslos aufklappte, stahl sich ein Lächeln in sein Gesicht.

„Da bist du ja endlich!“

Er griff zwischen weiteren Stofftieren hindurch direkt nach der Taschenlampe, die sich zum Schutz zwischen den Tieren befand.

Ein kurzer Test zeigte ihm, dass die Batterien noch vollständig geladen waren.

Den Rest ließ Tom ungeachtet einfach stehen.

Er eilte zu der Dachbodentreppe zurück und stieg langsam nach oben.

 

Kapitel 4

Tom ließ den Lichtkegel der Taschenlampe durch den Raum wandern.

Wirklich viel gab es allerdings nicht, das er hier oben hätte entdecken können.

Im Großen und Ganzen war der Dachboden leer.

Ziemlich mittig stand ein großer Tisch und eine ungewöhnliche Anzahl an Stühlen war darum drapiert.

Sie waren mit einer Plastikplane abgedeckt.

Es gab weder Kartons, noch sonstige Kisten oder Truhen, die einen geheimnisvollen Inhalt hätten bewahren können.

Enttäuscht wollte Tom den Rückzug antreten, als im hintersten Teil des Dachbodens etwas raschelte.

„Vielleicht finde ich ja wenigstens ein paar Mäuse.“

Tom grinste, denn er wusste ganz genau, wie sehr seine Mutter sich vor den kleinen Nagern ängstigte.

Leise und vorsichtig schlich er in die Richtung, aus der er das Rascheln gehört hatte.

Er wurde jäh gestoppt, als der Lichtschein auf weitere Plastikplanen fiel und ihm ein Augenpaar entgegenblickte.

„Was ist das denn?“, rief Tom erschrocken aus.

„Was ist was?“, fragte sein Vater plötzlich unmittelbar hinter ihm.

Wieder erschrak Tom und ließ mit einem erneuten Aufschrei die Taschenlampe fallen.

„Papa! Mache so etwas niemals wieder!“, flehte Tom.

„Entschuldigung! Ich wusste ja nicht, dass du neue Freunde gefunden hast und mit ihnen alleine sein wolltest“, antwortete Peter mit sehr breitem Grinsen und deutete mit dem Daumen auf die Schaufensterpuppen.

„Komm, Mama hat etwas zu essen gemacht. Wir sollten sie lieber nicht warten lassen.“

Peter legte einen Arm um seinen Sohn und führte ihn zu der Luke.

Tom konnte nicht anders, als mit der Taschenlampe noch einen Blick zurückzuwerfen.

Hatte ihm die Schaufensterpuppe eben zugezwinkert?

Eine Gänsehaut überlief seinen Körper.

Nein, das war sicher nur ein Schatten gewesen.

‚Puppen zwinkerten nicht‘, versuchte er seine Gedanken zu beruhigen.

Schnell folgte er seinem Vater nach unten.

 

Kapitel 5

Andrea und Peter waren von dem anstrengenden Tag erschöpft.

Schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, saßen sie um den Tisch herum, ohne dass auch nur einer das Abendessen richtig anrührte.

Tom kreiste ständig diese Schaufensterpuppe durch den Kopf.

Sie hatte ihm nicht wirklich zugeblinzelt, oder?

Es war doch bloß eine Puppe!

Sein Blick schweifte gerade an dem Gesicht seiner Mutter vorbei, als er bemerkte, dass sie mit ihm zu sprechen schien.

„… schläft auch schon“, hörte er gerade noch das Ende des Satzes.

„Wie bitte? Wer schläft schon?“, fragte Tom.

„Na du, wie mir scheint. Papa und ich sind auch müde. Wir lassen für heute einfach alles stehen und gehen in unsere Betten. Zähneputzen kannst du ausnahmsweise ausfallen lassen. Zieh dich dann um und Abmarsch.“

„Ja, Mama“, antwortete Tom.

Da war er wieder, dieser Befehlston, den Tom so gar nicht mochte.

Er wusste genau, wenn Andrea diesen Befehlston hatte, dann wollten weder sie noch Papa ihn in der Nähe wissen.

Tom beeilte sich in sein Zimmer zu kommen und dort in seinen Schlafanzug zu schlüpfen, bevor seine Mutter ihn nochmals dazu auffordern musste.

Das hätte bloß Ärger bedeutet und das wollte Tom nicht.

Er wollte, dass seine Eltern in dem neuen zu Hause endlich Zeit für ihn hatten und wenn er artig war, ging das bestimmt viel schneller.

Gerade steckte er seinen Kopf durch das Schlafanzugoberteil, als sein Vater ihm durch die geschlossene Zimmertür eine gute Nacht wünschte.

„Gute Nacht!“, rief Tom zurück.

Er ging zu seinem Bett, schüttelte sein Kopfkissen auf und flüsterte leise: „Na toll, jetzt kommt nicht einmal mehr jemand herein. Aber Mama hat ja gesagt, dass sie müde sind. Vielleicht liegt es daran.“

Während er unter seine Bettdecke kroch, fielen ihm die Schaufensterpuppen wieder ein.

„Ich muss das gleich morgen unbedingt kontrollieren.

Hoffentlich gibt das heute Nacht keine Albträume!“

Tom hatte gehofft, dass er auf der Stelle einschlafen würde, aber der Gedanke an die Puppen ließ ihn einfach nicht los.

Schließlich, nach gefühlt unendlicher Zeit, überkam Tom die Müdigkeit doch so sehr, dass er gerade am Einschlafen war, als er glaubte, über seinem Zimmer, auf dem Dachboden, vorsichtige Schritte zu vernehmen.

Tom schreckte auf.

Er war sofort wieder hellwach.

„Was war das?“

Angestrengt lauschte er in die Stille, doch das Geräusch wiederholte sich nicht.

„Ach Mist! Ich wusste, dass mich das bis in den Schlaf verfolgt!“

 

Kapitel 6

Direkt nach dem Frühstück stürmte Tom in sein Zimmer zurück.

Er musste unbedingt wissen, was für die Geräusche in der Nacht verantwortlich war.

Vielleicht traf er ja auf ein paar Mäuse oder sogar einige Ratten.

Die wären wunderbar, um seiner Mutter damit einen Streich zu spielen.

Er grinste hämisch bei diesem Gedanken.

Dann musste sie ihm einfach endlich zuhören.

Beim Frühstück eben hatte sich ja wieder einmal bewiesen, dass sie, trotz aller Versprechungen, kein offenes Ohr für ihn hatte.

Aufgeregt hatte Tom versucht seinen Eltern zu erzählen, dass er vergangene Nacht Schritte auf dem Dachboden gehört hatte.

Die Antworten seiner Eltern aber waren bloß: „Das ist ja ganz toll. Da freuen wir uns.“

Wenn Tom etwas von blau-lila gestreiften Eichhörnchen erzählt hätte, wäre die Reaktion die gleiche gewesen.

Warum hörten sie ihm einfach nie zu?

Wofür hatten sie ihn auf die Welt gebracht, wenn sie ihn doch nicht gebrauchen konnten?

Immer die gleichen Fragen, die Tom durch seinen Kopf schossen, jedoch niemand, der sie ihm beantwortete.

Wieder hatte Tom dieses beklemmende Gefühl um sein Herz.

Doch er wollte jetzt nicht traurig sein, er wollte wissen, was da oben war!

„Was brauche ich also alles? Die Taschenlampe, klar. Bei diesen verstaubten, alten Glühbirnen, die einfach lieblos in die Fassung geschraubt waren und dem winzigen, verdreckten Fenster sieht man auch bei Tageslicht kaum etwas. Mein Rucksack kann auch nicht schaden. Vielleicht findet sich ja doch das ein oder andere Interessante.“

Suchend schaute Tom sich noch einmal um, ob er nicht noch etwas vergessen hatte.

Verneinend schüttelte er den Kopf.

„Jetzt aber los, du Feigling“, mahnte er sich selbst.

„Du trödelst doch bloß, weil du Angst hast!“

Zuerst bemerkte er kaum, wie sich tatsächlich ein Fuß vor den anderen zu setzen begann.

Mit einem plötzlichen Ruck aber zwang er sich, vollends in Bewegung zu kommen und schon war er an der Dachbodentreppe angelangt.

Tom zückte die Taschenlampe und ließ ihren Strahl durch das Loch in der Decke gleiten.

Nichts zu sehen.

Vorsichtig erklomm er die Stufen, den Schein der Lampe immer so weit nach vorn gerichtet, dass er möglichst viel der Umgebung ausleuchtete.

Jetzt war es nicht mehr weit bis zum Lichtschalter.

Noch drei Schritte … noch zwei … Tom streckte den Arm aus, so weit er konnte, aber auch den letzten Schritt musste er noch gehen, um den Schalter betätigen zu können.

Kaum hatte er das getan, wurde er von einem Schlurfen aufgeschreckt.

Hastig lenkte er die Taschenlampe in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war und ließ sie sogleich vor Entsetzen fallen.

Da hatten ihn zwei Augen angeschaut!

Tom hatte sie genau gesehen! Zweifelsohne!

Mit zitternden Händen klaubte er die Lampe vom Boden auf und ließ ihren Schein erneut, aber unsäglich langsam die Stelle suchen, an der er diese Augen aufblitzen gesehen hatte.

Da waren sie und im selben Augenblick fielen ihm die Schaufensterpuppen ein.

„Oh Mann, bin ich blöd!“, schimpfte er mit sich.

Neuen Mutes setzte Tom seine Erkundungstour fort.

Viel gab es nicht zu entdecken, das hatte Tom ja schon gestern feststellen müssen.

Was er aber nun sah, verwunderte ihn doch.

Hatten der Tisch und die Stühle auch gestern schon so in Formation hier gestanden?

Es sah geradeso aus, als ob sich hier eine Versammlung angekündigt hätte.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken, den er mit einem Schulterzucken verdrängte.

Da! Wieder ein Rascheln.

Diesmal aus einer der hinteren Ecken.

Augenblicklich leuchtete der Strahl der Taschenlampe dort auf.

Mit einigen großen Schritten bewegte er sich auf den beleuchteten Bereich zu.

Nichts.

Die Ecke war vollkommen leer.

Nicht einmal eine Spinnwebe war dort.

„Bin ich denn bekloppt?“, fragte Tom sich gerade, als er wieder das Rascheln hörte.

Unmittelbar hinter sich.

Mit unglaublicher Geschwindigkeit drehte Tom sich um die eigene Achse, wobei er allerdings so ungeschickt über seine Füße stolperte, dass er der Länge nach hingefallen wäre, wenn ihn die Schaufensterpuppe nicht aufgefangen hätte.

Automatisch bedankte Tom sich bei der Puppe, die, wie er jetzt aus der Nähe sehen konnte, einen Jungen in ungefähr seinem Alter darstellte.

„Gern geschehen! Lauf bitte nicht wieder weg. Du brauchst keine Angst vor uns zu haben“, flüsterte die Puppe.

Tom konnte den Aufschrei, der ihm den Hals hinaufkletterte nicht aufhalten.

„Waaah!“, schrie er, während er einen ordentlichen Schritt rückwärts taumelte und erst an der Wand wieder Halt fand.

Neugierig schaute er die Puppe an, doch der traurige und zugleich ängstliche Ausdruck in diesen Augen konnte keiner Schaufensterpuppe gehören.

Es war tatsächlich ein Junge.

Bestimmt hatte er sich hier versteckt, aus welchem Grund auch immer, aber was hatte er gemeint mit: ‚Du brauchst vor uns keine Angst zu haben‘?

Wer war denn noch alles hier oben?

Tom wurde langsam bewusst, dass er in der vergangenen Nacht wohl doch nicht geträumt und die Schritte wirklich gehört hatte.

„Wer bist du und was machst du hier?“, fragte er neugierig.

„Mein Name ist Martin und wir wohnen hier, seit unsere Eltern uns vergessen haben.“

„Seit sie euch vergessen haben?“

Tom konnte sich nicht vorstellen, dass Eltern ihre Kinder einfach so vergaßen.

„Und überhaupt, warum sprichst du dauernd in der Mehrzahl?“

Martin holte tief Luft, bevor er antwortete: „Wir alle sind, genau wie du, mit unseren Eltern eines Tages in dieses Haus gezogen. Wie für dich hatten auch unsere Eltern kaum oder sogar überhaupt keine Zeit für uns. Das erste vergessene Kind war seinerzeit Leo. Seine Eltern waren stets so beschäftigt, dass es ihnen egal schien, ob Leo anwesend war oder nicht. Er bekam sowieso keinerlei Beachtung. Als er damals den Dachboden für sich entdeckte, ist er einfach geblieben. Jedem von uns erging es auf sehr ähnliche Weise so.“

Nach und nach kam in alle vermeintlichen Schaufensterpuppen Leben.

