Die geheime Invasion – Woche 1 (Sofort lesen – Kostenlos) Noch keine Bewertung

Die geheime Invasion Woche 1 Gewidmet allen Aufmerksamen Die Welt ist groß, auch wenn sie, unbemerkt, von Woche zu Woche kleiner wird. Vorgeschichte Alex P. Jandra Die Stadt stöhnt unter der Hitzewelle. Viele Familien nutzen den Feiertag für ein Picknick, so auch Familie Lovecraft. Nachdem sie im Park nahe des Weißen Hauses ein schattiges Plätzchen okkupieren […]

Tim & Selena-Mandy O’Connor (Sofort lesen) 4/5 (1)

Mandy O'Connor beobachtet in ihrem Episodenroman "Zwei Wochen" in lockeren Abständen in jeder Episode rund 14 Tage im Leben von Tim, Selena und weiteren jungen Leuten. Sie alle sind auf der Suche und sie alle müssen und werden ihren Weg finden. Seid gespannt auf das ganz normale Leben.

 

Episode 1

Tim & Selena: Zwei Wochen

Es ist spätes Frühjahr, die ers…

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Michael Suhr-Steinseele (Sofort lesen) Noch keine Bewertung

Keine Scheidungsfälle!

Krimi

Ich sitze in meinem kleinen Wohnzimmer-sessel, schaue in Richtung der kahlen, weiß getünchten Wand, höre über einen Kopfhörer eines meiner Lieblingsstücke. Lange habe ich nicht mehr zu leben, nur noch eine ganz kurze Zeit bleibt mir. Mit Mühe versuche ich, mich an die schönen Momente in meinem jungen Leben zu erinnern, versuche, den Gedanken an das Ende aus meinem Gehirn zu verbannen. Gestern noch dachte ich an meine Zukunft. Ich schmiedete Pläne und wünschte mir vor meinem Tod ein beschauliches Leben als Rentner in einem schönen, ruhig gelegenen Haus im Wald.

Vor knapp einer Woche begann das Unglück. Ich war nach einem langen Gespräch mit einem Sachbearbeiter meiner Hausbank erst spät in mein Büro gekommen. Es war sehr heiß an diesem Tag. Die Wände schienen zu glühen, die Luft in dem Zimmer war stickig und roch alt, wie abgestanden. Ich öffnete ein Fenster und schaltete den Ventilator ein. Wie betäubt ging ich zu meinem alten, wackeligen Schreibtisch, setzte mich auf den ebenso alten und wackeligen Schreibtischstuhl. Der Ventilator blies heiße Luft zu mir herüber, ich dachte an die Stromrechnung und stand rasch auf, um das Gerät wieder abzuschalten. Zurück auf meinem Stuhl angekommen hörte ich, wie aus der Ferne, die Türglocke läuten. Ich erschrak, das Geräusch hörte ich nur sehr selten, viel zu selten. Meistens klingelten schleimige Vertreter oder scherzende Kinder, wenn überhaupt einer den Klingelknopf beachtete. Doch diesmal betrat eine junge Dame meine Detektei. Ich bat sie höflich Platz zu nehmen, doch sie schaute nur verächtlich auf den staubbedeckten Stuhl für meine Besucher. Geradewegs erklärte sie mir stehend, dass sie einen diskreten Ermittler benötige. Ihr Ehemann hatte zu einer anderen Dame eine innige Beziehung aufgebaut und sie benötige Beweise, um sich scheiden lassen zu können, so der Konsens ihrer Ausführungen.

Auf meinem Büroschild stand in großen Buchstaben das Wort „Detektiv“, mein Name, der Tätigkeitsschwerpunkt meines Ermittlungsbüros und der unmissverständliche Satz »Keine Scheidungsfälle!« Der Gedanke an meinen Kontostand ließ mich den Satz vergessen und ich fragte beflissentlich nach weiteren Details. So erfuhr ich von einem Apartment, bekam ein paar Fotos und die übliche Anzahlung. Kaum war der blonde Schopf der Frau aus meinem Büro verschwunden, rief ich die Telefongesellschaft sowie die Stadtwerke an. Ich versprach eine Anzahlung auf die ausstehenden Summen und hatte bei beiden Gesellschaften Erfolg. Bis Ende des Monats wollten sie mir weder Strom noch Telefon abstellen. Zufrieden schaltete ich den Ventilator wieder ein, Geld ist sprudelndes Leben und Bargeld ist erquickend wie kühles Wasser in der Wüste. Den Rest des Bürotages verbrachte ich damit, den Vermieter des Apartments ausfindig zu machen, was mir endlich auch gelang. Über dessen Büro erfuhr ich, dass die Wohnung tatsächlich von dem besagten Ehemann angemietet war. Zufrieden mit meiner Arbeit verließ ich mein Büro. Auf dem Heimweg besuchte ich noch einen Fachhandel für Diebstahlsicherung, wo ich bei einem Freund gegen den üblichen Beitrag, eine Flasche trinkbaren Whiskeys, eine Überwachungsanlage auslieh.

Gleich am anderen Tag stand ich recht früh als Handwerker verkleidet vor dem Apartmenthaus. Ich läutete bei den Nachbarn, erklärte ihnen, ich müsse wegen der Heizungsanlage einige Messungen vornehmen. Ich hatte Glück, einer der Nachbarn war eine zugewanderte Familie, in der nur das Mädchen die Landessprache verstand. Ich erklärte ihr freundlich, was ich zu tun hatte. Also Löcher bohren, Messstäbe einführen, ein Gerät auf-stellen und noch öfter wiederkommen. Sie übersetzte alles ganz brav und ihre Eltern nickten verwundert. Aber sie nickten. Und so konnte ich in aller Ruhe die kleinen Kameras installieren, mit ihnen hatte ich das fragliche Apartment gut im Blick. Das Aufzeichnungsgerät hatte ein Magazin für insgesamt vier Kassetten. Jede Kassette konnte bis zu einen Tag lang die Bewegungen vor den Kameras aufzeichnen. Ich überprüfte noch einmal die Funktion des Gerätes, streichelte dem Mädchen über den Kopf und verabschiedete mich freundlich. Mit dem Verlassen des Hauses sah ich in einem Augwinkel wie der fragliche Mann in Begleitung auf das Haus zukam. Ich sah nicht hin, ich wusste ja um die Kameras. Den restlichen Bürotag verbrachte ich in bester Laune und in Vorfreude auf das leicht verdiente Honorar. Abends zeichnete ich mit meinem Tonband, ich hatte es gebraucht aus dritter Hand erworben, ein Klavierkonzert meines Lieblingskomponisten auf. Im Radio wurde ein selten gespieltes Stück von ihm übertragen und ich war froh, dass ich das Stück nun öfter hören konnte. Nach den Nachtnachrichten duschte ich mich kalt ab und ging zu Bett.

Am Morgen danach schlief ich länger als üblich, fuhr anstelle zu meinem Büro zu dem besagten Apartmenthaus. Ich klingelte an der Wohnung der Einwanderer, wie erwartet öffnete mir das Mädchen. Ich hatte eine kleine Tüte Süßigkeiten mitgebracht und erwärmte so das Herz der Kleinen. In der Wohnung tat ich sehr beschäftigt. Ich kontrollierte die Anlage, entnahm die erste Kassette und verabschiedete mich mit dem Hinweis auf meinen Besuch in den nächsten Tagen. Rasch fuhr ich zu mir nach Hause, um mir die Aufnahme anzusehen. Meine Mandantin hatte recht. Sie hatte allen Scheidungsgrund der Welt. Gleich von meiner privaten Wohnung aus rief ich sie an und wir vereinbarten einen Termin am gleichen Tag in meinem Büro. Obwohl ich den Besucherstuhl sauber abgewaschen hatte, setzte sie sich nicht, nahm stehend die Kassette entgegen und überreichte mir den ausgemachten Gesamt-betrag. Bei sparsamer Lebensführung konnte ich fast vier Wochen von dem Geld leben, sehr viel Geld für einen armen Mann wie mich.

Anderntags schlug das Wetter um, es zogen Wolken auf, ein Gewitter kündigte sich an. Ich hatte nichts Besseres zu tun als mich erneut zu der Wohnung aufzumachen, um das geliehene Aufzeichnungsgerät abzuholen. Auf dem Weg wurden die Wolken immer dichter und dunkler, erste Blitze schnellten durch den Himmel. Das Haus war auf einem flachen Hügel gelegen, ich fuhr in eine dunkle Wolkenschicht ein. Es regnete heftig, kaum sah ich die Straße vor mir. Unvermittelt stand neben meinem Wagen eine feurig gleißende blaue Lichtsäule. Mit dieser Säule kam ein Donner, der mich fast auf den Beifahrersitz warf. Ein Glück, dass ich mich am Lenkrad festgehalten hatte. Dann war die Lichtsäule verschwunden, der Donner auch. Ich stellte erstaunt fest, dass der Wagen unbeirrt weiter fuhr. Mein ganzer Körper zitterte und ich war nicht mehr alleine. In meinen Kopf war noch ein anderer Mensch, er sprach wortlos das Wort »Ende«, bevor er verschwand und ich wieder alleine in meinem Auto saß. Neben der Angst, nun hoffnungslos verrückt zu sein, blieb ein stechendes Brennen auf meiner Haut zurück.

Schweißgebadet erreichte ich endlich mein Ziel. Einer der Blitze hatte die Stromversorgung in dem Viertel zum Erliegen gebracht, so musste ich lange klopfen, bevor mir das Mädchen öffnete. Gleich begann ich mit der Arbeit und demontierte die Anlage samt Kameras. Das Mädchen wich nicht von meiner Seite, schaute mir bei der Arbeit genau zu und stellte unentwegt neugierige Fragen. Ich antwortete ihr gerne, es lenkte mich von meinen Schrecken ab. Meine Haut brannte immer noch, fühlte sich so an, als ob eine Armee Ameisen über ihr liefe. Bald hatte ich die Ausrüstung beisammen und verabschiedete mich von der Familie. Während ich der Kleinen den Kopf tätschelte versicherte ich ihnen, dass alle Messwerte bestens seien. Auf der Rückfahrt überlegte ich mir, dass ich, bevor ich das Gerät zurückgab, die Kassetten entnehmen sollte. Auch wenn man mit meinem Freund Pferde stehlen konnte, solche intimen Aufnahmen von sich liebenden Pärchen waren bei ihm garantiert in den falschen Händen. So fuhr ich zu meiner Wohnung, um das Gerät dort an den Strom anzuschließen und die Kassetten entnehmen zu können. Doch das Gerät war mehr in Leidenschaft gezogen worden, als ich es gehofft hatte. Trotz aller Mühen bekam ich die Kassetten nicht mehr aus dem Schacht heraus. Es war wohl ein wichtiges Teil durch den Blitz zerstört worden. So blieb mir nichts anderes übrig, als eine besonders gute Flasche Whiskey zu kaufen und zu hoffen, dass die Reparatur nicht zu aufwendig war. Im Geiste sah ich mein gerade erworbenes Geld schon in den Händen des Reparaturdienstes, sah mich obdachlos und bettelnd im Park sitzen.