Langsam, fast scheu, bewegten sich die Kinder näher, um Tom genauer betrachten zu können.

Einige Augenblicke lang kam Tom damit zurecht, doch dann wurde ihm die Situation merklich unangenehm.

„Müsst ihr die Neuen immer so anstarren?“, fragte eine Stimme hinter ihnen.

„Es ist doch immer das Gleiche, nur die Zeit ist weiter fortgeschritten. Ansonsten ändert sich doch nichts. Also lasst ihn in Ruhe und kommt her. Glaubt mir, er ist genau wie wir!“

Schuldbewusst blickten alle zu Leo hinüber, der sich an die Kopfseite des Tisches gesetzt hatte.

Entschuldigungen wurden Tom entgegen gemurmelt, während die Kinder ihre Plätze aufsuchten.

Ein Stuhl, direkt neben Leo, blieb frei.

 

Kapitel 7

Angeregt hatten die Kinder sich unterhalten.

Zwar hatte jeder seine eigene Geschichte erzählt, doch im Grunde glichen sie sich bis auf vereinzelte Abweichungen.

„Mich hätten sie beim Umzug beinahe nicht mitgenommen!“, erzählte Tom gerade, als ihm eine ganz andere Frage durch den Kopf schoss.

„Was macht ihr eigentlich die ganze Zeit? Ich meine, ihr sitzt doch nicht einfach nur hier herum und unterhaltet euch, oder?“

„Natürlich nicht“, antwortete Leo.

„Wir haben mittlerweile einige Spielzeuge ansammeln können. Zum Glück sind die Erwachsenen in den letzten Jahren immer nachlässiger und fauler geworden, was das Aufräumen angeht.“

Tom sah ihn fragend an.

Er wusste nicht, was Leo damit sagen wollte.

Seine Eltern sorgten immer dafür, dass alles sofort aufgeräumt wurde.

Im ganzen Haus gab es keine Unordnung und wenn doch einmal etwas im Weg stand oder nicht mehr benötigt wurde, landete es auf dem …

„Achso!“

Ja, jetzt hatte Tom verstanden, was Leo gemeint hatte.

„Zu meiner Zeit wurden die Dachböden ein paar Mal im Jahr entrümpelt“, fuhr Leo fort.

„Deshalb sind von meinen Spielzeugen keine mehr übrig geblieben. Als Martin dann zu mir kam, hatte auch er das ein oder andere nach oben geholt. Als dann nach Jahren wieder neue Besitzer kamen, haben leider auch sie den Dachboden komplett geleert. Uns hat die Frau damals für ihre Schneiderarbeiten genutzt. Das ist der Grund, warum wir noch hier sind. Alle anderen, die danach kamen, haben hier stets bloß unnützes Zeug abgestellt, was dann später doch wieder jemand gebrauchen konnte. So wechselte sich der Bestand an Dingen und keiner sah es für notwendig an, den Zustand zu ändern. Wir hatten demnach immer eine Vielzahl an Dingen, mit denen wir uns beschäftigen konnten. Außerdem hat jedes Kind, das seinen Weg zu uns gefunden hat, eigene Dinge mitgebracht, die zusätzlich für Abwechslung gesorgt haben. Erst dein Vater fing wieder an, den Dachboden zu entrümpeln. Wie du siehst, ist er noch nicht fertig geworden. Alles, was uns noch geblieben ist, sind der Tisch, die Stühle und kleinere Spielzeuge, die wir unter den Fußbodenbrettern versteckt haben.“

„Aber ich habe doch auch Spielzeug!“, warf Tom ein.

„Wenn ihr mir beim Tragen helft, können wir die alle holen.“

„Das geht leider nicht. Wir können den Dachboden bedauerlicherweise nicht mehr selbstständig verlassen. An der Luke scheint eine Art Sperre zu sein, die verhindert, dass wir dort hinunterlaufen können.“

„Dann gehe ich eben alleine. Ist auch nicht weiter schlimm.“

Mit diesen Worten stand Tom auf und war schon fast am Treppenabstieg angelangt, als Leo ihm hinterherrief: „Und deine Eltern? Werden sie sich nicht darüber wundern?“

„Ja, genau!“, lachte Tom. „Als wenn sie das merken würden!“

Und schon war sein Kopf durch die Luke verschwunden.

Mit einem beherzten Sprung ließ er die letzten Stufen hinter sich und lief in sein Zimmer.

Praktischerweise standen die Kartons kaum berührt bereit.

Als ob sie darauf gewartet hätten und sowieso schon wussten, dass ihr Inhalt niemals in diesem Zimmer ausgeräumt würde.

Tom schnappte sich die erstbeste Kiste und lief damit zur Treppe zurück.

Die ganze Aktion hatte kaum eine halbe Stunde in Anspruch genommen.

Jetzt waren alle um die Kisten herum versammelt und staunten darüber, was Tom alles aus den Kartons heraus beförderte.

Gerade die Kinder, die am längsten hier oben waren, staunten besonders über die Dinge der heutigen Zeit.

„So langsam musst du aber gehen für heute. Es wird allmählich dunkel draußen“, wandte Leo sich an Tom.

„Kann ich nicht bei euch bleiben?“, fragte Tom traurig.

„Wenn du jetzt nicht gehst, bleibst du für alle Zeit bei uns. Es wird kein Zurück mehr für dich geben. Du wirst dann unser Schicksal teilen müssen. Für immer!“, warnte Leo.

„Das kann nur besser sein als bei meinen Eltern. Ihr habt Zeit für mich, ihr redet mit mir, ihr spielt mit mir. Was kann ich mehr wollen? Ich bin ihnen ja doch egal“, antwortete Tom.

Und so blieb er.

 

Kapitel 8

„Will der Junge nichts zu essen?“, fragte Peter seine Frau.

Fragend sah Andrea zu dem leeren Platz.

„Oh, ich war der Meinung, er sei schon längst da. Saß er nicht eben hier?“

„Woher soll ich das bitte wissen? Ich habe den ganzen Tag Möbel gerückt und ihn zum Frühstück das letzte Mal gesehen, glaube ich!“

„Deswegen war sein Mittagessen also unberührt, weil er nicht da war. Und ich dachte schon, es schmeckt ihm nicht.“

Peter lief zum Treppenansatz und rief nach Tom, bekam aber keinerlei Reaktion.

Recht schnell gab er seine Versuche auf Tom zum Herunterkommen zu bewegen, kehrte in die Küche zurück, setzte sich an seinen Platz und begann zu essen.

„Offensichtlich schläft er schon“, sagte er zu Andrea, die einen erneuten, dennoch kurzen Blick auf Toms Stuhl warf.

„Ich bin so froh, wenn alles an seinem Platz ist und Ordnung hier hereinkommt.“

„Vor allem in deine Leseecke“, schmunzelte Peter.

„Darauf freue ich mich ganz besonders! Hast du gesehen, dass ich schon fast alle Bücher in den Regalen untergebracht habe? Der Platz wird aber nicht reichen. Ich befürchte, wir müssen wohl noch Regale dazukaufen.“

„Soso, du befürchtest das, ja? Nun gut, werte Dame, dann befürchte ich, dass dich das etwas kosten wird.“

Peter erhob sich von seinem Stuhl, nahm Andrea bei der Hand und zog sie zu sich heran.

Ihre Blicke trafen sich und beide mussten herzhaft anfangen zu lachen.

Natürlich hatte Andrea genauestens verstanden, was Peter meinte.

Der Weg bis zu ihrem Schlafzimmer wurde von Albernheiten begleitet.

Wie lange war es her, dass sie derart kindisch gewesen waren?

Glücklich erreichten sie das Bett, doch kaum lagen Peter und Andrea nebeneinander, schliefen sie vor Erschöpfung ein.

Früh am nächsten Morgen wachte Andrea auf, weil sie glaubte, ein seltsames Geräusch gehört zu haben.

Sie öffnete ihre Augen.

Peter lag direkt vor ihr.

Beruhigt versuchte sie, wieder in den Schlaf zu finden, doch es gelang ihr nicht.

Schließlich gab sie sich geschlagen, schälte sich vorsichtig aus dem Bett und ging Kaffee kochen.

Es dauerte nicht lange, da stand Peter mit verschlafenen Augen in der Küchentür.

„Guten Morgen“, wurde er von seiner Frau begrüßt.

„Wie sieht denn der Plan für diesen Tag aus? Denkst du, wir schaffen es, dass heute alles fertig wird?“

„Hm“, brummte Peter. „Erstmal Kaffee.“

„Morgenmuffel“, lachte Andrea, als sie für Peter eine Tasse Kaffee auf den Tisch stellte.

„Als ob du schon richtig wach wärst“, grinste Peter und nippte an dem heißen Getränk.

Peter hatte recht. Ganz und gar fit fühlte sie sich noch nicht, also widmete Andrea sich ihrer eigenen Tasse.

Plötzlich fielen Andrea die Bücher wieder ein.

„Glaubst du, wir könnten die Regale heute schon kaufen?“

„Am Nachmittag vielleicht“, antwortete Peter kurzgehalten.

Andrea musste sich wohl damit abfinden, dass Peter immer noch nicht richtig wach war.

Wortlos stand sie vom Küchentisch auf, um Tom zu wecken.

Nur kurze Zeit später stürmte sie heillos aufgebracht in die Küche zurück und rief: „Tom ist verschwunden!“

 

Kapitel 9

Andrea und Peter hatten das ganze Haus abgesucht und nach ihrem Sohn gerufen, aber nirgends war Tom zu finden gewesen.

Jetzt blieb ihnen nichts anderes mehr übrig, als die Polizei anzurufen und Tom als vermisst zu melden.

Andrea beantwortete sämtliche Fragen des Polizisten nach bestem Gewissen.

Etwas peinlich war es ihr schon, dass sie nicht genau sagen konnte, welche Kleidung Tom zuletzt getragen hatte und auch, dass sie nur schätzen konnte, wann sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte.

Endlich waren alle Fragen beantwortet und das Gespräch wurde beendet.

Mit zittrigen Fingern tauschte Andrea das Telefon gegen ihre Kaffeetasse.

Peter hatte die ganze Zeit über geschwiegen.

Nun nahm er Andrea in die Arme und versuchte, sie zu trösten.

„Wir werden ihn schon finden. Wo soll er schon hingegangen sein? Er kennt sich hier doch noch gar nicht aus und neue Freunde kann er auch noch keine gefunden haben.“

„Irgendwo muss er doch sein. Ich weiß nicht, wo ich ihn noch suchen soll. Was machen wir denn jetzt?“, schniefte Andrea.

„Am besten wird es sein, wenn wir das alles der Polizei überlassen. Um uns abzulenken, können wir doch in der Zwischenzeit die restlichen Kartons ausräumen“, antwortete Peter.

Den Vorschlag fand Andrea zwar unpassend, aber da ihr nichts Besseres einfiel, stimmte sie ihm zu.

So viel, wie sie vermutet hatten, war allerdings nicht mehr zu verräumen.

Schneller als erwartet saßen sie wieder am Küchentisch.

„Bloß noch die Kartons. Wenn wir die auf den Dachboden verfrachtet haben, sind wir fertig“, bemerkte Andrea.

Peter war froh darüber, das Chaos fast beseitigt zu wissen.

„Dann gehst du auf den Dachboden und ich reiche dir die Kartons an, einverstanden?“, schlug Peter vor.

Gemeinsam falteten und stapelten sie die ganzen Kartons an der Dachbodentreppe.

Andrea stieg die Stufen hinauf und Peter reichte ihr die wenigen Stapel an.

Als nichts mehr übrig war, durchstreiften Andreas Augen neugierig den weiten Raum, doch bis auf einige Kinderschaufensterpuppen, die um einen Tisch herum saßen, konnte sie nichts Interessantes sehen.

Bei diesem Anblick lief ihr ein kalter Schauder über den Rücken.

Unter dem Tisch entdeckte sie eine Plastikplane.

Kurzerhand lief sie zu dem Tisch, holte die Plane hervor und deckte die gesammelte Mannschaft damit ab.

Sofort fühlte sie sich besser.

Was sie allerdings nicht bemerkte, war, dass sie auch ihren Sohn für immer unter der Plane zurückgelassen hatte.

Ende

Mörderische Geschichten-Es kann jeden treffen | Elvea Crimetime (Sofort lesen)

DRINGENDE WARNUNG!!!
Ob im Süden, Norden, Osten oder Westen dieses Landes, überall morden und meucheln die Autoren und Autorinnen des Elvea Verlages, was ihnen unter die Feder kommt.
Haben Sie schon einmal nachgesehen? Sie sollten es tun. Vielleicht im Haus oder schauen Sie Ihrem Partner, Ihrer Partnerin einmal intensiver in die Augen. Es könnte sonst auch Sie treffen. Was genau? Dieses Buch könnte Sie retten. Denn – es kann jeden treffen.
Diese Mörderische Geschichten schrieben für Sie: Claus Beese, Alexander Brummer, Antje Haugg, JM Holland, Carsten Kupka, Daria Robjani, Heike Susanne Rogg, Michael Suhr, Werner Thieke und Simone Weber.


Urheberrechtlich geschütztes Material!


Mord in Kamerun

Antje Haugg

Die Sonne war leuchtend orangerot über Kamerun aufgegangen, ein paar Schritte über den Himmel gewandert und hatte auf ihrem Weg einen blassgelben Farbton angenommen. Der frühe Morgen hatte schon einen wunderschönen, warmen und gleißend hellen Sommertag versprochen, und er hielt Wort.

Mittlerweile waren die Morgengesänge der Vögel ver­stummt, intensives Grillenzirpen hatte sie abgelöst. Die um­stehenden Bäume spendeten ein wenig Schatten und Kühle, aber nicht genug. Die Hitze würde am späten Nachmittag unerträglich werden. Es hatte lange nicht geregnet, sodass die spärlichen Grashalme beleidigt ihre Spitzen hängen ließen und eine kränklich-braune Färbung aufwiesen.

Ebenfalls eine kränklich-braune Färbung wies der Wirt auf, der vor seiner Ausflugsgaststätte ›il Tramonto‹ im Gras lag. Eine Grille saß auf seiner Nasenspitze und zirpte ihm einen hysterisch anmutenden Totengesang. In seiner Brust steckte ein großer Wurfspeer, dessen nicht blutbeflecktes Ende wie der Zeiger einer Sonnenuhr zum Himmel auf­ragte.

Wesentlich hysterischer noch als die Nasenspitzengrille kreischte die Frau auf, die soeben zur Witwe geworden war, als sie ihren Mann in diesem Zustand entdeckte. Und dieses Kreischen sollte so schnell nicht aufhören …

***

Kriminalhauptkommissarin Julia Lehmann kaute gelangweilt auf dem Ende ihres Kugelschreibers herum, während ihr Kollege Stefan Siems ihr gegenüber an seinem Schreibtisch saß und sie amüsiert beobachtete. In der Ecke ihres Büros surrte ein Standventilator, ohne viel zu bewirken. Die stickige Luft waberte dickflüssig durchs Zimmer und erschwerte das Atmen. Die Hitze war hier in der Bayreuther Innenstadt schon am späten Vormittag schier unerträglich. Es war der heißeste Juli seit Jahren, und außerdem der trockenste. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet, und die Festspielstadt lechzte wenige Tage vor der Premiere regelrecht nach Regen und Abkühlung. Vergeblich – keine Aussicht auf ein Gewitter oder gar ein richtiges Tief. Niemand bewegte sich mehr als nötig, alle schleppten sich lethargisch durch die Tage. Sogar die Verbrecher schienen Sommerferien zu machen: Es passierte so gut wie gar nichts, nicht einmal simple Taschen- und Trickdiebstähle wurden gemeldet. Dementsprechend unterbeschäftigt saßen die beiden Kriminalbeamten an ihren Tischen. Der Nordbayerische Kurier von heute war bereits gelesen, sie waren also zu untätigem Warten auf den Feierabend verurteilt, denn auch der leidige Papierkram war schon aufs Laufende gebracht.

Als sich das schrille Klingeln des Telefons seinen Weg durch die zähe Luft bahnte, schreckten beide hoch und jeder versuchte, als Erster den Hörer zu erwischen. Stefan war einen Tick schneller als Julia und streckte ihr triumphierend die Zunge heraus, bevor er sich meldete. Doch dann wurde er sehr schnell ernst.

Nach wenigen Minuten, die sich für Julia endlos dehnten, legte er auf und winkte ihr aufzustehen.

»Arbeit, Julia – wir müssen nach Kamerun. Da liegt eine Leiche, mit einem Speer aufgespießt.«

Er angelte nach dem Autoschlüssel und wartete mit einem Anflug von Ungeduld auf seine Kollegin, die noch eine lauwarme Flasche Mineralwasser aus ihrer Schublade holte, bevor sie ihm folgte.

Gerade wollten sie zur Zimmertür hinaus, als diese von außen so schwungvoll aufgerissen wurde, dass Stefan sie beinahe an den Kopf bekommen hätte. Im letzten Moment ging er einen Schritt zurück, und das war auch gut so, sonst hätte ihn Staatsanwalt Strasser wohl über den Haufen gerannt. Strasser, den alle hinter vorgehaltener Hand ob seiner Körpergröße nur den Bonsai nannten, schnarrte sofort wü­tend los:

»Sagen Sie mal, was ist denn das nun wieder für ein schlechter Scherz?!? Ist da jemandem die Hitze nicht bekommen? Was haben wir denn bitteschön mit einem Mord in Kamerun zu schaffen? Müssen wir demnächst auch nach Syrien oder Afghanistan, wenn dort jemand umgebracht wird? Ich verbitte mir solche Anrufe!«

Julia schnaufte genervt durch. Jedes Mal war es dasselbe mit Strasser: Er schaffte es innerhalb von fünf Sekunden, sie auf die Palme zu bringen. Auch heute wieder. Und wie meistens war sie nur zu bereit, sich mit dem Bonsai anzulegen.

»Herr Strasser, darf ich Sie darauf hinweisen, dass dieser Anruf nicht von uns kam, sondern von der Leitstelle? Und davon abgesehen: Sie leben jetzt doch auch schon seit drei Jahren in Bayreuth – da müssten Sie mittlerweile auch wissen, dass es nach Kamerun keine fünf Kilometer sind. Von daher in unserem Zuständigkeitsbereich, und deswegen fahren wir jetzt hin. Also halten Sie uns bitte nicht von unserer Arbeit ab – Sie sind es doch, der es nie erwarten kann, dass endlich Ergebnisse auf dem Tisch liegen.«

Mit diesen Worten rauschte sie an Strasser vorbei und hinaus in die drückende Hitze, gefolgt von ihrem grinsenden Kollegen Stefan. Undeutlich war eine laut knallende Tür zu hören, der Schall schien in der heißen Luft stecken zu bleiben.

»Das war der Bonsai – jetzt ist er wieder auf 180«, kommentierte Stefan und öffnete die Autotür. Sie wichen zurück, da drin war es tatsächlich noch wärmer, obwohl das Auto im Schatten geparkt war.

Es half nichts: Sie mussten hinein und zum Tatort fahren. Julia fluchte leise, als sie das brennend heiße Gurt­schloss anfasste. Sie öffneten sämtliche Fenster und fuhren los, über die Nürnberger Straße in Richtung Wolfsbach auf die Bundesstraße und dann links in den Wald hinein, zu der idyllisch gelegenen Ausflugsgaststätte Kamerun, auf einer versteckten Waldlichtung, umgeben von hohen Bäumen, die Schatten spendeten – ohne heute Abkühlung zu ver­schaffen.

Kurz nachdem sie in den Wald abgebogen waren, bemerkte Julia einen etwa einen Meter großen, auberginefarbenen, dirigierenden Wagner, der am Straßenrand auf einem Sandsteinquader stand. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Diese Hörlfiguren standen doch wirklich überall! Der Künstler hatte, nachdem seine hundertfach angefertigten Russhunde, Wagners Lieblingshund, sehr erfolgreich gewesen waren, nachgelegt und den Meister selbst in großer Stückzahl und einer gewöhnungsbedürftigen Farbauswahl in ganz Bayreuth verteilt.

Noch bevor sie die Leiche sahen, wies ihnen der Schaft eines großen Wurfspeers den Weg, und direkt daneben sahen sie Doktor Kollrab werkeln, der den Toten bereits untersuchte. Er nickte den beiden Beamten freundlich zu, wie immer fasziniert von seiner Arbeit.

»Grüß Gott miteinander! Sehen Sie nur: Der Mörder hat ganze Arbeit geleistet. Ein Volltreffer mitten ins Herz, und das mit diesem Speer. So wie ich es einschätze, aus Distanz geworfen. Das muss ein Profi gewesen sein, der hat nicht zum ersten Mal so ein Gerät in der Hand gehabt. Und ich gehe davon aus, dass der Täter ein Mann war – oder eine professionelle Speerwerferin. Da steckt Kraft dahinter.«

Kollrab bückte sich und zeigte auf die Brust des Toten, die schwarz war von getrocknetem Blut.

»Der Mann musste nicht leiden. Ich schätze mal, bevor er überhaupt wusste, was los ist, war er schon tot.«

Er strahlte Julia regelrecht an. Es war unglaublich, wie sehr Kollrab in seiner Arbeit aufging.

Julia nickte ihm zu und fragte: »Weiß man, wer der Tote ist?« Ein Streifenbeamter, der sich bisher dezent im Hintergrund gehalten hatte – Julia kannte nur seinen Vornamen Michel – , kam jetzt hinzu und übergab Julia einen Personalausweis.

»Der steckte in seiner Gesäßtasche. Offenbar ist das der Wirt, Angelo di Lorenzo. Seine Frau hat uns angerufen, der Kollege Brunner sitzt mit ihr innen in der Gaststube und befragt sie. Sie war komplett durch den Wind, deswegen ist er mit ihr rein, damit sie das Bild nicht ständig vor Augen hat.« Er machte eine vage Handbewegung in Richtung Haus. »Wenn ich dann nicht mehr gebraucht werde … ich müsste zum nächsten Tatort.«

Julia blickte ihm erstaunt ins Gesicht. »Wie jetzt? Erst passiert tagelang überhaupt nichts, und dann gleich zwei Einsätze gleichzeitig?«, fragte sie verblüfft.

Michel nickte und begann zu grinsen. »Ja, und wenn man so will, auch wieder Mord. Nur diesmal an Gartenzwergen.«

»Gartenzwergen.« Julia war so verdattert, dass sie das Wort nicht einmal mehr als Frage formulierte.

»Irgendein Irrer hat in den 99 Gärten angeblich alle Gartenzwerge auf einen Haufen getragen und zerschlagen. Und wie auf einem Grabhügel hindrapiert.«

Der Uniformierte schleppte sich durch die Hitze zu seinem Auto zurück und fuhr davon. Julia schüttelte unwillig den Kopf, nicht sicher, ob sie wohl schon an hitzebedingten Wahnvorstellungen litt. Schließlich ging sie in die Gaststube hinein, wo Michels Kollege Brunner gerade die Personalien der Witwe aufgenommen hatte. Sie stellte sich vor und sprach Frau di Lorenzo ihr Beileid aus. Die arme Frau saß vollkommen schockiert und gebrochen auf einem der rustikalen Stühle, ein großes Geschirrtuch in den Händen, das sie abwechselnd zu einem Strang verdrillte und als über­dimensionales Taschentuch verwendete. Kollrabs Beruhigungsspritze hatte ihr Kreischen in leises Weinen abflachen lassen.

»Frau di Lorenzo, können Sie sich das Ganze erklären? Ich meine, hatte Ihr Mann Feinde? Oder gab es einen konkreten Anlass für die Tat, einen Streit vielleicht?«

Wieder schnäuzte sich die Witwe kräftig in das Geschirrtuch, bevor sie stockend antwortete.

»Da war wirklich was. Vor ein paar Tagen hat uns ein Kerl angerufen, seinen Namen hat er nicht gesagt. Und der wollte uns das Anwesen abkaufen. Einfach so, das müssen sie sich mal vorstellen. Ruft an, fällt mit der Tür ins Haus, ohne lange rumzureden, und bietet uns eine halbe Million. Abgesehen davon, dass der Preis lächerlich war – er meinte, wir hätten drei Tage Bedenkzeit. Drei Tage! Natürlich hat mein Mann abgelehnt, als dann der zweite Anruf kam. Aber zuvor hat er gefragt, warum der denn überhaupt unseren Gasthof haben will und sich keinen pachtet. Meinte der doch glatt, er braucht keine Kneipe, was er vorhat, das wäre Kunst, die den Hörl blass werden lässt. Und dann hat er noch was gefaselt von Festspielhäusern und großen Dimensionen. Mein Mann hat gar nicht mehr richtig zugehört und gleich gesagt, wir verkaufen nicht. Dann hat der Kerl gebrüllt, wir würden der Kunst im Weg stehen und hätten die Folgen zu tragen.«

Sie weinte heftiger und schnäuzte sich abermals. Und wieder hatte Julia das Gefühl, hitzebedingt zu halluzinieren. Sie gab sich einen Ruck und hakte nach: »Und warum haben Sie nicht gleich die Polizei informiert, wenn Sie bedroht wurden?«

Erneutes Schluchzen. »Wir haben das doch nicht ernst genommen. Wir haben gedacht, das ist ein Spinner, der sich einen schlechten Scherz erlaubt. Und jetzt ist mein Angelo tot …«

Die weiteren Ermittlungen vor Ort ergaben absolut nichts. Zwar fanden die Beamten die Stelle, wo sich der Täter versteckt gehalten und von wo aus er auch den Speer geschleudert hatte, aber außer zertrampeltem Gras fanden sich dort keine Spuren, schon gar keine verwertbaren. Schließlich räumten sie das Feld und fuhren frustriert zurück in die Stadt. Michels Kollegen, den dieser offensichtlich komplett vergessen hatte in seinem Eifer von einem Tatort zum nächsten zu fahren, nahmen sie mit zur Dienststelle.