Mit schuldigem Blick betrat ich das Geschäft, in dem mein Kumpel lustlos hinter der Theke Zeitung las. Er lächelte mich an, hörte schweigsam meinen Bericht, ahnte gleich was passiert war. Fachmännisch nahm er sein Werkzeug und binnen fünf Minuten war das Gerät wieder funktionsfähig. Eigentlich hätte ich die durchgebrannte Sicherung auch selber wechseln können. So aber freute er sich über die gute Flasche und ich fühlte mich wieder einmal wie ein drittklassiger Komiker. Wir scherzten ein wenig, beklagten das heiße Wetter, schimpften über die Politik und tranken zwei kleine Gläser von der braunen Köstlichkeit. Dann fuhr ich in mein Büro und tat das, was ich die meiste Zeit dort tat. Ich wartete, wartete auf einen Auftrag und auf das Ende des Tages.

Mit Schrecken fiel mir ein, dass die Kassetten immer noch in dem Gerät steckten, ich hatte sie tatsächlich vergessen. Das alleine war nicht schlimm, aber eine Kassette war zum Teil bespielt. Ich versuchte mich zu beruhigen. Es war zwar ein Vertrauensbruch, intime Aufnahmen Unbefugten zu überlassen. Aber mein Freund wusste nicht, was ich aufgenommen hatte und so hoffte ich, dass er die Kassetten in dem Gerät belassen würde.

Einen langen heißen Tag lang passierte nichts Besonderes. Am nächsten Morgen, ich war gerade wieder in meinem Büro angekommen, klingelte auch schon das Telefon. Es war der Anwalt meiner Mandantin. Er fragte mich, ob ich das Band ganz gesehen habe. Ich verneinte dies und er berichtete, dass in den frühen Morgenstunden noch Besuch in dem Apartment gewesen wäre. Viel hätte er auf dem Band nicht gesehen. Eine Gruppe stadtbekannter Kerle seien mit Koffern und Aktentaschen in das Zimmer gekommen, hätten den Tisch freigeräumt, die Koffer dort abgelegt und geöffnet. Dann aber war das Band leider zu Ende. Was in den Koffern war, konnte er mir auch nicht sagen. Ich tippte auf Rauschgift und Geld, was den Anwalt zu einem Lachanfall zwang. Clown hätte ich werden sollen, dachte ich nicht zum ersten Mal in meinem Leben.

Die Tragweite des Berichts erkannte ich nur langsam. Erst gegen Mittag kam es mir in den Sinn, dass mein Freund die Bänder nun wohl auch gesehen haben könnte. Ich rief ihn an und tatsächlich, er war neugierig geworden und hatte sich die Aufnahmen angesehen. Ausführlich erzählte er mir, wer und was auf den Bändern gesichert war. Nach seinem Bericht bat ich ihn die Bänder sofort zu vernichten, die Aufnahme von dem Geschäft der Ganoven hatte in unseren Händen nichts zu suchen.  Er druckste und wand sich, fand eine Ausrede nach der anderen um die Bänder nicht zu zerstören oder zu löschen. Ich versuchte ihm die Konsequenzen für ihn und mich zu verdeutlichen, falls die Ganoven je von der Existenz der Aufnahmen erführen. Dann endlich beichtete er mir, dass er wegen der Bänder schon mit den Schurken Kontakt aufgenommen hatte. Mir stockte das Blut in den Adern, aber es war schon zu spät. Er versuchte die Organisation zu erpressen, wollte so das Studium seiner beiden Kinder finanzieren. Langsam ließ ich den Hörer auf die Gabel zurücksinken, langsam spürte ich, wie sich eine Schlinge um meinen Hals zog. Ich nahm meine Pistole aus der Schublade, betrachtete sie kurz und legte sie wieder zurück. Gewalt verabscheute ich seit meiner Jugendzeit zutiefst, Blut machte mir Angst und selbst Steaks aß ich nur durchgebraten.

Meinen Freund konnte wohl nichts mehr retten, die Jungs hier in der Stadt waren wegen ihrer Brutalität bekannt. Ich beschloss ihn noch einmal zu besuchen, um ihn zur Flucht aus der Stadt zu überreden. In dem Laden angekommen, suchte ich ihn im Verkaufsraum vergeblich. Erst in der kleinen Küche fand ich ihn, er war noch warm. Man hatte ihn mit dünnem Draht an den Stuhl gebunden, der sich an vielen Stellen tief in die Haut eingeschnitten hatte. Den alten Spüllappen hatte man als Knebel verwendet, er steckte immer noch in seinem blutigen Mund. Auf dem Boden lagen einige ausgebrochene Zähne, etliche Blutspritzer, ein blutiges Küchenmesser. Wieder brauchte ich einige Zeit, um zu verstehen, warum man sich so viel Arbeit mit ihm gemacht hatte. Foltern ist ja kein Zuckerschlecken, für beide Seiten nicht. Nur Stückchen für Stückchen erfasste ich den Zusammenhang. Dann endlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sie wollten von ihm wissen, wer sonst noch von den Bändern wusste. Und das war zweifelsfrei ich!

Mit Höchstgeschwindigkeit fuhr ich zu meiner Wohnung. Ich dachte nur noch an Flucht, wollte weg, weit weg von hier fahren, nie mehr wieder zurückkommen, immer nur weiter und weiter fort von hier sein. Endlich an meinem Haus angekommen, stürmte ich die fünf Etagen zu meiner Wohnung empor, packte schnell ein paar Habseligkeiten in einen Koffer. Bevor ich den Weg nach unten antrat, sah ich aus dem Fenster. Eine schwarze Limousine bremste vor dem Haus, zwei Jungs stiegen aus. Einer sah empor, unsere Blicke trafen sich. Mit fließender Bewegung zog er eine Pistole mit schon aufgeschraubten Schalldämpfer und eilte auf die Eingangstüre zu. Sein Kumpel folgte ihm sogleich. Ich wusste nun, wie die Geschichte weiterging. Meine Liquidation war beschlossene Sache. Möglichst schnell und leise, so wie ich die Verbrecher kannte. An Flucht war nicht zu denken, das Haus hatte nur einen Aufgang und der Weg über das Dach war aus Angst vor Einbrechern verriegelt.

Ich schaltete mein Tonband ein, legte den Kopfhörer zurecht und öffnete die Türe meiner Wohnung, ich wollte nicht durch laute Geräusche gestört werden. Im Treppenhaus schallten die Schritte meiner Henker. Nur noch Sekunden, dachte ich bei mir. Ruhig setzte mich in meinen Sessel, setzte den Kopfhörer auf und begann der Musik zu folgen.

Langsame, entspannende Klaviermusik umhüllt mich. Gedanken an ein kurzes Leben durchfließen meinen Kopf. Der erste innige Kuss fällt mir ein, ein Besuch im Strandbad kommt mir in den Sinn. Bilder aus meiner Kindheit ziehen vor meinem geistigen Auge vorbei. So viel hatte ich noch vor, so viele Dinge bleiben nun ungetan. Wie habe ich nur meine Zeit vergeudet, mit Warten vertan, in Kneipen abgehangen. Ich versuche nicht an die nahenden Mörder zu denken, habe unvermittelt wieder diese Stimme in mir, höre wieder das Wort »Ende«. Übergangslos wird mir die Schönheit meiner eigenen Gedanken bewusst, ich freue mich wie ein kleines Kind über mich selber, weine Freudentränen.

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We are Soulpunk-Forever – Peggy Axmann (Sofort lesen) Noch keine Bewertung

Prolog

Postausgang – Betreff: Ohne dich ...

Seit zwei Wochen Leere. Kein Zeichen von dir, keine Zeile wie es dir geht ... War die Realität doch der Schock, den du brauchtest, um dich von mir zu lösen?

Ich war nie das, was du aus mir gemacht hast. Göttin, hast du mich genannt. Mir Schönheit zugesprochen, die jeder Kamera und jedem anderen Menschen verborgen blieb. Ich war ich, in jedem Moment. In all unseren Gesprächen, unseren Telefonaten waren es meine Gedanken, meine Gefühle, meine Stimme, die da sprachen. Und vor 14 Tagen eben dieses Mädchen, welches vor dir stand, neben dir saß und in deinen Armen einschlief.

Du hast mich zurückgelassen ... Verstört, unsicher und glücklicher als so lange zuvor. Und nun sitze ich hier, schreibe diese Mail und weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Ob ich etwas falsch gemacht habe ...

Ich fühle mich wie ein verliebter Teenager. Mag ohne dich weder lachen, noch essen oder schlafen. Wie hast du es nur angestellt, mich so voll Gefühl zurückzulassen und zugleich eine solche Leere zu schaffen?

Zumal brennt in mir zum ersten Mal die Wut. Flammenhoch lodernd. So lange habe ich mir eingeredet, ich könnte diese Frau nicht hassen, die an deiner Seite ist. Weil sie vor mir da war. Weil ich gut verstehen kann, warum sie dich liebt. Aber seitdem ich dich sehen durfte, fühlen ... Wünschte ich endgültig, sie würde ihre Worte aus den zahlreichen Streitereien die ihr hattet, endlich wahrmachen und verschwinden! ...

Ich benehme mich vielleicht auch zu kindisch. Wegen zwei Wochen – und dies nicht zum ersten Mal – bräuchte ich wahrscheinlich nicht in Sorge zu sein. Verzeih es mir. Jedoch werde ich mich auch diesmal nicht für die Wahrheit dessen, was ich fühle, entschuldigen.

Diese drei kleinen Worte, so oft gedacht, so viel gefühlt und endlich ausgesprochen:

Ich liebe dich.

PS:

Vieleicht freut es dich zu lesen, dass mein Skript tatsächlich von einem Verlag genommen wird ... Meine kleine, alberne Geschichte wird tatsächlich gedruckt und unter der Schirmherrschaft eines Verlags stehen. Ich habe keine Ahnung, wo diese Reise hingehen wird und bereits jetzt ist die Angst vor dem Unbekannten greifbar, die du so gut von mir kennst.