Dort erwartete sie zumindest ein Hinweis auf die Tat­waffe: Eine Angestellte des Iwalewahauses hatte angerufen und einen Einbruch gemeldet, bei dem ein Speer gestohlen worden war. Ein Gastgeschenk einer Delegation aus Kame­run, die vor einiger Zeit den Lehrstuhl für Afrikanologie besucht hatte. Die SpuSi war bereits vor Ort und machte das, wonach sie benannt worden war, nämlich Spuren sichern.

Julia seufzte frustriert und öffnete die nächste lauwarme Wasserflasche. Um das Kraut gar fett werden zu lassen, hatte der Getränkeautomat vorgestern seinen Geist aufgegeben, und der Kundendienst war frühestens für morgen angekündigt. Kühlschrank stand natürlich auch keiner zur Verfügung, denn die Ämterkantine war in einem anderen Gebäude untergebracht.

Stefan griff sich eine Akte und fächelte sich damit Luft zu. »Das ist ja mal richtig übel. Wir haben wirklich gar nichts in der Hand. Wenn die SpuSi im Iwalewahaus genauso wenig findet wie in Kamerun, dann sehe ich ziemlich schwarz.«

»Und an Strasser will ich gar nicht denken – der wird so was von hochgehen, wenn er das hört, dass man ihn bis in die Fußgängerzone schreien hören wird«, stöhnte Julia genervt. In diesem Moment klingelte ihr Handy, und es meldete sich ein Herr Bauer. Julia brauchte einen Moment, bis die den Nachnamen und die Stimme richtig zuordnen konnte. Dann wusste sie, dass Michel auch einen Nachnamen hatte.

»Michel? Was gibt es denn? Was macht dein Gartenzwergmord?«

***

Michel Bauer fuhr mit dem Streifenwagen die Scheffelstraße hinauf, bog rechts ab in Richtung Kreuz und stellte das Auto auf dem kleinen Parkplatz am Rabenstein direkt neben einem Blumenfeld ab, das hier mitten in der Stadt für far­benfrohe Kleckse sorgte und gerne besucht wurde, um sich mit ganz frischen Schnittblumen einzudecken. Allerdings war es aktuell selbst dazu zu heiß, und die Gladiolen und Cosmeen ließen traurig die Köpfe hängen, wohl wissend, dass sie hier zerknittert verblühen würden, ohne jemals ein Wohnzimmer oder einen Küchentisch zu schmücken. Sie hatten zu wenig Wasser, um ein ansprechendes Äußeres zu gewinnen. Und die Bayreuther waren so gelähmt von der Hitze, dass ihnen der Sinn nicht danach stand, sich auf einem Blumenfeld einen Sonnenstich einzufangen. Entspre­chend leer war der Parkplatz, und Michel schaute sich kurz um, bevor er zielstrebig auf eine Hecke am Feldrand zu marschierte. Es waren nur wenige Schritte, aber schon wieder lief ihm der Schweiß aus allen Poren. Ohne großes Suchen entdeckte er die abgesperrte Eingangstür der Klein­gartenkolonie ›99 Gärten‹, und wie am Telefon besprochen rief er in die Anlage hinein: »Hallo? Frau Niklas?«

Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis die Gerufene aus ihrem Garten kam und ihm die Tür aufsperrte.

»Das ist ja prima, dass Sie so schnell gekommen sind. Ich zeig Ihnen gleich mal den Ort des Verbrechens, kommen Sie herein. Ich frag mich ja nur, wo unser Vorstand bleibt, der Herr Bruckner. Ich hab ihm schon dreimal aufs Band gesprochen, aber er ruft mich nicht an. Der weiß ja noch nicht mal was von der Geschichte. Na ja, macht ja nix, dann zeige eben ich Ihnen alles.«

Sie liefen langsam über kurz geschorenes, halb vertrock­netes Gras an den einzelnen Schrebergärten vorbei. Schließlich blieb Petra Niklas vor einem offenbar nicht verpachteten Gärtchen stehen und zeigte hinein. Das Gras stand kniehoch und gelb auf dem Rasen, die Beetflächen lagen brach und waren mit verwelktem Unkraut durchsetzt. Auf einem Beet direkt neben dem dunkelbraunen Garten­häuschen mit Hirschgeweih über der Eingangstür lag ein bunter Tonscherbenhaufen, etwas mehr als zwei Meter lang, einen guten Meter breit und ungefähr 50 Zentimeter hoch. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass es sich hierbei wohl um die Reste von Gartenzwergen handelte. An einem Ende des Grabhügels lagen keine Tonscherben, son­dern die Billigvarianten in Plastik, denen allesamt die Köpfe abgesägt worden waren. Michel starrte teils fasziniert, teils fassungslos auf den Ort der Verwüstung.

»So, jetzt schauen Sie sich das mal selbst an. Ich hab ja schon am Telefon gesagt, dass der Verrückte offenbar in der ganzen Kolonie unterwegs war und so gut wie alle Gartenzwerge eingesammelt haben muss. Die hat er dann wohl hierher geschleppt und alle kaputt gemacht.«

Michel schüttelte ratlos den Kopf. »Also, ich kann die Spurensicherung anfordern, aber die sind grad mit einem Mord beschäftigt. Das kann dauern. Und ob es viel bringt, ist die nächste Frage. Aber ich probier’s.« Er telefoniert kurz und wandte sich dann wieder der braungebrannten Frau zu, die traurig die Zwergenreste begutachtete.

»Meinen Sie, den findet man überhaupt?«, fragte sie, und an ihrem Tonfall konnte man erkennen, dass sie nicht dieser Meinung war. Er nickte ihr verständnisvoll zu.

»Überlegen Sie es sich, ob sie wirklich Anzeige erstatten wollen. Schauen Sie, ich hab grad meine Kollegin angerufen. Die meint, dass die Spurensicherung wohl auf absehbare Zeit nicht abkömmlich sein wird. Und wer weiß, ob man überhaupt was findet. Also wenn der Kerl Handschuhe angehabt hat … und vermutlich war das eh irgend so ein Dummejungenstreich. Vielleicht wäre es am Sinnvollsten, das Ganze einfach auf sich beruhen zu lassen?«

Petra Niklas seufzte. So etwas ähnliches hatte sie sich schon gedacht gehabt.

»Wenn nur unser Vorstand kommen würde, ich weiß gar nicht, wo der nur bleibt … Ganz ehrlich: Wenn es nach mir ginge, dann lassen wir das Ganze gerne auf sich beruhen. Aber ich muss erst mit dem Vorstand reden. Oder einen Aushang machen? Was meinen Sie denn? Haben wir überhaupt eine Chance, dass dieser Irrsinn aufgeklärt wird?«

Michel Bauer schüttelte bedächtig und schweißtriefend seinen Kopf. »Wenn ich ehrlich sein soll – nein. Haben Sie denn keine Vereinskasse, mit der man Ersatzzwerge be­zahlen kann?«

Petras Augen leuchteten auf. »Na klar! Und zufällig bin ich Kassenwart. Ich weiß zwar nicht, ob es sinnvoller ist, Gartenzwerge zu kaufen anstatt Bierkästen von dem Geld. Aber andererseits, wenn ich mir einige Pappenheimer hier so anschaue, denen tut’s besser, wenn sie mal nüchtern sind.« Sie lachte. »Ich könnte mir eh vorstellen, dass die meisten froh darüber sind, dass die scheußlichen Zwerge endlich weg sind. Also, ich bin’s wenigstens.«

»Ich wär’s ehrlich gesagt auch. Aber ich werde zumindest einige Fotos vom Tatort machen und den Fall aufnehmen. Also, wann ist das Ganze denn passiert?«, fragte Bauer.

Petra Niklas zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Tut mir leid, aber so ganz genau kann ich das nicht sagen. Sie sehen ja selbst, dass bei der Hitze kein Mensch hier ist. Ich ja auch nur, weil ich Urlaub habe und meine Ruhe haben will. Aber die meisten Gärtner kommen nur nach Sonnenuntergang zum Gießen her. Denen ist es ein­fach zu heiß. Mir nicht, mir kann’s nicht warm genug sein.« Tatsächlich schien ihr die Hitze wesentlich weniger zuzu­setzen als dem Beamten. Was mit Sicherheit auch daran lag, dass sie wesentlich luftiger angezogen war als er. Jedenfalls konnte man ihr ansehen, dass sie das Wetter genoss. »Ungefährer Zeitpunkt?«, hakte er nach. Sie legte den Kopf schief, überlegte kurz. »Also, vor drei Tagen bin ich hier vorbei gekommen, da war es noch nicht. Und vor zwei Tagen hat mich der Großhuber von ganz hinten, unten, drauf angesprochen, dass ihm sein Gartenzwerg am Weiher abgeht. Ich weiß ja nicht, ob dieser Irre alle Zwerge in einer Aktion hierher gebracht hat oder nach und nach.«

Michel Bauer knipste seine Fotos, machte sich einige Notizen und ramschte dann lustlos in dem Scherbenhaufen herum, ohne wirklich nach etwas zu suchen. Schließlich hob er den Kopf eines dümmlich grinsenden Schlumpfs hoch, starrte ihn verständnislos an und ließ ihn zurück auf den Grabhügel fallen.

Petra Niklas musste wieder lachen. »Das ist der nackte-Hintern-Schlumpf, eigentlich ist das ja Stilbruch, ein Schlumpf statt Zwerg. So was stellt sich nur der Niedermayer auf. Ich denk mal, um den Rest der Welt zu ärgern. Da ist die andere Hälfte …«, sie bückte sich und angelte nach einem himmelblauen Torso mit heruntergelassener weißer Hose.

Bauer zog die Augenbrauen hoch und verzog das Gesicht. »Zumindest wissen wir jetzt, dass der weiße Puschel nicht nur die Hose ist«, stellte er fest und machte Anstalten zu gehen.

»Moment, ich komm mit und sperr Ihnen auf.«

Als sie sich an der Eingangstür verabschiedeten, fiel Petras Blick nach rechts. Irritiert ging sie einen Schritt weiter und zeigte auf den kleinen Wagner, der da vor der Hecke stand und enzianblau vor sich hin strahlte.

»Das wird immer närrischer, jetzt steht sogar da schon so ein komischer Kerl. Reicht es denn nicht, dass die Innenstadt mit denen zudrapiert ist?« Kopfschüttelnd ging sie wieder zur Tür zurück. »Also, ich kann dann die Scherben wegräumen? Oder soll das noch so liegenbleiben?«

Michel Bauer schüttelte den Kopf. »Nein, das kann weg. Aber das machen Sie jetzt nicht allein, oder?«

»Ach, dann hab ich wenigstens eine Beschäftigung – mein Buch hab ich eh schon durch.« Sie nickte ihm kurz zu und verschwand hinter Büschen und Hecken.

Michel Bauer schleppte sich zu seinem Dienstauto zurück und öffnete erst einmal sämtliche Fenster und Türen, bevor er stöhnend einstieg und ins Büro zurückfuhr.

Während er seinen Bericht verfasste, schlenderte Petra Niklas zum Vereinsheim hinüber und holte einen großen Schubkarren aus dem Geräteraum. Dann machte sie sich an die Arbeit und lud die Scherben ein. Die Plastikzwerge würde sie getrennt entsorgen. Schnell war die Schubkarre gefüllt. Da sie der Meinung war, die männlichen Vorstands­mitglieder könnten durchaus auch einen Beitrag leisten, holte sie kurzerhand einen zweiten Schubkarren und ließ den gefüllten einfach stehen. »Der müsste aber hoffentlich ausreichen für die Tonscherben«, murmelte sie vor sich hin. Nochmals versuchte sie, Paul Bruckner zu erreichen. Plötz­lich horchte sie auf und steckte ihr Handy wieder ein. Paul musste schon ganz in der Nähe sein – sie hatte seinen Klin­gelton erkannt. »Na endlich!«, rief sie erleichtert. »Paul, hier bin ich. Komm mal her und schau dir das Chaos hier an. So was hast du noch nicht gesehen!«

Keine Antwort.