***

Posteingang (zwei Tage später) – Betreff:

AW: Ohne dich ...

Du kleine, lächerliche Schlampe! Glaubst du ernsthaft, ich wäre so dumm gewesen, ihm zu glauben? Dass ich die scheinheilige Ausrede, er würde Verwandte besuchen, nicht durchschaut habe? Ich kenne all eure kleinen, niedlichen Emails, in zwei Tagen waren sie schnell gelesen. Hübsche Bilder übrigens, ich habe mich köstlich amüsiert!

Gott! Naives, hässliches, kleines Ding! Bildest du dir wirklich ein, er würde dich lieben? Sein Leben wegwerfen für so eine kleine Göre? Glaubst du, du wärst die Erste gewesen?

Ich habe längst aufgehört zu zählen, an wie vielen Miststücken er sich versucht hat die Hörner abzustoßen! Aber eins lass dir gesagt sein: Sollte es endlich soweit sein, dass sein Schwanz zur Ruhe kommt und ihm eine Frau reicht, dann werde ich diejenige sein!

Die Quittung für dich hat er schon bekommen! Und ich rate dir, halte dich zukünftig von ihm fern! Hässliches Entlein, such dir einen Erpel in deinem modrigen Teich!

Jasmin

PS: Damit es dir leichter fällt den Kontakt abzubrechen, habe ich seine Telefonkarte sperren lassen und sie nach seiner Heimkehr zerschnitten. Diese Mailadresse wird nach Sendung dieser Worte ebenfalls nicht mehr präsent sein. Und keine Hoffnung, er wird es nicht wagen, sich noch einmal bei dir zu melden.

***

Postausgang – Betreff:

AW:AW: Ohne dich ...

Ich weiß, dass sie nicht lügt. In all ihrer Wut und ihrem Hass ist sie genau das, was ich all deinen Worten entnahm ... Kalt, bösartig.

Und doch schreibe ich diese letzten Zeilen, auch wenn sie dich nicht erreichen werden.

Ein letztes Mal schreie ich, posaune es heraus – egal, was alle denken mögen in ihrem Unwissen:

ICH LIEBE DICH!!!

Was auch immer sie dir angetan hat, wie sie dich auch straft, ich weiß, dein Kopf wird oben sein. Sie kann dich nicht brechen. Nicht mit Worten und auch nicht mit Taten. Ich wünschte, ich hätte deine Stärke. Die Kraft, es an mir abprallen zu lassen. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass du einen Weg zu mir findest – sofern dies überhaupt noch dein Wunsch ist ... Ich weiß es nicht, deine Antwort bleibt mir verwehrt ... Doch wenn dies alles nicht nur ein Spiel war, nicht nur ein Kick zu diesem Albtraum, den du Beziehung schimpfst ...

Ich kann nicht mehr denken, will nicht mehr fühlen, es ist zu viel.

Gib nicht auf. Niemals. Versprich es mir, so dass auch ich einen Grund habe weiterzumachen.

***

Posteingang – Delivered

Ihre E-Mail konnte nicht versendet werden. Die angegebene Adresse existiert nicht oder ist fehlerhaft. Bitte prüfen Sie diese in der Empfängeradresse.

Von der Muse geküsst

Ich platzte fast vor Aufregung. Meine Muskeln waren angespannt, mein Herz kurz vorm Infarkt und mein Kiefer schmerzte. So fühlte sie sich an: Meine Angst, die Zähne beim Sprechen nicht auseinander zu bekommen und als nuschelnde Idiotin dazustehen. Matthias musterte mich eingehend, ihm entging meine Nervosität keineswegs. Zumal auch ihm am Erfolg dieser Lesung gelegen war. Wer hätte schon gedacht, dass ich, klein und unbedeutend wie so viele andere Fische im Haifischbecken des Autorentums, einen Bestseller landen würde. Zwei Jahre war ich in Matthias' kleinem Verlag. Er hatte mir die Chance gegeben, meine Bücher professionell auf den Markt zu bringen. Nach einem erfolglosen Jahr als Selbstverleger ohne Budget und einer Hand voll Leser. Es war die wohl bisher erfolgreichste Begegnung im Social Network meines Lebens. Meine Trilogie kam unter Vertrag und lief langsam an, während ich weiterschrieb. Sie legte den Grundstein. Anfangs war der Weg holprig. Probleme hoch wie Hinkelsteine stapelten sich zu einem Massiv, das nur mühsam und mit viel Geduld und Spucke aus der Spur geräumt werden konnte.

Aber es lenkte mich wunderbar ab. Von Liebeskummer geplagt und innerlich gebrochen, gab mir die Arbeit neuen Antrieb. Plötzlich hatte ich ein Ziel. Nein, nicht reich und berühmt werden. Ich glaubte schon immer, dass unter dieser Prämisse nur mittelmäßige oder gar schlechte Bücher das Tageslicht erblickten. Ich wollte Werke verfassen, die meinen persönlichen Ansprüchen gerecht wurden. Und dies gelang am Besten in den Momenten, in denen ich begann eine kleine, vielleicht alberne Idee zu verfolgen. Diese zu formen, sich entwickeln zu lassen und meinem Kopf die Freiheit geben, einfach zu spinnen. Das Resultat war nun ein viertes Buch. Ganz anders als die vorherigen. Nur der Stil, den ich seit Anbeginn durchzog und den ich mir nicht hatte verbieten lassen, war den anderen Schreibarbeiten ähnlich. Eben dieses vierte Buch, eine dramatische Liebesgeschichte fernab von meinen bis dahin geschaffenen, erotisch angehauchten, Fantasyergüssen, brachte den Erfolg. Und dieser wiederum führte dazu, dass ich mich in wenigen Minuten einer Schar Menschen stellen musste. Leute, die eine professionelle Lesung erwarteten. Im Anschluss sollte eine kleine Fragerunde stattfinden. Mir lief es jetzt schon den Rücken hinab, das kleine Spinnengetier. Das Tier, welches die Furcht in meinen Nacken injiziert hatte, giftig und Übelkeit erregend.

»Du schaffst das schon.« Matthias wollte mich beruhigen, aber ich hörte die Bitte aus seinen Worten. Die Bitte, es nicht zu versauen. Ich hatte keinerlei Übung darin. Lesungen waren bisher meine Achillesferse und daher war ich ihnen aus dem Weg gegangen. Doch jetzt konnte ich es nicht mehr. Die Welt, zumindest ein winziger Bruchteil davon, wollte die Autorin Susan Storm kennenlernen. Mein Pseudonym klang so viel stärker als ich. Ein kleines Windchen hätte besser gepasst. Ich schluckte und würgte Magensaft hinab, der mir bitter aufstieß.

»Ich versuche mein Bestes ... Wie immer.« Meine Zunge fühlte sich geschwollen und belegt an. Der Mund war staubtrocken. Mein Verleger lächelte.

»Paula,« er sprach leise, damit mein wahrer Name in keinen falschen Gehörgang geriet, »du, wir haben bisher Hürden gemeistert, vor denen andere kapituliert haben. Eben weil du dein Bestes gegeben hast. Ich setzte auf dich. Und ich vertraue dir.«

Mir war es nicht möglich zu differenzieren, ob in diesem Moment der Verleger oder Freund – der er in den vergangenen Jahren geworden war – sprach. Aber ich wusste, dass ich ihn nicht enttäuschen wollte. Und mich auch nicht. Paula Wolzkey, alias Susan Storm, lebte derzeit ihren Traum. Und ich wollte mir selbst beweisen, dass ich ihn halten konnte. Zart und zugleich beschützend wie eine Seifenblase zwischen meinen Händen. Ich nickte, mehr zu meinem inneren Entschluss, denn aus Zustimmung. Dann straffte ich die Schultern, wandte mich um und erklomm die drei kleinen Stufen des Podestes. Mein Stuhl erwartete mich. Das Buch mit den leuchtend bunten Post-Its lag bereit, aufgeschlagen auf Seite 29. Ich sah die Buchstaben vor mir, die Wörter und Sätze, die sie formten. Tagelang hatte ich sie gelesen. Mir eingeprägt und versucht Pausen zu setzen, um mir aufmunternd im Spiegel zuzulächeln. Mit geradem Oberkörper und pulsierendem Hirn nahm ich Platz, zog die Mundwinkel nach oben und begrüßte mein Publikum. Alle Stühle waren besetzt, dahinter noch etwa zehn Personen stehend. Presseausweise baumelten um ihre Hälse und blitzten mir entgegen. Ich spürte, wie mein Lächeln breiter wurde. Wie oft und wie viele Zeitungen hatte ich angeschrieben? Ein Dutzend, zwei? Jede verdammte Publikation hatte ich versandt. Mit Pressemitteilung, Bildern, Auszügen, Autorenportrait und dem Hinweis, dass Presseexemplare der Werke gerne zur Verfügung gestellt würden. Nichts. Niemals. Auch bei Träne des Phönix – dem Buch das jetzt und hier wartete.

Erst seit einigen Wochen, nachdem ein wahrer Hype um diese Geschichte mit dem brennenden Cover ausgebrochen war, wollten sie alle ein Interview oder meine Zusage, einen Artikel zu drucken. Und nun waren einige dieser Aasgeier hier. Bereit, jeden noch so kleinen Fehler zu veröffentlichen. Nichts verkaufte sich so gut wie Schadenfreude. Eines der zahlreichen Krebsgeschwüre dieser Gesellschaft. Ich würde es ihnen nicht geben. Im Bruchteil einer Sekunde änderte sich mein Ziel von Ich will nur irgendwie hier durch zu: Ich werd es Euch allen zeigen! Ohne langes Zögern stellte ich mich vor, berichtete kurz vom Buch und las drauf los. Meine Ohren schalteten in einen Modus, in dem ich meine Stimme nur noch gedämpft wahrnahm. Die Bilder in meinem Kopf hingegen waren scharf und kontrastreich. Meine zwei Verliebten in zärtlicher Umarmung. Sie mit Tränen im Gesicht als er ging ... Gemälde die mein Hirn fabrizierte. Eine Mischung aus Imagination und einer längst vergangenen Realität.

Ich las die letzte Zeile, dann schlug ich theatralisch das Buch zu. Ende der Lesezeit. Meine Zuhörer zogen enttäuschte Mienen. Auch wenn sie alle, oder zumindest ein Großteil, die Story kannten – sie hätten gern mehr gehört. Ich richtete das Wort an sie und bemerkte ein leichtes Zittern in meiner Stimme. Ich hoffte aber, dass es außer mir niemand bemerkte. Selbst wenn, mir blieb keine Zeit darüber nachzudenken, denn der erste Presse-Heini schmiss mir eine Frage zu.