»Paul? Hier bin ich, im Schrödersgarten. Kommst du?«

»Paul?«

»Paul, ich hab doch grad dein Handy klingeln gehört. Jetzt hör auf mit dem Quatsch und komm her. Es ist wichtig.«

»Paul!?!«

Genervt fischte sie ihr eigenes Handy wieder aus der Hosentasche und klingelte noch einmal durch. Da! Ganz deutlich war es zu hören, Pauls Handy. Petra schaute sich suchend um, dann horchte sie genauer hin und versuchte herauszufinden, woher die Melodie kam. Sie stutzte.

»Paul, sag jetzt aber nicht, dass du das warst mit den Zwergen!«, rief sie empört.

Es klingelte unter der schon flacher gewordenen Scher­benschicht. »Das gibt’s doch nicht, der Paul wird das an­gerichtet haben und dabei hat er sein Handy verloren« murmelte sie und begann, die Zwergenteile auf die Seite zu schaffen, um an Pauls Handy heranzukommen. Dann hör­te sie damit auf, verwirrt, verunsichert. Das Beet war frei­geräumt, aber das Handy nicht zu sehen. Sie wählte noch­mal Paul Bruckners Nummer. Das Klingeln kam aus der Erde.

Petra Niklas begann zu wühlen, vorsichtig, zaghaft. Die Erde war locker und sandig, ansonsten wäre sie durch die Trockenheit schon längst steinhart geworden. So aber kam sie rasch tiefer. Und sie musste auch nicht besonders tief graben, denn plötzlich fühlten ihre suchenden Finger etwas nicht Erdiges. Etwas, das auf seltsame Art gleichzeitig kalt und lauwarm war, fest und weich. Sie fasste es – das war kein Handy. Sie zog daran. Paul Bruckners Daumen bahnte sich seinen Weg ans Sonnenlicht. Kalt und lauwarm, fest und weich, blass und dunkel verkrustet zugleich.

Petra Niklas kippte nach hinten.

***

Als diesmal das Telefon läutete, war es Julia, die Stefan die Zunge herausstrecken konnte. Und deren Gesicht schnell ernst wurde. Die beiden Ermittler fuhren hinauf zu den 99 Gärten, flüchteten vor Strassers Tobsuchtsanfall. Als der Bonsai dann noch hörte, dass vor einer guten Stunde erst ein Beamter am Tatort gewesen war, ohne Verdacht zu schöpfen, knallten Türen und drohten Köpfe zu rollen. Julia und Stefan konnten wirklich froh sein, dass sie in diesem Moment schon an der Scheffelstraße parkten …

Petra Niklas war noch sehr blass um die Nasenspitze, aber sie hatte sofort einen Notruf abgesetzt, kaum dass sie aus ihrer kurzen Ohnmacht wieder erwacht war. Jetzt stierte sie ins Leere, saß im Schatten eines uralten Kirschbaums und wurde von Dr. Kollrab mit einer Flasche Wasser erstversorgt, ganz nach seinem Motto zuerst die Lebenden und dann die Toten. Nach dem dritten großen Schluck wurde sie wieder munterer, schüttelte immer wieder den Kopf, dass die kinnlangen braunen Haare nur so flogen, und murmelte vor sich hin: »Naa, naa, naa – ich hab doch gedacht, ich find sei Handy und net den ganzn Paul …«

Als Julia und Stefan dazukamen, setzte sich Julia kurzerhand ebenfalls unter den Kirschbaum. Sie stellte sich kurz vor und fragte dann leise, aber eindringlich: »Können Sie mir ein paar Fragen beantworten? Sie haben den Toten ge­funden?«

Petra nickte. »Unter den Gartenzwergen. Ihr Kollege Bauer war vorhin hier, aber wir haben doch nicht gedacht, dass unter den Zwergen jemand vergraben liegt … ich hab versucht den Paul zu erreichen, und dann hab ich sein Handy gehört. Deshalb hab ich angefangen zu graben. Ich hab sein Handy gesucht. O Gott, ich hab gedacht, er hat den Mist mit den Zwergen verzapft, und dabei ist er tot …«

»Und wer ist Paul? Ihr Mann?«, wollte Julia wissen. Petra schaute sie verblüfft an. »Mein Mann? Nein, um Himmels Willen, nein. Paul ist unser Vorstand. Paul Bruckner. Ich hab schon mehrfach versucht ihn zu erreichen, wegen der Gartenzwerggeschichte. Aber er hat nicht gehört. Jetzt weiß ich ja, warum.«

»Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen? War etwas hier an­ders als sonst? Oder hat Herr Bruckner etwas Auffälliges erwähnt?«

»Nein, eigentlich nicht. Obwohl – warten Sie mal. Da war doch was, ich weiß nur nicht, ob es etwas mit dem Mord zu tun hat. Es war doch Mord, oder?«

Julia seufzte. »Da werden wir abwarten müssen, was Doktor Kollrab sagt, wenn er den Toten untersucht hat. Aber ich gehe schon von Mord aus. Warum sonst würde man einen Toten einfach irgendwo vergraben? Also, was ist Ihnen eingefallen?«

»Der Paul hat vor ein paar Tagen erzählt, dass irgend so ein Spinner bei ihm angerufen hat. Der wollte wohl unsere Gartenkolonie aufkaufen. Natürlich ist das komplett indiskutabel, und das hat der Paul ihm auch gesagt. Der Kerl hat gemeint, er gibt ihm drei Tage Bedenkzeit, um das mit dem gesamten Vorstand zu besprechen. Und als der Paul gefragt hat, warum zum Geier er überhaupt die ganze Kolonie braucht, was das für ein neues Studentenwohnheim werden soll, da hat der Kerl nur gelacht und gesagt, das wird kein Studentenwohnheim, sondern Kunst. Kunst, die den Hörl blass werden lässt. Festspielhauskunst.«

Schlagartig war Julia trotz der Hitze voll konzentriert. »Festspielhaus, haben Sie gesagt? Stefan – wir haben was!«

Ihr Kollege kam dazu, auch für ihn war sofort klar, dass ein Zusammenhang zu Kamerun bestand. »Scheiße, damit hätten wir einen Serienmörder. Ich frage sofort nach, was die Anrufrückverfolgung bei di Lorenzo ergeben hat.«

»Hat Paul Bruckner Ihnen erzählt, ob er noch ein zweites Mal angerufen wurde?«, wollte Julia noch wissen.

Doch Petra Niklas schüttelte ratlos den Kopf. »Das weiß ich leider nicht, wir haben seitdem nicht mehr miteinander gesprochen. Aber die drei Tage sind jedenfalls schon vorbei, wenn Ihnen das weiterhilft?«

Stefan kam wieder näher. »Nichts. War wohl ein Wegwerfhandy. Wär‘ ja auch zu schön gewesen … «, sinnierte er.

Doktor Kollrab kniete neben der Leiche, sein Gesicht war knallrot und Julia bekam ernstlich Angst, er könnte sich einen Sonnenstich, Hitzschlag oder gleich beides eingefangen haben.

»Ist Ihr Garten weit weg von hier?«, fragte sie Petra. Als diese verneinte: »Haben Sie einen Sonnenschirm, den wir ausleihen könnten?«

Und so kam es, dass wenig später Doktor Kollrab von einem sonnenschirmtragenden Beamten flankiert wurde, während er die Erstuntersuchung des ehemaligen Vorstands abschloss.

»Er wurde offenbar bewusstlos geschlagen, und zwar, soweit ich das hier und jetzt beurteilen kann, mit einem Gartenzwerg. Am Hinterkopf findet sich eine entsprechende Wunde mit Partikeln, die ich, ohne Garantie, für Tonsplitter halten würde. Und anschließend – und hier sollten wir dankbar sein, dass Frau Niklas nur einen Finger gesehen hat und nicht die komplette Leiche – wurde ihm wohl mit einem Spaten in die Brust gestoßen. Kein wirklich schöner Anblick, er sollte schnell weggeschafft werden, damit er in der Rechtsmedizin auseinander genommen wird. Ach, es ist ein Jammer, dass ich da nicht dabei sein kann. Vielleicht sollte ich meine Versetzung beantragen?«

Er packte sein Köfferchen und verabschiedete sich, hochzufrieden ob der Tatsache, dass er gleich zwei Mord­opfer an einem einzigen Tag hatte untersuchen dürfen.

Julia sah ihm stirnrunzelnd hinterher. »Unser verkappter Gerichtsmediziner. Der hat wirklich das falsche Arbeits­gebiet.«

Kollrab behandelte eigentlich die Lebenden, hatte sich aber bereits mehrfach bewährt, wenn er als Bereitschaftsarzt zu Gewalttaten gerufen worden war. Und ganz offenbar hatte sich das zu einem skurrilen Hobby von ihm entwickelt.

Julia und Stefan begleiteten Petra Niklas noch zu deren Garten, wo sie mit zur Abwechslung einmal gekühltem Mineralwasser versorgt wurden, bevor sie wieder zurück fuhren, um Strasser Bericht zu erstatten. Die SpuSi blieb noch vor Ort, aber beide hatten das ungute Gefühl, dass die nicht viel finden würden.

Petra Niklas ihrerseits schwor sich, in dieser Saison nicht mehr in der Erde zu graben, bis die Möhren reif wären.

***

Strasser tobte immer noch, und weder Julia noch Stefan rissen sich darum, sein Zimmer zu betreten. Sie hatten insofern Glück, als er bemerkt hatte, dass sie auf den Parkplatz gefahren waren – er stand bereits in ihrem eigenen Zimmer, als sie herein kamen.

»Was ist das hier eigentlich für ein Sauhaufen?«, schnarrte er wutentbrannt, als die Tür aufging. »Macht hier eigentlich jeder nur noch was er will? Wie kann es sein, dass ein Beamter am Tatort ist und nicht mal merkt, dass es ein Tatort ist? Man sollte alle hier um eine Stufe degradieren!« – durch Julias Kopf huschte die boshafte Frage, ob der Bonsai sich da wohl mit einschloss, aber sicherheitshalber biss sie sich auf die Zunge – »Was ist da eigentlich los? Besteht ein Zusammenhang mit dem ersten Mord? Gibt es ein Motiv? Haben Sie schon jemanden festgenommen? Ich hoffe doch, dass ja!«

Strasser ging die Luft aus, und Julia nutzte die Chance, um einzuhaken. Aber wenn sie gedacht hatte, dass Strasser sich beruhigen würde, hatte sie sich getäuscht. Im Gegenteil. Er tobte noch mehr.

»Ein Serienmörder, meinen Sie? Ein Verrückter, der in Bayreuth herumrennt und wahllos Leute um die Ecke bringt? Für Festspielhäuser? Und das kurz vor der Premiere??? Und Sie haben keine Spur, keine Verdächtigen? Was meinen Sie wohl, was morgen im Kurier stehen wird? Polizei unfähig – eine Stadt in Angst! Oder Polizei steht irrem Killer hilflos gegenüber! Ich will Ergebnisse sehen, das wissen Sie genau!«

Der Bonsai sackte regelrecht zusammen, seine Wut war verraucht und verpufft. Stefan schob ihm einen Stuhl hin, auf den er sich fallen ließ.

»Okay, wenn Sie dann fertig sind, Herr Staatsanwalt, dann können wir uns ja vielleicht mal zusammensetzen und die Fakten analysieren?«, fragte Julia bissig. Wenn sie auch nur den Hauch einer Spur hätte vorweisen können, dann hätte sie sich mit dem Bonsai ein Wortgefecht geliefert. Aber unter diesen Umständen erschien ihr das alles andere als ratsam. Und so verbrachte sie den Abend mit ihrem Lieblingsfeind in einer Zweckgemeinschaft, die leider alles andere als frucht­bringend war …

***

Als sie am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe schon in der Dienststelle erschien, stellte sie fest, dass andere Leute auch nicht untätig gewesen waren in dieser Nacht. Und dass diese Tätigkeiten nicht minder ergebnislos verlaufen waren als ihr Abend mit Strasser. Die Rechtsmedizin Erlangen hatte ihre Berichte geschickt, und Doktor Kollrab hatte Recht gehabt. In beiden Fällen. Auch fanden sich an den Leichen keinerlei Spuren, die auf den Täter hätten schließen lassen können. Abgesehen von der Tatsache, dass der Kerl wohl ziemlich kräftig war, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mann, konnten sie keine Rückschlüsse ziehen. Bruckner war bereits einen Tag vergraben gewesen, als Petra Niklas ihn gefunden hatte. Und di Lorenzo, das zweite Opfer, war einen Tag nach Bruckner gemeuchelt worden. Bei der Vorstellung, dass auch der heutige Tag eine Leiche bringen würde, drehte sich Julias Magen um.