»Frau Storm, wie schafft man es, die Menschen auf eine solche Art zu bewegen, wie Sie mit diesem Werk?« Der Typ schob seine Brille etwas nach oben und hielt dann sein Diktiergerät in meine Richtung. Ich umfasste mit einer Hand das kleine Mikrofon vor mir und antwortete:

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Nur ein toter Lehrer ist ein …-Heike S. Rogg (Sofort lesen) Noch keine Bewertung

Eine Unfallserie erschüttert die Grundschule in Blieskastel. Bevor sich jemand erklären kann, was eigentlich passiert ist, stirbt eine Lehrerin.
Es kristallisiert sich heraus, dass auch die vorhergehenden Unfälle massive Anschläge waren. Hauptkommissar Robeneker ist ratlos. Weil auch seine Frau betroffen ist, mischt Busfahrer Hannes natürlich wieder kräftig mit. Doch kann er mehr tun, als Susanne zu schützen? Dann passiert der nächste Mordversuch …
Wer ist das Phantom, das es offensichtlich auf Pädagogen abgesehen hat?

***

Personenverzeichnis:

Busfahrer Hannes     Reisebusfahrer und Hobbydetektiv
Susanne Germann    seine Frau, Lehrerin in Webenheim
Klaus Robeneker       Kriminalkommissar, Blieskastel
Marie Robeneker       seine Frau
Jörg Vogelgesang     Kollege von Robeneker
Edith Kraus                Bekannte von Germanns
Eric Teichler               Motorradhändler, Blieskastel
Dr. Fegerer                 Hausarzt, Blieskastel

Die Lehrer Schule am Schwarzweiher
 
Dr. Hans-Walter             Rektor
Küchenmeister
Sonja Roth                       Sportlehrerin
Sabine Kiehm                  Lehrerin
Ernst Gollmann              Lehrer
Melanie Jacoby               Lehrerin
Iris Schneider                  Referendarin
Christine Marcreiter      mobile Kraft
Claudia                             Lehrerin
Andrea                              Lehrerin
 
Dependance Blumenbergschule

Heidi Wagenknecht        Lehrerin 3. Klasse
Brigitte Sommer-Thes   Personalrätin
Anita Müller-Thiele        Konrektorin
Markus Kesper                Lehrer

Weitere Personen

Dr. Meier                         Arzt an Uniklinik Freiburg
Frau Bohr                        Nachbarin von
Heidi Wagenknecht
Torben Müller                 Inhaber einer Werkstatt mit Tankstelle
Sabrina Roth                   Tochter von Sonja Roth
Frau Küchenmeister      Ehefrau des Rektors
Alex Frieding                   Freundin von Susanne Germann

Ein Jahr zuvor

In einer Grundschule im Saarland ist es totenstill. Die Bilder, die tagsüber farbenfroh von den Wänden leuchten, taucht die herrschende Dunkelheit in ein trübes Grau. Kein Laut dringt durch die langen Gänge zwischen verlassenen Klassenzimmern. Doch plötzlich erklingen quietschende Schritte auf dem abgewetzten Lino­leum. Sie werden lauter, finden ihren Widerhall in den dicken Wänden.

Schritte, die zu dieser nächtlichen Zeit aber auch gar nichts in dem Gebäude zu suchen haben, die so gar nicht auf das Linoleum ge­hören …

Dienstbesprechung

»Wir kommen jetzt zu TOP 8, der Lehrer­ausflug«, verkündete Rektor Dr. Hans-Walter Küchenmeister und blätterte übertrieben geschäftig in seinen Unterlagen.

Susanne Germann – Klassenlehrerin der 4A – gähnte verstohlen. Zwei Stunden dauerte diese Dienstbesprechung nun schon. Einhundert­zwanzig Minuten, so lange dehnte sich der Monolog Ihres Rektors Dr. Küchenmeister. Wie immer fragte sie sich, warum sie überhaupt anwesend sein musste. Fragen, Anregungen – oder noch schlimmer: Kritik – waren nicht gewünscht, wie sie aus eigener Erfahrung wusste. Susanne unterrichtete seit über drei Jahren an dieser Schule. Mehrfach war sie angeeckt, weil ihrer Meinung nach Konferenzen auch dazu dienen sollten, Missstände anzusprechen und gemeinsam zu beheben. Seit zehn Jahren im saarländischen Schuldienst, stand die Fünfzig­jährige kurz davor, zu resignieren und – wie viele ihrer Kolleginnen – nur noch Dienst nach Vorschrift zu absolvieren. Immer, wenn sie mal wieder die Welt retten wollte, wollte diese einfach nicht gerettet werden. Also hatte sie gelernt, in Anwesenheit ihres Rektors am besten den Mund zu halten. Das sparte in jedem Fall Nerven.

Unauffällig schob sie sich ein Stück Schokolade in den Mund. Ihr Blick glitt durch den Raum. Damit alle anwesenden Lehrer genügend Platz fanden, wurde die Konferenz in der Bücherei der Schule abgehalten. Die Bänke verteilten sich wie in den Klassenzimmern: Der Rektor stand vorn, die Tische in Reih´ und Glied vor ihm. Rechts und links befanden sich die Regale mit vielen Büchern, die von den Schülern aus­geliehen werden konnten.

»Also«, holte der Vorgesetzte Susanne aus ihren Betrachtungen, »ich stelle mir vor, wir fahren zwei Tage in den Schwarzwald. Da wir nur einen Tag genehmigt bekommen, werden wir den Freitag und den Samstag dazu ver­wenden.«

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag regte sich Widerspruch im Kollegium der Grundschule ›Am Schwarzweiher‹ in Blieskastel.

»Ich kann nicht einfach zwei Tage wegfahren«, wagte Sonja Roth, die Sportlehrerin, zu widersprechen. »Das würde meinen Trainingsplan völlig durcheinanderbringen.«

Sabine Kiehm, eine etwas pummelige Mitt­dreißigerin, pflichtete ihr bei: »Herr Dr. Küchen­meister, haben Sie daran gedacht, dass einige von uns Kinder zu Hause haben? Wie stellen Sie sich das vor?«

Den Gesichtern der meisten Anwesenden sah man ähnliche Vorbehalte gegen diesen dikta­torisch in den Raum geworfenen Vorschlag an. Bei der Aussage von Ernst Gollmann, der kurz vor seiner Pensionierung stand: »Ich brauche das Wochenende zur Erholung für mich«, explodierte der Rektor.

»Das ist eine Dienstanweisung!«, brüllte der etwas zu klein geratene Mann am Pult. »Die Qualitätssicherungskommission hat festgestellt, dass an dieser Schule kein Teamgeist herrscht«, ereiferte er sich. »Und ich werde das ändern. Es geht um das Ansehen der Schule.« In einem äußerst fragwürdigen Ton setzte er hinzu: »Wir haben ja mit unserem Brennpunkt, der Dependance in Webenheim, einen denkbar schlechten Ruf.«

Deutliche Zornesadern zeigten sich an seinen Schläfen.

»Und deshalb werden wir diese zwei Tage im Schwarzwald durchziehen.«

Jetzt begannen die Adern an den Schläfen erregt zu pochen und wechselten von einem zarten Blau in ein dunkles Violett.

»Ich erwarte«, seine Stimme wurde messerscharf, »dass Sie zu Hause alles Notwendige organisieren. Es fahren alle mit! Ohne Ausnahme!«

Mit einer für ihn typischen Handbewegung schob er sein schütteres, graues Haar nach hinten.

»Was für ein Idiot«, flüsterte Susanne ihrer Nachbarin Heidi Wagenknecht zu, »der Einzige, dem es an Teamgeist fehlt, ist er doch selbst.«

Heidi, eine zurückhaltende Kollegin, die in der Dependance die dritte Klasse führte, lächelte nur zaghaft.

»Frau Germann, haben Sie auch noch was dazu zu sagen?«, folgte prompt ein erneuter Angriff, diesmal gegen Susanne gerichtet.

»Nein, nein, hat sich schon erledigt«, wehrte sie ab und dachte: ›Die Gedanken sind frei …‹

»Also«, setzte Küchenmeister seine Ausführungen fort, »das Ganze wird so aussehen, dass wir nach Titisee fahren. Dort übernachten wir im Alemannenhof. Eine gediegen-rustikale Herberge mit ausreichendem Komfort. Nachmittags unternehmen wir eine Wanderung auf dem Feldberg und abends besuchen wir das Konzert der Trachtenakkordeongruppe Hinterzarten. Am Samstag fahren wir nach dem Frühstück auf die Insel Mainau und danach wieder nach Hause.«

Dreizehn Lehrer schafften es gerade so, ein Stöhnen angesichts dieser Aussichten zu unterdrücken. Einige unter ihnen warfen hasserfüllte Blicke in Richtung des Redners, und bei einer Kollegin verengten sich die Augen zu mikros­kopisch feinen Schlitzen.

Die nächste Frage wagte die resolute Personalrätin der Schule, Brigitte Sommer-Thes.

»Und mit welchen Kosten müssen wir dabei rechnen?«

»Das wird pro Person etwa hundertfünfzig bis hundertsechzig Euro kosten«, lautete die Antwort, »aber das sollte es Ihnen wert sein. Immerhin geht es um Teamgeist.«

Susanne, die den Alemannenhof durch ihren Ehemann kannte, fragte angesichts der Größe der geplanten Herberge, ob dieses Hotel über so viele Einzelzimmer verfüge. Daraufhin bekam sie zu hören, dass ihr Chef, außer seinem eigenen Einzelzimmer, nur Doppelzimmer bestellt habe – ›Teamgeist‹ eben.

Es war also bereits alles entschieden. Warum nur hatte das Kollegium nie den Mut, diese einsamen Entscheidungen gemeinsam zu boykottieren? Dann säße der Herr Rektor dumm da, mit seinen sieben Hotelzimmern.

»Frau Germann!«, rief er plötzlich, noch immer ein paar Nuancen zu laut. Was hatte sie denn jetzt schon wieder verbrochen? Waren ihre Gesichtszüge zu deutlich entgleist?

»Ja?«, fragte sie, nichts Gutes erwartend.

»Ihr Mann ist doch Busfahrer.«

»Ja?«

»Dann organisieren Sie den Bus!«

Das war keine Bitte, es war ein Befehl. Daher verzichtete Susanne auch auf eine dezidierte Antwort und quetschte nur ein widerwilliges ›Okay‹ hervor. Allerdings überlegte sie sofort, dass, wenn ihr Mann den Bus fuhr, sie das Doppelzimmer mit ihm teilen konnte. Ein Gedanke, der ihr, aufgrund der ansonsten ›kollegialen‹ Alternativen, sehr gut gefiel. Außerdem hätte sie ihn dabei und zu zweit sah dieses Horrorwochenende doch gleich ganz anders aus. Zwar, so gingen ihre Überlegungen weiter, würde er nicht gerade erfreut sein, ein komplettes Lehrerkollegium zu kutschieren. Anderseits war er Reisebusfahrer mit Leib und Seele. Zudem führte die Fahrt in seine ehemalige Heimatregion, was ihm vielleicht sogar gefallen könnte, hatte diese ihn doch lange nicht mehr gesehen.

Es war nicht ganz einfach gewesen, den Urschwarzwälder ins Saarland zu verpflanzen. Aber damals hatte es keine andere Lösung gegeben, wollten sie zusammenleben. Inzwischen war Hannes aus dem Bliesgau nicht mehr wegzudenken.

»Wir sind uns also einig«, ertönte erneut die nervende Stimme des Rektors und riss Susanne aus ihren Gedanken. »Freitag in drei Wochen geht es los. Informieren Sie bitte Ihre Klassen über diesen unterrichtsfreien Tag. Wenn Sie nichts mehr haben, ist die Dienstbesprechung hiermit beendet.«

Eiligst verließen alle anwesenden Lehrer das Konferenzzimmer. Erst draußen, auf dem Weg zu den Autos, begann die zu erwartende Diskussion.

»Was denkt der sich eigentlich?«, hörte man die empörten Ausrufe.

»So kann er doch nicht mit uns umgehen!« und »Das macht der doch immer so.«

So und so ähnlich machte jeder seinem Unmut Luft. Susanne stank es wieder einmal: »Und warum habt ihr das nicht eben da drin gesagt?«

»Du hast ja auch nichts gesagt«, verteidigte sich Melanie Jacoby, die Klassenlehrerin der anderen vierten Klasse an der Hauptstelle der Schule.

»Aus gutem Grund«, erwiderte Susanne. »Ich hab mir schon zu oft den Mund verbrannt und ihr habt mich im Regen stehen lassen oder seid mir sogar in den Rücken gefallen. Außerdem, was soll ich dagegen sagen? Ich habe keine Kinder und mein Mann wird angesichts der Sachlage mitkommen müssen. Da fehlen mir ja wohl alle guten Argumente, oder?«

Damit verabschiedete sie sich kurzerhand, setzte sich in ihr Auto und fuhr nach Hause. Mit den meisten der Kollegen hatte sie sowieso nicht viel zu tun, denn sie unterrichtete an der ›Blumenbergschule‹ in Webenheim, der Dependance der Blieskasteler Grundschule.

Nachdem die Schülerzahlen massiv gesunken waren, erfolgten im Saarland vor einigen Jahren zahlreiche Schulzusammenlegungen. In man­chen Fällen bekam eine Schule eine sogenannte Dependance. Das ist der vornehme Ausdruck einer Zweigstelle oder Filiale, der die Frank­reichnähe des Saarlandes dokumentiert. So war die ›Blumenbergschule‹ in Webenheim der ›Schwarzweiherschule‹ in Blieskastel, die teil­weise zweizügig lief, unterstellt worden. Da die Dependance ausschließlich von ortsansässigen Kindern besucht wurde, gab es dort nur ins­gesamt vier Klassen. Susanne hatte es somit nur mit drei weiteren Kollegen und der Konrektorin, Anita Müller-Thiele zu tun. Neben ihr und Heidi Wagenknecht unterrichteten dort noch Markus Kesper, ein Casanova, der sehr von sich über­zeugt war, und die Personalrätin der Schule, Brigitte Sommer-Thes. Von der Hauptstelle kamen für einige Wochenstunden die Referen­darin Iris Schneider und die zuweilen etwas ›übermobile‹ Kraft, Christine Marcreiter, nach Webenheim. Alle anderen Kollegen aus Blies­kastel traf Susanne nur auf Konferenzen und verschiedenen schulischen Veranstaltungen. Für ihren Geschmack war das mehr als genug.

Mordgelüste

Zu Hause ließ Susanne ihre Wut am Abendessen aus. Der Salat wurde nicht gewaschen, sondern ersäuft, die Kräuter dafür massakriert statt gehackt. Dabei schimpfte sie lautstark vor sich hin.

»Was ist denn hier los?« Ihr Mann Hannes kam soeben zur Haustür herein und streckte ob der bizarren Geräusche vorsichtig den Kopf durch die Küchentür.

»Was los ist?« Susanne konnte sich immer noch nicht beruhigen. »Ich hatte Dienstbesprechung, das ist los.«

Ihr Mann nahm es in typisch Hannes`scher Manier: »Das ist doch kein Grund, mein Abendessen zu ermorden.«

»Doch«, kam es zurück, »ich kann mir dabei so schön meinen Rektor vorstellen. Der ist genauso sensibel wie dieser Salatkopf.«

Während sie noch auf das Schneidebrett eindrosch, erzählte sie von der sehr einseitigen Konferenz.

»Ach!«, jetzt war auch Hannes verstimmt. »Und über mich bestimmt er gleich mit?«

»Ganz so ist das nicht«, schränkte seine bessere Hälfte ein. »Ich soll nur die Busfahrt organisieren. Und da dachte ich, dann kannst auch du fahren. Erstens macht es die Sache für mich erträglicher. Zweitens geht es in den Schwarzwald, deine Heimat.«

»Ich weiß ja gar nicht, ob ich Zeit habe.« Hannes war, wie Susanne bereits befürchtet hatte, nicht begeistert.

Sie entgegnete ungerührt: »Doch, hast du. Ich habe gleich im Kalender nachgesehen. An dem Wochenende liegt nichts an. Ich könnte dann das Doppelzimmer mit dir teilen und du würdest das Geld verdienen, das ich dafür zahlen muss.«

Susanne beförderte die kleingeschnetzelten Salatfetzen in die bereitstehende Schüssel, sodass das Dressing nur so durch die Küche spritzte.

»Na, mal sehen«, meinte Hannes mit einem letzten Blick auf sein bedauernswertes Abendessen. Dann verließ er vorsichtshalber den akuten Gefahrenbereich. Die Aussicht, zwei Tage mit so vielen Lehrern verbringen zu müssen, konnte ihm wirklich keine Begeisterungsstürme entlocken. Die Schulmeisterei, die unter dieser Spezies herrschte, kannte er nur zu gut. Im Normalfall drückte er sich gern, wenn ihm Schulfahrten angeboten wurden. Viele der Lehrer konnten alles besser, wussten alles besser und hielten einen Busfahrer sowieso für geistig minderbemittelt.

»Wann gibt’s denn jetzt Essen?«, rief er sicherheitshalber lieber erst aus dem Treppen­haus.

Susanne seufzte. Wie konnte man bei diesem Ärgernis nur an Essen denken? Ihr jedenfalls war der Appetit vergangen.

Alltagsgeschäfte

Noch immer schlecht gelaunt betrat Susanne am nächsten Morgen das Schulhaus der Dependance in Webenheim. Das Wissen, dass heute zusätzlich die ungeliebte Nachmittagsbetreuung auf ihrem Stundenplan stand, zog sie obendrein runter. Kam sie wieder einmal nicht vor halb vier nach Hause …

Galt der Lehrerberuf in der Öffentlichkeit als gut bezahlte Halbtagsstelle mit dreizehn Wochen Ferien, war die Realität längst eine andere. In den letzten Jahren kamen immer mehr Aufgaben und Pflichten für die Lehrer hinzu. Nur hatte man vergessen, das Gehalt entsprechend an­zupassen. Im Gegenteil: Durch Aufstockung der Wochenstundenzahl sowie Kürzungen der Beihilfe auf Krankenkassenniveau und Kostendämpfungspauschale hatte es eher eine aktive Gehaltskürzung gegeben. Außerdem kam durch die freiwillige Ganztagsschule auch noch die Betreuung der Hausaufgaben am Nachmittag zu den Vormittagsstunden hinzu. Im Prinzip entsprach diese einer bloßen Kinderaufbewahrung, denn man durfte die Hausarbeiten lediglich auf ihre Vollständigkeit hin kontrollieren. Erklär­ungen waren nicht gewünscht, da die Kinder, die diese Betreuung nutzten, ansonsten Vorteile gegenüber denen hatten, die nach dem Unterricht nach Hause durften. Dennoch waren für diese Kontrollregelungen Lehrerstunden vorgesehen. Nein, Lehrer zu sein, machte keinen Spaß mehr. Dieses Resümee zog Susanne mittlerweile.

Ähnlich schien es auch ihre Kollegin Heidi Wagenknecht zu sehen, die sie auf der Treppe zum Lehrerzimmer traf. Die zierliche Dunkelhaarige sah blass und unglücklich aus.

»Morgen, Heidi, was ist los? Geht’s dir nicht gut?«, begrüßte Susanne die Kollegin, die seit Beginn dieses Schuljahres die dritte Klasse betreute.

»Morgen, Susanne, nein, ich fühle mich nicht so gut. Aber es geht schon.« Heidi stieg die Treppe weiter hoch.

›Richtig‹, fiel Susanne ein. Heidi hatte ja immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Dr. Küchenmeister hatte das Kolle­gium ja noch Ende letzten Schuljahres genau darüber informiert, dass eine neue Kollegin käme, die öfter mal krank sei. Einen Burnout hätte sie gehabt. Zwar wusste Susanne, was ein Burnout war, nur vorstellen konnte sie sich darunter nichts Genaues. Aber so wie ihr Rektor das Wort ›Erschöpfungszustand‹ ausgesprochen hatte, hörte es sich an, als sei die neue Kollegin einfach nur stinkfaul.

Diesen Eindruck teilte Susanne gar nicht. Was deren Klasse anging, schätzte sie Heidi sogar als besonders engagiert ein. So beteiligte diese sich öfter an Wettbewerben, die für Schulklassen ausgeschrieben wurden. Während diese Aktionen Susanne oftmals als zu aufwändig empfand, hatten Heidis Schüler schon den einen oder anderen Preis dabei gewonnen. Darüber schwieg Dr. Küchenmeister aber in der Regel. Einen Flohmarkt, den die Kollegin mit ihrer Klasse organisierte, hatte er sogar regelrecht boykottiert. Dabei wollte Heidi damit nur die Klassenkasse aufbessern, denn im Lehrplan standen, neben der traditionellen Saarlandfahrt, noch andere kostspielige Exkursionen. Aber Dr. Küchenmeister ignorierte gern die Aktivitäten seiner Dependance. Vertrat er doch die Meinung, sie müsse als Brennpunktschule einen schlechten Ruf haben.