Die SpuSi hatte ihre Untersuchungen in beiden Fällen abgeschlossen, es war wie verhext: Der Täter hatte offenbar viel Sorgfalt darauf verwendet, alle Spuren zu verwischen. Auch im Iwalewahaus war nichts zu finden. Entweder hatte einer der Besucher einen Schlüssel entwendet, was durchaus denkbar war, weil seit einiger Zeit schon der Reserveschlüssel verschwunden war, der eigentlich im Kopf einer Holzstatue versteckt lag. Allerdings war weder der Verlust gemeldet noch das Schließsystem erneuert worden, weil man wohl davon ausgegangen war, dass der besagte Schlüssel einfach verlegt worden wäre und sich mit Sicherheit wieder finden würde, sobald die Schlösser erneuert wären. Oder – und das war durchaus auch nicht auszuschließen, sogar noch viel wahrscheinlicher – der Dieb und Täter war ein Mitarbeiter. Vielleicht auch ein Ehemaliger. Julia seufzte. Sie würden umfangreiche Vernehmungen durchführen müssen und eine Liste aller Ehemaligen überprüfen. Jeder von denen musste gewusst haben, wo der Reserveschlüssel lag.

Auch die Untersuchung von Bruckners Handy ergab nichts Vernünftiges. Der geheimnisvolle Täter war zwar offensichtlich irr, aber auch genial.

Licht ins Dunkel sollte ausgerechnet von dem kommen, auf den Julia heute gerne verzichtet hätte: Staatsanwalt Strasser kam kurz nach halb acht im Stechschritt herein – und überfiel Julia und Stefan mit einer Neuigkeit, die wie eine Bombe ein­schlug.

»Jetzt haben wir ihn«, schnarrte er, diesmal gar nicht wütend, sondern eher aufgeregt und hibbelig wie ein Kind an Weihnachten.

»Wir kriegen ihn. Stellen Sie sich vor, was meine Frau mir gestern erzählt hat, als ich nach Hause kam: Dieser Tage hätte jemand bei uns angerufen, weil er unser Wochenend­grundstück kaufen möchte, draußen in Destuben. Es gehört meiner Frau, sie hat es von ihrem Großvater geerbt. Sie hat gleich gesagt, dass sie nicht verkaufen möchte, aber der Kerl wollte sich nicht abwimmeln lassen. Er hat wohl zu ihr gesagt, sie solle sich das gut überlegen, er würde sich wieder melden. Sie hat mir das gar nicht erzählt, weil wir uns nur zwischen Tür und Angel gesehen haben in dieser Woche. Sie wissen ja, sie ist ehrenamtlich engagiert und gerade schwer eingespannt, weil das Sommernachtsfest in der Eremitage bevorsteht. Jedenfalls muss er das sein! Sie kommt in einer halben Stunde hierher, und dann werden wir eine Falle ausarbeiten, die unweigerlich zuschnappen wird, sobald er angebissen hat! Wie gut, dass der Kurier noch keine Details veröffentlicht hat! Und wie gut, dass nur meine Frau im Telefonbuch steht. Offenbar weiß der Kerl nicht, wo ich arbeite. Sonst hätte er nicht angerufen, da bin ich mir sicher.«

Strasser schwebte auf Wolke Sieben. Die Aussicht auf eine bevorstehende Verhaftung, von ihm ins Rollen gebracht, und auf die unweigerlich folgenden Schlagzeilen im Kurier versetzte ihn in Hochstimmung. Er sah sich schon wegbefördert nach Nürnberg, völlig außer Acht lassend, dass seine Frau nach langen Jahren im Exil hier ihre Wurzeln wiederentdeckt hatte und mit Sicherheit nicht mehr wegziehen würde.

Tatsächlich hatten sich die Lokalredakteure zurückgehalten, was Informationen über eventuelle Mordmotive betraf. Ein riskantes Spiel angesichts der Vermutung, dass weitere Opfer folgen könnten, aber so wurde der Täter nicht kopfscheu gemacht.

Weder Julia noch Stefan war es wohl bei dem Gedanken, Strassers Frau als Köder zu benutzen. Aber Strasser war nicht mehr davon abzubringen, und wenn sie ehrlich waren, hatten sie keine Alternativen zu seinem Plan. Schließlich stimmten sie zu, und als Frau Strasser erschien – die übrigens sowohl optisch als auch akustisch perfekt zum Staatsanwalt passte –, hielten sie eine taktische Besprechung zu Viert ab.

***

Als der Anruf tatsächlich kam, klopfte Frau Strassers Herz bis zum Hals, aber sie spielte tapfer ihre Rolle.

»Grüß Gott, Frau Strasser. Ich rufe nochmal an wegen Ihres Grundstücks am Panzerteichweg. Haben Sie es sich überlegt? Ich würde gut zahlen und daraus etwas wirklich Eindrucksvolles machen.«

»Grüß Gott, Herr – wie war doch gleich Ihr Name?«

»Müller. Erwin Müller, Frau Strasser.«

Erwin Müller. Wie geistreich. Wer’s glaubt.

»Herr Müller, ich wäre grundsätzlich einverstanden. Aber ich würde gerne zuvor mit Ihnen gemeinsam das Grundstück besichtigen, Ihnen alles ganz genau zeigen. Nicht dass Sie die Katze im Sack kaufen.«

Leises Lachen drang aus der Leitung.

»Das ist nett von Ihnen, Frau Strasser. Aber das braucht es eigentlich nicht. Ich habe schon eine konkrete Vorstellung sowohl von Ihrem Grundstück als auch von der Verwendung, der ich es zuführen möchte.«

Du liebe Güte, was für ein gestelztes Geschwafel!

»Was haben Sie denn vor damit?«

»Das, meine Liebe, würde Ihre Vorstellungskraft sprengen. Ich werde darauf ein Festspielhaus errichten, sozusagen eine Replik des Grünen Hügels. Die Erste von Hundert. Der Meister selbst wäre begeistert von dieser Idee gewesen! Hörl mit seinen Hunden und Wagnern wird blass werden vor Neid. Und Sie, liebe Frau Strasser, Sie werden Premierenkarten für jede Vorstellung in diesem Festspielhaus bekommen, weil Sie der wirklich großen Kunst den Weg be­reitet haben.«

Sie verdrehte die Augen, bevor sie weiter redete. Gerade noch rechtzeitig hatte sie die taktischen Zeichen gesehen. Sie musste das Gespräch hinziehen, damit die Beamten den Standort des Irren ermitteln konnten.

»Herr Müller, ich würde zu gerne sehen, was und wie Sie das geplant haben. Fahren wir doch gemeinsam zu dem Grundstück, und Sie erklären mir vor Ort alles.«

»Nur zu gerne, meine Liebe. Nur zu gern. Wann könnten Sie denn?«

»Warten Sie – ich muss erst meinen Terminkalender holen … einen Moment noch … ach, das ist mir aber unangenehm, ich habe ihn ja gar nicht hier unten, der liegt im ersten Stock … nur noch einen kleinen Augenblick, Herr Müller …«

Ein hochgereckter Daumen von dem Beamten am Tisch, und Frau Strasser schlug eine Uhrzeit vor, die sofort von ihrem Anrufer bestätigt wurde.

Erleichtert verabschiedete sie sich und legte auf.

»So. Und jetzt also ab in den Panzerteichweg, richtig? Du liebe Zeit, ich glaube, ich brauche erst einmal eine Baldriantablette! Oder besser ein Likörchen?«

***

Julia und Stefan waren persönlich bei dem Einsatzkommando dabei. Sie wollten sichergehen, dass nichts schiefging. Auch Staatsanwalt Strasser himself lauerte im Gebüsch. Der große Garten am Waldrand war quasi umstellt, und sowohl im Gartenhaus als auch hinter den großen Eibenkugeln, von denen jeweils eine in jeder Ecke des Gartens stand, hatten sich weitere Uniformierte versteckt. Das Gelände war vorab gründlich durchkämmt worden, um sicherzugehen, dass der Mörder noch nicht hier war. Und jetzt warteten sie alle, es war die Ruhe vor dem Sturm. Zu gerne hätten sie ihn bereits vorab geschnappt, aber sein Handy war ausgeschaltet und nicht zu orten.

Pünktlich um drei Uhr nachmittags hörte man Stimmen. Frau Strasser begrüßte einen Mann, der auf einer Vespa angerollt gekommen war. Sie sperrte die Gartentür auf, und gemeinsam gingen die beiden in den Garten. Alles verlief nach Plan. Nun würde Frau Strasser ins Gartenhaus gehen, unter dem Vorwand, etwas zu trinken zu holen. Damit wäre sie aus der Schusslinie, statt ihrer würden die Beamten aus dem Haus heraus stürmen, den Täter festnehmen und Ende.

Soweit der Plan.

Allein, er scheiterte an einem Erdwespennest.

Besagte Erdwespen lebten mehr oder weniger friedlich in einem Mauseloch unter einem weit ausladenden Perückenstrauch. Und genau dort hatte sich der Bonsai versteckt. Voll Enthusiasmus lauerte er dort, einen guten Meter vom Einflugort der kleinen schwarz-gelben Schwirrer entfernt. Er hatte sie nicht bemerkt, und sie fühlten sich durch den seltsamen kleinen Mann nicht gestört, da er nicht in ihrer Flugbahn kauerte, sondern weiter links.

Was allerdings weder Strasser noch den Wespen klar war, das war die Tatsache, dass der Mäusetunnel vom Loch weg nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche direkt zu Strassers Versteck führte. Und außerdem die Tatsache, dass selbst ein Bonsai in der Lage war, einen solchen Tunnel zum Einsturz zu bringen, wenn er voll Nervosität mit dem Fuß scharrte.

Es kam, wie es kommen musste. Strasser scharrte, lautlos zwar, doch effektiv, und der Tunnel fiel in sich zusammen, die trockene Erde bröselte auf die erbosten Wespen, und diese sammelten sich ohne zu zögern zur Formation Kampfgeschwader Schwarz-gelb. Strasser hielt sich tapfer. Zehnmal wurde er mindestens gestochen, ohne dass ein Laut über seine Lippen gekommen wäre. Doch dann hielt er es nicht mehr aus. Überall um ihn herum schwirrte und summte es immer wütender, ein verzweifeltes Stöhnen, ein klagender, vergehender Laut entwich den gequält zusammengebissenen Lippen – und dann sprang er auf und rannte davon, gefolgt von dem zum Äußersten entschlossenen Kampfgeschwader Schwarz-gelb.

Die Reaktionen erfolgten ebenso blitzschnell wie unterschiedlich.

Müller zuckte zusammen, fluchte unflätig los und packte die völlig überraschte Frau Strasser, die ihrerseits auch noch von Angst um ihren Gatten gepackt worden war, welche spontan abgelöst wurde von Angst ums eigene Leben, als sie plötzlich spürte, wie etwas Kaltes an ihren Hals gedrückt wurde, das sich bedrohlich einem Messer ähnelnd anfühlte. Gleichzeitig wurde sie mit einem Arm fest umschlungen, aber keineswegs zärtlich und liebevoll, wie es der Bonsai zu tun pflegte, wenn sie sich denn einmal mehr als zwischen Tür und Angel begegneten, sondern vielmehr hart und ruck­artig, was sie dazu veranlasste, zur Salzsäule zu erstarren.

Die Beamten stürmten aus ihren Verstecken, aber nur, um ebenfalls zu erstarren, denn Müller brüllte sie an: »Keinen Schritt weiter, oder die Frau ist tot!«

Julia bewegte sich ganz langsam und vorsichtig. Deeskalation. Jetzt keinen Fehler machen. Sie hob die Hände. »Ich bin unbewaffnet, sehen Sie?«

Die Dienstwaffe steckte nicht im Halfter. Vielmehr drückte sie fest und kühl in Julias Lendenwirbel. Als hätte sie es geahnt …

»Bleiben Sie sofort stehen! Ich stech die ab, ich schwör’s! Bleiben Sie, wo Sie sind.«

Man konnte dem Irren ansehen, wie nervös er war, wie kurz davor durchzudrehen.

Julia blieb stehen und ging mit dem Oberkörper ein wenig zurück, um ihm anzudeuten, dass sie nichts unternehmen würde. Sie fühlte sich ratlos, hilflos. Wenn sie oder irgendjemand sonst schießen würde, dann war Frau Strasser doppelt gefährdet. Einmal durch die Kugel, und dann noch durch das Messer. Julias Hirn ratterte, eingedickt von der Hitze, verzweifelt vor sich hin, ohne dass sie eine Lösung für das Problem fand.