Mitleidig sah Susanne zu ihrer Kollegin.

»Sag mal, Heidi«, fragte sie, »du hast doch heute auch Betreuung? Wollen wir in der Mittagspause zusammen Kaffee trinken gehen?«

Die Kollegin nickte zustimmend. »Ich habe heute fünf Stunden.«

»Ich auch«, freute sich Susanne. »Dann also kurz nach halb eins. Irgendwie müssen wir die anderthalb Stunden bis zur ›freiwilligen‹ Betreuung ja totschlagen. Ich hasse diese Tage. Bis später also.«

Susanne betrat das Lehrerzimmer und reihte sich in den morgendlichen Stau am Kopierer ein.

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Dachbodenkinder – Simone Weber (Sofort lesen) Noch keine Bewertung

5 Kurzgeschichten, die Sie um Ihre Nachtruhe bringen könnten. Sie lesen von: Kindern, die einfach so verschwinden und über einen hungrigen Jungen. Gibt es eigentlich perfekte Morde? Und haben wir nicht alle Angst davor, vergessen zu werden? Lesen Sie selbst ...

Dachbodenkinder - Tom wird von seinen Eltern nicht beachtet. Nach einem Umzug in ein neues Haus entdeckt er auf dem Dachboden alte Schaufensterpuppen. Haben diese Puppen etwas mit seinem Verschwinden zu tun?

***

Dachbodenkinder

Kapitel 1

»Schau mal Mama, mein Flugzeug, schau doch mal!«, rief Tom aufgeregt seiner Mutter entgegen.

»Ja, ganz toll, mein Schatz«, antwortete sie mit einem halbherzigen Blick auf ihren Sohn.

»Du guckst ja gar nicht richtig!«, beschwerte er sich.

»Tommy, bitte, geh in deinem Zimmer spielen, ich habe gerade keine Zeit für so etwas. Du siehst doch, dassich am Einpacken bin.«

Tom war enttäuscht. Seit seine Mutter wieder angefangen hatte zu arbeiten, hatten sein Vater und seine Mutter kaum noch Zeit für ihn. Zwar arbeitete seine Mutter von zu Hause aus, doch sobald sie an ihrem Schreibtisch saß, war sie quasi nicht mehr ansprechbar. Mit hängendem Kopf und schweren Schultern ging er in sein Zimmer.

'Geh in deinem Zimmer spielen', hatte Mama gesagt. Tom fragte sich, womit er spielen sollte? Außer seinem Flugzeug war doch schon alles in Kisten und Kartons verpackt. Immerhin war morgen schon der Umzugstermin. Tom wollte nicht in das neue Haus. Er mochte sein altes Zimmer ganz gern. Traurig setzte er sich auf sein Bett. Papa hatte ihm erklärt, dass es in dem neuen Haus viel mehr Platz gibt, als in der Wohnung, in der sie jetzt wohnten. Außerdem war noch ein richtig schöner Garten dabei, in dem sie bestimmt ganz oft, zumindest an den Wochenenden, zusammen Fußball spielen können. Tom glaubte nicht an diese Versprechungen. Sein Vater hatte so schon kaum Zeit für ihn und am Wochenende wollte er lieber seine Ruhe haben, damit er sich von der anstrengenden Woche erholen konnte. Warum sollte sich das in dem neuen zu Hause ändern? Bei Mama war es nicht anders. Im Gegenteil. Bisher hatten Tom und sie richtig tolle Spiele gespielt, wenn Papa auf der Arbeit war. Jetzt aber, da sie selbst auch wieder arbeiten ging, hatte sich ihre Zeit für ihn drastisch verkürzt. Jetzt hatte auch sie kaum noch Lust mit ihm zu spielen, weil sie dauernd zu müde war, wie sie sagte. Nicht einmal mit Oma und Opa war noch etwas anzufangen. Alle waren nur noch mit einpacken und ausmisten beschäftigt. Gelangweilt legte Tom sich auf sein Bett, kreuzte die Arme unter seinem Kopf und starrte an die Decke. Er versuchte sich wenigstens vorzustellen, wie es in dem neuen Haus werden würde. Bisher kannte er das Haus nur aus den Erzählungen seiner Eltern. Gesehen hatte Tom es noch nicht. Über seine Gedanken hinweg schlief Tom ein.

Er hatte seine Augen noch nicht lange geschlossen, als seine Mutter an der Tür klopfte, um Tom zum Abendessen zu holen. Als sie sah, wie friedlich ihr Sohn auf dem Bett lag, verwarf sie den Gedanken und ging ohne ihn in die Küche.

»Tom schläft wie ein Stein«, sagte Andrea kichernd zu ihrem Mann, der schon bereit für das Abendessen am Esstisch saß.

»Ich wollte ihn nicht wecken. Sein Gesichtsausdruck ist so zufrieden und ruhig.«

»Na, dann lass den Jungen schlafen. Er hat immerhin einen aufregenden Tag vor sich«, antwortete Peter.

»Ich muss gestehen, nach dem Essen verschwinde ich wohl auch gleich im Bett. Und dir dürfte es auch nicht schaden, dich vor dem großen Tag noch etwas auszuruhen.«

Sie unterhielten sich wenig während des Essens. Nur die nötigsten Absprachen, wie der nächste Tag verlaufen sollte, wurde besprochen. Kaum hatten sie ihre Teller geleert, räumten sie alles gemeinsam fort und fielen danach tatsächlich fast gleichzeitig in ihre Betten.

Kapitel 2

Schon sehr früh am nächsten Morgen waren alle fleißig damit beschäftigt die letzten Kleinigkeiten

einzupacken. Alsbald waren die letzten Kartons und Kisten im Auto verstaut.

»Na dann, ab in neue Gefilde!«, rief Peter freudig. Er konnte es kaum noch erwarten, endlich aufzubrechen.

»Einen Moment noch«, wandte Andrea ein. »Wir haben noch etwas vergessen.«

»So? Und was sollte das sein?«, erkundigte Peter sich neugierig. Seines Wissens nach hatte er alles, was sie nicht dem Möbeltransporter mitgegeben hatten, in den Wagen gepackt. Er hatte nichts zurückgelassen. Die komplette Wohnung war leer geräumt.

»Dein Sohn fehlt noch, du Oberheld!«, antwortete Andrea lachend, während sie schon auf dem Weg zurück zum Haus war. »Ich hole ihn, steig du nur schon einmal ein, damit wir hier endlich wegkommen.«

Andrea freute sich auf das neue Haus. Sie freute sich über das große Platzangebot dort und den angelegten Garten drum herum. Und doch wurde ihr Herz ein wenig schwermütig, als sie jetzt an diesen kahlen Wänden vorbei schritt. Erst jetzt viel ihr auf, wie viele Erinnerungen, in diesen Zimmern zurückblieben. Tom mussten ähnliche Gedanken bedrücken. Andrea fand ihn in seinem Zimmer mit dem Kopf an eine Wand gelehnt. »Da bist du ja, mein Schatz. Komm, Papa wartet im Auto auf uns.«

Tom hob seinen Kopf ein kleines Stück von der Wand weg. Traurig schaute er seine Mutter an und fragte: »Bist du sicher, dass im neuen Haus alles besser wird, als hier? Ich meine, hier kenne ich mich in der Umgebung aus. Hier weiß ich, wo alles ist und kann alleine spazieren gehen und dort? Wie soll ich wissen, was ich dort machen kann, wenn ihr nicht zuhause seid?«

»Das wird schon. Wenn du dich erst einmal eingelebt hast, findest du dich schon zurecht. Bestimmt findest du auch ganz schnell Freunde. Ich habe gehört, es soll dort ganz viele Kinder in deinem Alter geben«, antwortete Andrea augenzwinkernd.

Arm in Arm kamen Andrea und Tom bei dem vollgepackten Wagen an. Sie stiegen ein. Andrea vorn, Tom auf der Rückbank hinter seinem Vater, der ungeduldig am Zündschlüssel klapperte. Jetzt konnte die Fahrt endlich losgehen. Peter drehte den Zündschlüssel vollends um, schaltete das Radio ein und sagte: »Nur noch knapp 200 Kilometer und schon sind wir am Ziel.«

Kapitel 3

Tom war während der Fahrt auf der eintönigen Autobahn so langweilig geworden, dass er eingeschlafen war. Er wunderte sich sehr, als er seinen Vater plötzlich sagen hörte: »Wach auf, kleiner Mann, wir sind da.«

Zuerst dachte Tom, sein Vater meinte den ersten Stopp an einem Rasthof. Da die Straßen aber relativ frei waren und es auch sonst keinen Grund zum Halten gegeben hatte, war Peter geradewegs durchgefahren. Seine Mutter hatte sogar schon angefangen die ersten Sachen aus dem Kofferraum zu holen und stellte sie neben das Auto. »Na los doch. Steig schon aus und hilf mir!«, forderte Andrea ihren Sohn auf. Mühsam schälte Tom sich aus seinem Sitz heraus. Er griff sich einen Rucksack und eine kleine Tasche, die Andrea ihm bereitgestellt hatte und ging durch den großen Vorgarten auf das Haus zu. Jetzt erst bemerkte Tom, wie riesig das Haus war. Und schrecklich alt! Er musste tatsächlich einige Schritte zurückgehen, um die komplette Front des Gebäudes betrachten zu können. Peter hatte weitere Kartons aus dem Kofferraum geholt und schleppte sie gerade an Tom vorbei.

»Von innen ist es noch viel toller. Komm, und schau es dir an«, schnaufte er seinem Sohn entgegen.

Tom setzte sich wieder in Bewegung. Als er durch die Haustür ins Innere trat, ließ er vor Erstaunen die Taschen langsam sinken. Der Eingangsbereich war enorm. Das war schon kein Flur mehr. Das hier glich eher einer Halle! Wenn alle Räume solche Ausmaße hatten, würde er sich die erste Zeit bestimmt dauernd verlaufen.

»He, mach den Mund zu, sonst kommen noch Fliegen hinein!«, rief Andrea lachend, als sie ihren Sohn, noch immer wie erstarrt, im Eingangsbereich stehen sah. »Schau dich um, Papa und ich räumen das Auto schon leer. Der Möbelwagen kommt sicher auch bald an.«

Der Junge ging den Flur im Erdgeschoss entlang. Zur rechten Hand befand sich eine geräumige Küche, gefolgt von einem ebenso geräumigen Badezimmer. Zur Linken befand sich ein Treppenaufgang, der in den ersten Stock hinauf führte, eine Tür, durch die man in den Keller hinunter gelangte und ein riesengroßes Wohnzimmer. Tom empfand die leeren Räume nicht sehr einladend, aber wenn sie erst einmal eingerichtet waren, würde sich das hoffentlich ändern. Langsam trottete er die Stufen hinauf, um sich in den oberen Räumen umzuschauen. Den Anfang, wieder von der rechten Seite aus, machte ein kleines Badezimmer, dem das Schlafzimmer seiner Eltern folgte. Auf der linken Seite waren zwei große Zimmer zu sehen, die sogar eine Verbindungstür hatten. Hatte Mama nicht gesagt, dass das Schlafzimmer rechts lag? Tom überlegte gerade, für welchen Zweck dann jedoch die Verbindungstür sein sollte, als seine Mutter plötzlich neben ihm auftauchte. Fragend schaute er sie an. Andrea lächelte und sagte: »Na, jetzt hast du die Überraschung ja schon gefunden.«

Tom verstand nicht, was sie damit meinte, also erklärte Andrea: »Das eine Zimmer soll dein Schlafraum werden, das andere ein Spielzimmer. Ist das nicht eine tolle Idee?«

Erstaunt riss Tom die Augen weit auf. So viel Platz für ihn allein? Obwohl, überlegte Tom weiter. Seine Eltern hatten ihm ja versprochen, dass sie in dem neuen Haus mehr Zeit mit ihm verbringen würden. Und so, wie es jetzt aussah, schienen sie ihr Versprechen wirklich einzulösen. In seine Gedanken hinein hörte er seinen Vater rufen. »Der Möbelwagen ist da. Bleib ruhig hier. Du kannst dir ja schon einmal überlegen, welches Zimmer dann wie eingerichtet werden soll«, sagte Andrea und eilte die Stufen hinunter. Tom stand noch immer im oberen Flur. Er schwankte hin und her, ob er sein Schlafzimmer lieber im hinteren, oder im vorderen Raum haben wollte. Noch immer unschlüssig darüber ließ er seinen Blick über die Flurdecke gleiten, bis er an etwas hängen blieb. Ein einsamer Ring mit einem Seil daran schaute daraus hervor. »Was ist das denn?«, wunderte er sich. In diesem Moment drangen ihm Stimmen entgegen. Sein Vater kam, mit den Möbelpackern im Schlepptau, die Treppe hinauf und erklärte den Männern die Räumlichkeiten. »Und wohin die Sachen meines Sohnes kommen, das können wir ihn gleich fragen«, sagte Peter lächelnd, als er seinen Sohn erblickte.

»Guten Tag!«, begrüßte Tom die Männer. »Ich hätte gerne mein Bett im hinteren Zimmer und meine Spielsachen vorne. Was ist das für ein Seil, Papa?«, sprach er, ohne Luft zu holen und deutete auf die Öse in der Decke. Peter schaute dem Finger seines Sohnes hinterher. »Das, junger Mann, ist dafür, um einen Aufstieg zum Dachboden zu öffnen. Das klang spannend, fand Tom. »Darf ich mir den anschauen?«, fragte er. Peter wollte mit den Möbelpackern endlich anfangen, die Sachen ins Haus zu holen, also sagte er: »Ja, ich zieh dir die Klappe herunter, aber sei vorsichtig da oben.« Kaum hatte er die Luke geöffnet, klappte eine Treppe herunter. »Irgendwo in der Nähe muss ein Lichtschalter sein«, sagte Peter und wandte sich wieder den Männern zu. Gemeinsam verließen sie das obere Stockwerk und Tom war wieder allein. Vorsichtig stieg er die wenigen Stufen hinauf. Als sein Kopf durch das Loch in der Decke hindurch war, sah er tatsächlich schon einen Lichtschalter. Er befand sich an der Wand direkt vor ihm. Tom stieg vollends nach oben, langte nach dem Schalter und versuchte sein Glück. Nachdem er den Schalter betätigt hatte, dauerte es einen kleinen Augenblick, bis die Lampe reagierte. Viel heller wurde es allerdings nicht. Tom konnte nicht sehr weit in den großen Bereich hineinschauen. Was er aber ganz genau sehen konnte, war, dass alles ziemlich verstaubt und verdreckt war. Er glaubte nicht, dass hier oben etwas für ihn Interessantes war. Enttäuscht wollte er eben den Rückzug antreten, als er ein leises Flüstern hörte.

»Warum geht er denn schon wieder? Ich hatte gehofft, dass endlich jemand zum Spielen kommt.«

»Pst! Sei still, sonst erschreckst du ihn noch!«

»Hallo?«, rief Tom vorsichtig. Er bekam keine Antwort. »Ich komme mit mehr Licht zurück«, warf er vorsichtshalber in den weiten Raum und kletterte die Stufen hinab. Die Luke ließ er offen, damit er kommen und gehen konnte, wann er wollte und nicht jedes Mal seine Eltern um Hilfe bitten musste.

Erstaunt stellte Tom fest, dass die Umzugsleute schon all seine Sachen in seinem Zimmer verteilt hatten. Die Möbel standen an ihrem Platz, so wie seine Mutter sie haben wollte. Da es Tom egal war, wo was stand, befand er die Aufteilung für gut. Und wenn nicht, könnten sie das ein oder andere auch später noch umstellen. Einzig seine Spielsachen und die Kleidung waren noch in einer Menge Kisten, die er selbst einräumen durfte. Wie lange war er denn auf der Dachbodentreppe gewesen? Hastig warf er einen Blick durch das Treppengeländer. Im unteren Teil des Hauses waren alle noch mit hin und her räumen beschäftigt. »Super, da kann mich sowieso niemand dabei gebrauchen«, freute Tom sich und verschwand in seinem Zimmer. Er begann seine Kisten und Kartons zu durchwühlen, doch das, wonach er suchte, wollte einfach nicht auftauchen. »Also gut, dann muss ich wohl doch der Reihe nach gehen«, murmelte er in sich hinein, zog den ersten Karton zu sich heran und schaute hinein. »Mist, bloß Klamotten! Aber einräumen muss ich sie ja doch.« Kleidungsstück für Kleidungsstück fand seinen Platz im Kleiderschrank und endlich war die Kiste leer. In der nächsten Kiste, die Tom öffnete, fand er seine Bücher und einige Stofftiere. Er räumte die Bücher in ein Regal, platzierte die Stofftiere dazu und schon war auch dieser Karton geleert. Als er die dritte Kiste schon fast hoffnungslos aufklappte, stahl sich ein Lächeln in sein Gesicht. »Da bist du ja endlich!« Er griff zwischen weiteren Stofftieren hindurch und direkt nach der Taschenlampe, die sich zum Schutz zwischen den Tieren befand. Ein kurzer Test zeigte ihm, dass die Batterien noch vollständig geladen waren. Den Rest ließ Tom ungeachtet einfach stehen. Er eilte zu der Dachbodentreppe zurück und stieg langsam nach oben.

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Mörderische Geschichten-Es kann jeden treffen | Elvea Crimetime (Sofort lesen) Noch keine Bewertung

DRINGENDE WARNUNG!!!
Ob im Süden, Norden, Osten oder Westen dieses Landes, überall morden und meucheln die Autoren und Autorinnen des Elvea Verlages, was ihnen unter die Feder kommt.
Haben Sie schon einmal nachgesehen? Sie sollten es tun. Vielleicht im Haus oder schauen Sie Ihrem Partner, Ihrer Partnerin einmal intensiver in die Augen. Es könnte sonst auch Sie treffen. Was genau? Dieses Buch könnte Sie retten. Denn - es kann jeden treffen.
Diese Mörderische Geschichten schrieben für Sie: Claus Beese, Alexander Brummer, Antje Haugg, JM Holland, Carsten Kupka, Daria Robjani, Heike Susanne Rogg, Michael Suhr, Werner Thieke und Simone Weber.

***

Mord in Kamerun

Antje Haugg

Die Sonne war leuchtend orangerot über Kamerun aufgegangen, ein paar Schritte über den Himmel gewandert und hatte auf ihrem Weg einen blassgelben Farbton angenommen. Der frühe Morgen hatte schon einen wunderschönen, warmen und gleißend hellen Sommertag versprochen, und er hielt Wort.

Mittlerweile waren die Morgengesänge der Vögel ver­stummt, intensives Grillenzirpen hatte sie abgelöst. Die um­stehenden Bäume spendeten ein wenig Schatten und Kühle, aber nicht genug. Die Hitze würde am späten Nachmittag unerträglich werden. Es hatte lange nicht geregnet, sodass die spärlichen Grashalme beleidigt ihre Spitzen hängen ließen und eine kränklich-braune Färbung aufwiesen.

Ebenfalls eine kränklich-braune Färbung wies der Wirt auf, der vor seiner Ausflugsgaststätte ›il Tramonto‹ im Gras lag. Eine Grille saß auf seiner Nasenspitze und zirpte ihm einen hysterisch anmutenden Totengesang. In seiner Brust steckte ein großer Wurfspeer, dessen nicht blutbeflecktes Ende wie der Zeiger einer Sonnenuhr zum Himmel auf­ragte.

Wesentlich hysterischer noch als die Nasenspitzengrille kreischte die Frau auf, die soeben zur Witwe geworden war, als sie ihren Mann in diesem Zustand entdeckte. Und dieses Kreischen sollte so schnell nicht aufhören …

***

Kriminalhauptkommissarin Julia Lehmann kaute gelangweilt auf dem Ende ihres Kugelschreibers herum, während ihr Kollege Stefan Siems ihr gegenüber an seinem Schreibtisch saß und sie amüsiert beobachtete. In der Ecke ihres Büros surrte ein Standventilator, ohne viel zu bewirken. Die stickige Luft waberte dickflüssig durchs Zimmer und erschwerte das Atmen. Die Hitze war hier in der Bayreuther Innenstadt schon am späten Vormittag schier unerträglich. Es war der heißeste Juli seit Jahren, und außerdem der trockenste. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet, und die Festspielstadt lechzte wenige Tage vor der Premiere regelrecht nach Regen und Abkühlung. Vergeblich – keine Aussicht auf ein Gewitter oder gar ein richtiges Tief. Niemand bewegte sich mehr als nötig, alle schleppten sich lethargisch durch die Tage. Sogar die Verbrecher schienen Sommerferien zu machen: Es passierte so gut wie gar nichts, nicht einmal simple Taschen- und Trickdiebstähle wurden gemeldet. Dementsprechend unterbeschäftigt saßen die beiden Kriminalbeamten an ihren Tischen. Der Nordbayerische Kurier von heute war bereits gelesen, sie waren also zu untätigem Warten auf den Feierabend verurteilt, denn auch der leidige Papierkram war schon aufs Laufende gebracht.