Reden. Sie musste mit ihm reden. Ihn zermürben.

»Hören Sie, das bringt doch nichts. Warum wollen Sie Frau Strasser denn töten? Lassen Sie sie gehen. Wir können doch über alles reden. Lassen Sie Frau Strasser gehen, und wir verhandeln. Sie könnten sie gehen lassen und mich statt­dessen nehmen. Ich komme zu Ihnen, und Sie machen einfach Frauentausch. Wie wäre es damit?«

Er schaute gehetzt nach allen Seiten.

»Schnauze! Lassen Sie das! Gehen Sie weg! Alle!«

»Und dann? Lassen Sie Frau Strasser dann ziehen?«

Müller, falls er denn überhaupt so hieß, schüttelte den Kopf. »Nein. Sie bleibt bei mir. Ich nehme sie mit, als Geisel. Ich verlange ein Auto. Ein schnelles Auto. Vollgetankt. Und einhundert Grundstücke für meine einhundert Festspielhäuser. Und der Hörl soll herkommen.«

Julia war verblüfft. Der Mann war noch viel irrer als ver­mutet.

»Der Hörl?«

Zeit schinden, bis sie einen Plan hatte.

»Welcher Hörl?«

Wieder blickte er sich gehetzt um.

»Welcher Hörl denn wohl. Der Hörl halt. Der mit den Hunden. Und den Wagnern. Die vor meinen Festspiel­häusern stehen sollen. Vor jedem einer. Aber nicht die, die dirigieren. Das sind nur Platzhalter, bis er die anderen ge­macht hat.«

»Welche anderen denn?«

»Na die, die sich verbeugen. Wie jeder Künstler, wenn er fertig ist. Und der Hörl wird fertig sein. Das wird seine letzte Kunst sein. Einhundert Wagner, die sich verbeugen. Vor meiner Kunst. Vor meinen Festspielhäusern. Vor jedem einer. So wird das werden.«

Komplett irr. Sie hatten es mit einem gemeingefähr­lichen, komplett irrsinnigen Serienkiller zu tun, der die Frau des Staatsanwalts als Geisel hatte. Ganz klasse. Schlimmer hätte es kaum kommen können. Julia spürte, wie ihr kalter Schweiß in den Nacken rann. Sie hatte verloren. Diesmal würde sie den Kürzeren ziehen. Statt Verhaftung nur Chaos und Gewalt. Strasser würde seine Frau verlieren, und sie alle miteinander ihren Job. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Dreifach gequirlte Hühnerkacke!

Energisch kämpfte sie gegen die aufsteigende Panik an. Sie musste einen klaren Kopf bewahren. Einen Plan aus­arbeiten. Frau Strasser retten. Den Mistkerl drankriegen.

Fieberhaft rasten die Gedanken.

Doch plötzlich …

Sein Kopf ruckte nach links, er schrie noch einmal: »Stehenbleiben! Halt! Stopp! Sonst passiert was!«

Doch er blieb nicht stehen, der Bonsai auf der Flucht vor dem Geschwader Schwarz-gelb. Er rannte genau auf seine Frau zu. Ohne den Geiselnehmer bewusst wahrzunehmen, suchte er dort Schutz, wo ihn immer Zuspruch und Trost erwarteten, wenn er diese benötigte.

»Hiiiiiiiilde!«, schrie er in verzweifelter Not, zerstochen, rot getupft, verschwollen. Ein Zombie auf der Flucht.

Erkannte im letzten Moment die Gefahr, in die er seine Hilde brachte, und schwenkte kreischend ab in Richtung Gartentür. Das Geschwader Schwarz-gelb wiederum bremste irritiert ab, orientierte sich um und stürzte sich wütend auf sein neues Opfer, nämlich die weibliche Salzsäule und deren männlichen Umarmer.

Diesem Angriff standzuhalten hätte mehr Willenskraft erfordert als Müller oder Nichtmüller aufbringen konnte. Und so ließ er denn nach einem kurzen Moment der Standhaftigkeit die einer Ohnmacht nahen Hilde los und wollte Strasser hinterher, in kopfloser Flucht vor Geschwader Schwarz-gelb.

Das allerdings wurde verhindert durch eine überaus erleichterte Kommissarin, die ihre Waffe aus dem Hosenbund zog, einen Warnruf abgab, um der Pflicht Genüge zu tun, und dem trotzdem losrennenden Irren dann kurzerhand in den rechten Fuß schoss.

Den Rest erledigten die wütenden Wespen.

***

Wenig später war der Mörder verhaftet, nicht ohne zuvor von dem eiligst angekommenen Doktor Kollrab verarztet worden zu sein. Der Schuss in den Fuß war nur ein Streif­schuss gewesen, der schnell verbunden war. 34 Wespen­stiche wurden akribisch gezählt und der Kreislauf des Verhafteten überwacht.

Die Wespen hingegen waren von Frau Strasser gezähmt worden, die aus dem Gartenhaus eine Packung ihrer heißgeliebten Räucherstäbchen holte und gleich alle auf einmal anzündete. Das jagte den Rest des Geschwaders auf und davon.

Auch der Bonsai war wieder zurückgekommen, humpelnd und schimpfend, und wurde von seine Hilde zärtlich getröstet. Dass sie ebenfalls etwas Trost und Zuspruch be­nötigt hätte, kam ihm nicht in den Sinn. Vielmehr hinkte er schließlich zu Doktor Kollrab und ließ sich ausgiebig verarzten, während Julia seiner Frau gut zuredete.

Und schließlich löste sich die ganze Versammlung in Wohlgefallen auf.

Die Kurier-Schlagzeile des nächsten Tages lautete nicht, wie Strasser sich erhofft hatte: wagemutiger Staatsanwalt klärt Mordserie und verhaftet Serienkiller.

Stattdessen titelte man: Staatsanwalt davongerannt – Wespen stellen Serienkiller.

Dem Irren, der übrigens ironischerweise Tristan Tannhäuser hieß, drohte eine lebenslange Sicherheitsverwahrung. Er, der in seiner Jugend bayrischer Meister im Speerwurf gewesen war, hatte tatsächlich im letzten Jahr ein vierwöchiges Praktikum im Iwalewahaus absolviert.

Herr Hörl, als er von der Geschichte erfuhr, war anfangs geschockt, überlegte dann kurzfristig, die Idee aufzugreifen und mit Festspielhäusern im Maßstab 1:100 in Serie zu gehen. Schließlich verwarf er den Plan wieder und befasste sich stattdessen mit dem Schoßhündchen der Markgräfin Wilhelmine, das die Landesgartenschau bereichern sollte.

Hilde Strasser, die das Ganze erstaunlich gelassen wegsteckte, war angenehm überrascht, als sie vor ihrem Haus einen dirigierenden knallroten Wagner entdeckte, den Tannhäuser ihr direkt vor dem Treffen noch vor die Tür gestellt hatte.

Julia und Stefan durften sich mit dem üblichen Bürokram und endlosen Berichten herumschlagen, waren aber letztendlich sehr zufrieden damit, dass es keine weiteren Opfer zu beklagen gab.

Petra Niklas kam in der Nacht zur Kolonie, schnappte sich die blaue Wagnerfigur und trug sie zum entgegengesetzten Eingang.

Doktor Kollrab schrieb ein Versetzungsgesuch, das er nach reiflicher Überlegung allerdings zerknüllte und in den Papierkorb warf, weil er es nicht übers Herz brachte, Bayreuth zu verlassen. Danach war ihm wohler zumute, er schaltete den Fernseher ein und sah sich eine Doppelfolge Quincy an.

Michel Bauer wurde nicht degradiert, musste aber in den nächsten Wochen Strasser täglich seinen Cappuccino bringen, um ihn wieder gnädig zu stimmen.

Nach weiteren zehn Tagen ließ das Hitzehoch endlich von Bayreuth ab, pünktlich zur Festspielpremiere gab es ein hef­tiges Gewitter mit Wolkenbruch, so dass alle prominenten Gäste ziemlich nass wurden.

Einen weiteren Tag später kam der Reparaturdienst und tauschte den defekten Getränkeautomat in der Dienststelle aus.

***

Nachbemerkung: Auch wenn Herr Hörl und seine Plastikkunstwerke tatsächlich existieren, ist doch sein Charakter wie fast alle anderen in dieser Geschichte frei erfunden. Eine einzige Person gibt es noch, die auch im wirklichen Bayreuth anzutreffen ist – und sie weiß, wer gemeint ist.

Heiter, lustig, ganz verrückt – Friedhelm Marciniak (Sofort lesen)

Mischa der Hund

Mischa war außergewöhnlich und unberechenbar. Das haben alle gesagt, die ihn kennen gelernt haben. Insbesondere mein Schwiegervater könnte ein Lied davon singen. Mischa war nicht nur außer-gewöhnlich, weil er sein Leben lang panische Angst vor Blaulicht und Sirenengeheul hatte, was ihn, den unberechenbaren noch unberechenbarer machte. Mischa hasste außerdem alles, was rot und dabei größer als dreißig Quadratzentimeter war. Wer will es ihm nach dem, was er mitgemacht hat, verdenken? Die Hundezucht brannte lichterloh, als wir ihn im zarten Alter von zwölf Wochen abholten. Seine Rot-, Blau- und Sirenenphobie bestimmte sein Leben und – wie wir noch sehen werden – auch das meines Schwiegervaters und unseres Nachbarn.

Vielleicht war Mischa auch nur deswegen so außergewöhnlich, weil er auf vier Pfoten lief, über einen coupierten Schwanz, superlange Straßenfeger-ohren und ewig tränende Augen verfügte. Vielleicht kam sein Charakter mir auch nur deswegen so anders und besonders vor, weil er nur vier Farben sein eigen nannte: Achtzehn schwarze, kümmerliche Barthaare, ein schneeweißes Gebiss und eine lange rote klebrige Zunge, die immer auf der Suche nach Ableckbarem war. Alles andere an ihm war rostbraun, wenn er nicht gerade aus einer Pfütze auftauchte. Dann hatte er etwas von einem drei Monate alten Ferkel, das frei lebend in der Nähe eines Misthaufens aufwächst. Die Ähnlichkeit zu einem Ferkel habe ich erst entdeckt, als Mischa ungefähr ein Jahr alt war. Da war es zu spät. Wir liebten ihn schon heiß und innig wie andere ihre Erbtante oder Martinsgans.

Das Buch »Warum Hunde Familien zerstören«, das meine Mutter uns zum seinem ersten Geburtstag schenkte, konnte uns da nicht mehr schrecken.

Unser alter rotrostiger Opel Kadett Variant, in dessen Kofferraum Mischa wegen seiner Abneigung gegen alles Rote mit einer Augenbinde gehoben wurde musste, hatte da schon die Erfahrung gemacht, dass Cocker früher bei der Entenjagd eingesetzt wurden. Wildenten, die gegessen werden wollen, müssen nämlich erst geschossen und dann von Cockern wie Mischa aus dem Wasser geholt werden: Schnell, präzise und bei jedem Wetter. Cocker haben ein Fell, in dem sich nicht nur Flöhe, Zecken, Kletten und Dornenzweige wohl fühlen, sondern auch Wasser. Cocker lieben Wasser mehr als alles andere, aber leider nicht an Land.

Da versuchen sie, das Wasser möglichst schnell los zu werden und darum schüttelte sich Mischa immer noch einmal so richtig, wenn der Kadett nach dem Spaziergang gerade fünfhundert Meter gefahren war. An den Fahrer, die Beifahrerin oder später an die Kinder dachte Mischa nicht. Je nach Wetterlage saßen wir entweder nur voll perlendem Wasser (gut) oder voller Lehmbröckchen (schlecht) in den Sitzen. Das passierte vor allem im Sommer, weil es zur der Zeit kaum Pfützen mit klarem Wasser sondern nur noch stinkende Lehmpfuhle gibt, die unser Cocker damals so sicher fand wie der Navi heute die Peter-Lausig-Straße in einem der achtzehn Orte, die in diesem Land auf »Holzhausen« hören.

Ich weiß, was Sie einwenden werden: Wenn ich den Hund an die Leine genommen hätte, hätte sich jede Pfütze vermeiden lassen, der Kadett wäre innen sauber und rostfrei geblieben, die Insassen wasserfrei. Sie haben ja so Recht! Ich versichere ihnen, ich hatte die schicke – leider – rote Lederleine schon gekauft, bevor wir überhaupt wussten, für welche Art Hund wir uns entscheiden würden. Zur Debatte, die ich aus einem bestimmten Grund ohne meine Frau und nur mit meinem Schwager Justus und meinem besten Freund Carlo führte, stand ein Mischling aus dem Tierheim. Hunde, die Carlo immer als Bastard bezeichnete, was mir allein schon deswegen nicht gefiel, weil mein Vater ungerecht-fertigter Weise diesen Begriff schon für Kinder vergeben hatte, die den Namen ihrer Mutter trugen. Wir waren nahe dran, uns für einen Bernhardiner zu entscheiden, der es nur deswegen nicht wurde, weil ich eine neue, dickere Leine hätte kaufen müssen und in unserem Ort die Hundesteuer gerechtfertigter Weise nach dem Gewicht des Tieres bemessen wird. Schwerere Hunde legen größere Tretminen als kleine, leichte Hunde.

Auf den Cocker kamen wir, weil es in der Nähe eine Hundezucht gab, die auch am Sonntag geöffnet hat, und ich an anderen Tagen kaum Zeit habe. Carlo war dabei, als ich Mischa kaufte, meine Frau nicht. Sie sollte ihr Weihnachtsgeschenk erst am Heiligen Abend kennen lernen, ein Geschenk, das meine Antwort auf den immer drängender vorgetragenen Wunsch des Schwiegervaters sein sollte, der es schon lange an der Zeit fand, dass ich seiner Tochter endlich einen echten Nerz schenke. Und da dachte ich, braun passt wenigstens ein klein wenig zu seinem Wunsch und er spürt, wie erst ich ihn nehme. Außerdem haben Nerze ebenfalls vier Beine und einen Schwanz und wenn der Schwiegervater hautnah erleben würde, wie nett, zutraulich und aufgeweckt der Hund sein würde, würde er vielleicht nicht mehr so auf einen Nerz dringen und endlich sein Versprechen einlösen, uns einen Zweitwagen oder ein Ferienhaus in der Toskana zu schenken. Dazu kam es leider nicht mehr.

Mischa ist, soweit kann ich schon vorgreifen, nicht ganz unschuldig daran, dass der Schwiegervater nur zwei Jahre lang einmal im Monat die Gelegenheit hatte, sich an ihm zu erfreuen. Dann musste er zu Grabe getragen werden. Der Schwiegervater hatte da im Vergleich zu anderen Schwiegervätern schon dreiundfünfzig Jahre gelebt und der Staatsanwalt plädierte auf Freispruch. Sein Genickbruch sei ein Unfall gewesen, den ich als versicherter Hundehalter, vierfacher Vater und unbescholtener Bürger nicht habe voraussehen und verhindern können. Dass der Schwiegervater mitten in der Nacht in den Keller zu seiner Kellerbar steigen würde, um den circa elf abendlichen Flaschen Krombacher noch eine weitere hinzuzufügen, sei nicht meine Schuld. Es sei auch nicht meine Schuld, dass er für den Kellergang das Licht nicht angemacht habe, obwohl er als Mitarbeiter eines der vier deutschen Strommonopolisten den Strom im Gegensatz zu Otto Normalverbraucher fast geschenkt bekommen habe. Ebenso wenig sei es meine Schuld, dass Mischa mitten in der Nacht auf der dunklen Kellertreppe lag und von seinen Taten träumte. Dass er dort lag, wäre einzig und allein die Schuld der Schwiegermutter –  wenn man überhaupt von Schuld reden könne. Sie hätte die Mitteltür des Wohnzimmerschrankes nicht geöffnet, in dem Mischa bei unseren Besuchen immer nächtigte. Die Schwiegermutter hätte sich leider sofort nach der sechsten Wiederholung des Tatortes aus Neumünster mit dem Titel »Der Hund kommt als Täter nicht in Betracht« mit einem kalten Schaudern zu ihrem krombacherschweren Ehemann ins Bett legte.

Dass der Staatsanwalt nicht die Frage stellte, ob die Schwiegermutter nicht vorsätzlich die Schranktür nicht geöffnet habe, ist bedauer- aber nicht verwunderlich. Der Staatsanwalt ist heute der Lebensgefährte meiner Schwieger-mutter und hat ihr – wie ich aus den gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen erfahren habe – schon vor diesem tragischen Unfall mit Rat und Tat zur Seite gestanden, aber damals gewissermaßen noch in geheimer Mission, die trotzdem  genauso effektiv sein kann.

Wir kauften also Mischa, der zu der Zeit noch »Pimpus vom Feldherrnhügel« hieß. Ein Name, auf den er ebenso wenig hörte, wie später auf Mischa, obwohl wir uns alle Mühe gaben. Ich habe auf dem Flohmarkt extra eine Kindertafel gekauft, auf die ich mit weißer Kreide einen Hund zeichnete, neben den ich das Wort »Mischa« schrieb. Dreimal am Tag, an Wochenenden und Feiertagen auch öfter, nahm ich Mischa auf den Arm, zeigte ihm die Zeichnung und sagte laut und deutlich mehrmals »Mischa, Mischa, Mischa«, wobei ich erst auf das  Bild und dann auf ihn zeigte. Diese Lektionen zeigten eine außerordentliche, aber leider nicht die erhoffte Wirkung. Der lernte – wie ich heute weiß – zeitlebens nie seinen Namen, aber kaum hatte ich ihn nach sechs Wochen auf den Arm genommen und einmal Mischa gesagt, konnte er das Wasser nicht mehr halten und einmal am Tag kam auch Festes hinzu.

Sie werden jetzt »igitt, igitt« sagen. Genau das haben wir am Anfang auch gesagt, aber dann auch sehr viel Praktisches in seiner Verhaltensweise entdeckt. Weder ich noch meine Frau oder später die Kinder mussten bei Wind und Wetter mit dem Hund vor die Tür, nicht bei Eisregen, brütender Sommerhitze oder bei Blitz und Donnergrollen. Wir haben uns die grüne Plastikschürze umgebunden, den Gürtel umgelegt, an dem die mittelgroße aber extraleichte Plastikschüssel hing, den Hund auf den Arm genommen, einmal, höchstens zweimal »Mischa« gesagt und fertig war die Laube. In diesem Fall die Pfütze, der Haufen oder beides.

An dieser Stelle wird es Zeit, von unseren Nachbarn zu reden, einem netten, freundlichen, älteren Ehepaar, das – für mich unverständlich – seine drei Meter hohe Buchenhecke mehr liebte als unseren Hund und vor allem nicht bereit war, was ich von guten Nachbarn erwartet hätte, dessen Eigenarten zu respektieren und sich vor allem darauf einzustellen.

Der Nachbar liebte seine Frau und den Arbeitsanzug seiner ehemaligen Firma heiß und innig, einen knallroten Overall, den er rund um die Uhr trug und zu dem eine knallrote hochgeschlossene Jacke und ein rote Mütze gehörte. Auf dem Jackenrücken stand in gut lesbaren schwarzen Letter: Länger leben mit Rotofit.

Meine Frau schwört noch heute, sie habe unser Gartentor an jenem Mittag nicht offen gelassen, das müsse der Briefträger, der Mann vom Ottoversand, der Gerichts-vollzieher oder Tebartz van Elst gewesen sein, der sich seit kurzem einmal in der Woche eine warme Mahlzeit  bei uns abholt.

Mischa nutzte das offene Tor, um nach seinem Intimfeind, unserem ewig roten Nachbarn zu sehen. Der stand – wie angedeutet – rücksichtslos in seiner knallroten Montur auf der Leiter, um die Buchenhecke mit seiner ebenfalls leuchtend roten elektrischen  Heckenschere zu schneiden – ein extra starkes, geräuscharmes und auch in  schwierigen Situationen zuverlässiges Gerät wie die Fernseh-werbung immer betonte. Wundert es Sie, dass Mischa sich kläffend mit allem, was er hatte, gegen die Leiter warf? Wundert es Sie, dass ein Nachbar, der sich so wenig mit der empfindlichen Psyche eines Hundes beschäftigt, auch seine Leiter nicht vernünftig sichert? Die Leiter fällt um, der Nachbar landet mit einem alles durchdringenden Schrei auf dem Rücken, die Heckenschere arbeitet wie in der Werbung versprochen auch in dieser schwierigen Situation zuverlässig und geräuscharm weiter und hinterlässt am nachbarlichen Hals eine rote Spur, die ihn für immer sprachlos macht.

Seine Frau will ihm zu Hilfe eilen, aber ihre Vorliebe für knallrote Negligés selbst in diesem Alter und um die Mittagszeit macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Mischa treibt sie kläffend in die Wohnung zurück und hält – ein wirklich aufmerksamer Hund – an der Terrassentür Wache. Sein Kopf pendelt wachsam zwischen dem liegenden, nun überroten Nachbarn, den die leise schnurrende Heckenschere weiter in glutroter Sommersonne bearbeitet, und der geschlossenen Terrassentür hin und her, hinter deren Schatten die Nachbarin tränenüberströmt versucht, der Notrufnummer 112 begreiflich zu machen, dass die Heckenschere immer noch aber ihr Mann nicht mehr arbeitet.

Hunde haben – wissenschaftlich erwiesen – deutlich bessere Ohren als Menschen. Als Mischa wie von der Tarantel gestochen seine Wache aufgibt und aus Nachbars Garten türmt, war klar, dass der Notarzt in wenigen Sekunden um die Ecke biegen würde. Aus mir unverständlichen Gründen rast dann auch noch ein Polizeiwagen mit Sirene und Blaulicht um die Kurve. Notarzt und Polizei stürmen im Laufschritt ins Nachbarhaus, Sirene und Blaulicht dröhnen und flackern weiter, locken die Gaffer des Dorfes an.

Zehn Minuten später, Sirene und Blaulicht verbreiten immer noch hautnahe Tatort-Atmosphäre, klingelt ein Polizist an unserer Tür. Unser Hund, sagt er, sei nach Aussage der unter Schock stehenden, kaum vernehmungsfähigen Nachbarin Schuld am Tod ihres Mannes. Das könne nicht sein, antworte ich. Unser Hund sei schon seit Stunden überfällig, besuche wahrscheinlich wieder seine Freundin in der Bleichstraße oder bestehle den Metzger bei Edeka. Als Beweis für seine Abwesenheit pfiff ich auf zwei Fingern, ein Signal, das Mischa auch dann nicht herbeigerufen hätte, wenn er in der Nähe gewesen und Sirene und Blaulicht abgestellt worden wären. Der Polizist sah sich mich misstrauisch an und dann misstrauisch im Haus um, schaute unter die Betten, im Bad, im Heizungskeller und Sportraum nach. Schließlich trollte er sich, schien nicht wirklich zufrieden.

Als Mischa auch am Abend noch nicht aufgetaucht war, war das für uns kein Grund zur Sorge. Wir kannten ihn als ein empfindsames hochsensibles Tier, das einen gewissen, auch räumlichen Abstand zu solch einschneidenden Erlebnissen benötigt. Die Hundeklappe in der Kellertür würde ihm ermöglichen, jederzeit an seinen Futternapf und auf seine Schlafdecke zurückzukehren.

Als ich gegen dreiundzwanzig Uhr meine Bettdecke zurückschlug, lag dort Mischa. Zusammengerollt und schnarchend. Ich musste mir die Nase zu halten. Das Erlebnis am Mittag sei kein Grund, ins Bett zu machen, grollte ich leise, bevor ich die Bettdecke zuschlug und es mir im Wohnzimmer bequem machte.

Die Nachbarin starb drei Tage später an Herzversagen. Die Aufregung sei für die Mutter zu viel gewesen, erzählte ihre Tochter auf der Beerdigung. Die Mutter hätte überall nur noch Hunde gesehen und andauernd mit vier verschiedenen Pfeffersprays um sich gesprüht. In der Psychiatrie hätten die Pfleger sich nur noch mit einer Gesichtsmaske  und Vollrot-körperkleidung nähern können. Sie, die Tochter, habe die Liebe zu Rot – leider – von ihrer Mutter geerbt, was sie den Führerschein gekostet habe. Sie habe – leider – vor keiner roten Ampel halten können. Die rote Heckenschere und Mutters viertürigen Kleider-schrank voller roter Klamotten habe sie noch vor der Beerdigung einpacken und mit zu sich nach Hause nehmen müssen. Jetzt seien Vater und Mutter Gott sei Dank wieder vereint. Sie hoffe inständig, dass es im Himmel genügend rot gäbe, um den ewigen Lebensabend der beiden glücklicher zu gestalten.

Auf Anraten der Tierpsychotherapeutin (»Sie wollen doch nicht, dass ihr Hund eine Erlebnisüberfrachtungsneurose bekommt«) kaufte ich der Tochter das Nachbarhaus ab. Nicht für einen Apfel und ein Ei. Nein, für meinen knallroten Karnevalsschal, meine ebenso rote Pappnase und ein Trikot vom KSV Hessen Kassel. Mischa konnte mich damit sowieso nicht ausstehen.