Als sich das schrille Klingeln des Telefons seinen Weg durch die zähe Luft bahnte, schreckten beide hoch und jeder versuchte, als Erster den Hörer zu erwischen. Stefan war einen Tick schneller als Julia und streckte ihr triumphierend die Zunge heraus, bevor er sich meldete. Doch dann wurde er sehr schnell ernst.

Nach wenigen Minuten, die sich für Julia endlos dehnten, legte er auf und winkte ihr aufzustehen.

»Arbeit, Julia – wir müssen nach Kamerun. Da liegt eine Leiche, mit einem Speer aufgespießt.«

Er angelte nach dem Autoschlüssel und wartete mit einem Anflug von Ungeduld auf seine Kollegin, die noch eine lauwarme Flasche Mineralwasser aus ihrer Schublade holte, bevor sie ihm folgte.

Gerade wollten sie zur Zimmertür hinaus, als diese von außen so schwungvoll aufgerissen wurde, dass Stefan sie beinahe an den Kopf bekommen hätte. Im letzten Moment ging er einen Schritt zurück, und das war auch gut so, sonst hätte ihn Staatsanwalt Strasser wohl über den Haufen gerannt. Strasser, den alle hinter vorgehaltener Hand ob seiner Körpergröße nur den Bonsai nannten, schnarrte sofort wü­tend los:

»Sagen Sie mal, was ist denn das nun wieder für ein schlechter Scherz?!? Ist da jemandem die Hitze nicht bekommen? Was haben wir denn bitteschön mit einem Mord in Kamerun zu schaffen? Müssen wir demnächst auch nach Syrien oder Afghanistan, wenn dort jemand umgebracht wird? Ich verbitte mir solche Anrufe!«

Julia schnaufte genervt durch. Jedes Mal war es dasselbe mit Strasser: Er schaffte es innerhalb von fünf Sekunden, sie auf die Palme zu bringen. Auch heute wieder. Und wie meistens war sie nur zu bereit, sich mit dem Bonsai anzulegen.

»Herr Strasser, darf ich Sie darauf hinweisen, dass dieser Anruf nicht von uns kam, sondern von der Leitstelle? Und davon abgesehen: Sie leben jetzt doch auch schon seit drei Jahren in Bayreuth – da müssten Sie mittlerweile auch wissen, dass es nach Kamerun keine fünf Kilometer sind. Von daher in unserem Zuständigkeitsbereich, und deswegen fahren wir jetzt hin. Also halten Sie uns bitte nicht von unserer Arbeit ab – Sie sind es doch, der es nie erwarten kann, dass endlich Ergebnisse auf dem Tisch liegen.«

Mit diesen Worten rauschte sie an Strasser vorbei und hinaus in die drückende Hitze, gefolgt von ihrem grinsenden Kollegen Stefan. Undeutlich war eine laut knallende Tür zu hören, der Schall schien in der heißen Luft stecken zu bleiben.

»Das war der Bonsai – jetzt ist er wieder auf 180«, kommentierte Stefan und öffnete die Autotür. Sie wichen zurück, da drin war es tatsächlich noch wärmer, obwohl das Auto im Schatten geparkt war.

Es half nichts: Sie mussten hinein und zum Tatort fahren. Julia fluchte leise, als sie das brennend heiße Gurt­schloss anfasste. Sie öffneten sämtliche Fenster und fuhren los, über die Nürnberger Straße in Richtung Wolfsbach auf die Bundesstraße und dann links in den Wald hinein, zu der idyllisch gelegenen Ausflugsgaststätte Kamerun, auf einer versteckten Waldlichtung, umgeben von hohen Bäumen, die Schatten spendeten – ohne heute Abkühlung zu ver­schaffen.

Kurz nachdem sie in den Wald abgebogen waren, bemerkte Julia einen etwa einen Meter großen, auberginefarbenen, dirigierenden Wagner, der am Straßenrand auf einem Sandsteinquader stand. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Diese Hörlfiguren standen doch wirklich überall! Der Künstler hatte, nachdem seine hundertfach angefertigten Russhunde, Wagners Lieblingshund, sehr erfolgreich gewesen waren, nachgelegt und den Meister selbst in großer Stückzahl und einer gewöhnungsbedürftigen Farbauswahl in ganz Bayreuth verteilt.

Noch bevor sie die Leiche sahen, wies ihnen der Schaft eines großen Wurfspeers den Weg, und direkt daneben sahen sie Doktor Kollrab werkeln, der den Toten bereits untersuchte. Er nickte den beiden Beamten freundlich zu, wie immer fasziniert von seiner Arbeit.

»Grüß Gott miteinander! Sehen Sie nur: Der Mörder hat ganze Arbeit geleistet. Ein Volltreffer mitten ins Herz, und das mit diesem Speer. So wie ich es einschätze, aus Distanz geworfen. Das muss ein Profi gewesen sein, der hat nicht zum ersten Mal so ein Gerät in der Hand gehabt. Und ich gehe davon aus, dass der Täter ein Mann war – oder eine professionelle Speerwerferin. Da steckt Kraft dahinter.«

Kollrab bückte sich und zeigte auf die Brust des Toten, die schwarz war von getrocknetem Blut.

»Der Mann musste nicht leiden. Ich schätze mal, bevor er überhaupt wusste, was los ist, war er schon tot.«

Er strahlte Julia regelrecht an. Es war unglaublich, wie sehr Kollrab in seiner Arbeit aufging.

Julia nickte ihm zu und fragte: »Weiß man, wer der Tote ist?« Ein Streifenbeamter, der sich bisher dezent im Hintergrund gehalten hatte – Julia kannte nur seinen Vornamen Michel – , kam jetzt hinzu und übergab Julia einen Personalausweis.

»Der steckte in seiner Gesäßtasche. Offenbar ist das der Wirt, Angelo di Lorenzo. Seine Frau hat uns angerufen, der Kollege Brunner sitzt mit ihr innen in der Gaststube und befragt sie. Sie war komplett durch den Wind, deswegen ist er mit ihr rein, damit sie das Bild nicht ständig vor Augen hat.« Er machte eine vage Handbewegung in Richtung Haus. »Wenn ich dann nicht mehr gebraucht werde … ich müsste zum nächsten Tatort.«

Julia blickte ihm erstaunt ins Gesicht. »Wie jetzt? Erst passiert tagelang überhaupt nichts, und dann gleich zwei Einsätze gleichzeitig?«, fragte sie verblüfft.

Michel nickte und begann zu grinsen. »Ja, und wenn man so will, auch wieder Mord. Nur diesmal an Gartenzwergen.«

»Gartenzwergen.« Julia war so verdattert, dass sie das Wort nicht einmal mehr als Frage formulierte.

»Irgendein Irrer hat in den 99 Gärten angeblich alle Gartenzwerge auf einen Haufen getragen und zerschlagen. Und wie auf einem Grabhügel hindrapiert.«

Der Uniformierte schleppte sich durch die Hitze zu seinem Auto zurück und fuhr davon. Julia schüttelte unwillig den Kopf, nicht sicher, ob sie wohl schon an hitzebedingten Wahnvorstellungen litt. Schließlich ging sie in die Gaststube hinein, wo Michels Kollege Brunner gerade die Personalien der Witwe aufgenommen hatte. Sie stellte sich vor und sprach Frau di Lorenzo ihr Beileid aus. Die arme Frau saß vollkommen schockiert und gebrochen auf einem der rustikalen Stühle, ein großes Geschirrtuch in den Händen, das sie abwechselnd zu einem Strang verdrillte und als über­dimensionales Taschentuch verwendete. Kollrabs Beruhigungsspritze hatte ihr Kreischen in leises Weinen abflachen lassen.

»Frau di Lorenzo, können Sie sich das Ganze erklären? Ich meine, hatte Ihr Mann Feinde? Oder gab es einen konkreten Anlass für die Tat, einen Streit vielleicht?«

Wieder schnäuzte sich die Witwe kräftig in das Geschirrtuch, bevor sie stockend antwortete.

»Da war wirklich was. Vor ein paar Tagen hat uns ein Kerl angerufen, seinen Namen hat er nicht gesagt. Und der wollte uns das Anwesen abkaufen. Einfach so, das müssen sie sich mal vorstellen. Ruft an, fällt mit der Tür ins Haus, ohne lange rumzureden, und bietet uns eine halbe Million. Abgesehen davon, dass der Preis lächerlich war – er meinte, wir hätten drei Tage Bedenkzeit. Drei Tage! Natürlich hat mein Mann abgelehnt, als dann der zweite Anruf kam. Aber zuvor hat er gefragt, warum der denn überhaupt unseren Gasthof haben will und sich keinen pachtet. Meinte der doch glatt, er braucht keine Kneipe, was er vorhat, das wäre Kunst, die den Hörl blass werden lässt. Und dann hat er noch was gefaselt von Festspielhäusern und großen Dimensionen. Mein Mann hat gar nicht mehr richtig zugehört und gleich gesagt, wir verkaufen nicht. Dann hat der Kerl gebrüllt, wir würden der Kunst im Weg stehen und hätten die Folgen zu tragen.«

Sie weinte heftiger und schnäuzte sich abermals. Und wieder hatte Julia das Gefühl, hitzebedingt zu halluzinieren. Sie gab sich einen Ruck und hakte nach: »Und warum haben Sie nicht gleich die Polizei informiert, wenn Sie bedroht wurden?«

Erneutes Schluchzen. »Wir haben das doch nicht ernst genommen. Wir haben gedacht, das ist ein Spinner, der sich einen schlechten Scherz erlaubt. Und jetzt ist mein Angelo tot …«

Die weiteren Ermittlungen vor Ort ergaben absolut nichts. Zwar fanden die Beamten die Stelle, wo sich der Täter versteckt gehalten und von wo aus er auch den Speer geschleudert hatte, aber außer zertrampeltem Gras fanden sich dort keine Spuren, schon gar keine verwertbaren. Schließlich räumten sie das Feld und fuhren frustriert zurück in die Stadt. Michels Kollegen, den dieser offensichtlich komplett vergessen hatte in seinem Eifer von einem Tatort zum nächsten zu fahren, nahmen sie mit zur Dienststelle.

Dort erwartete sie zumindest ein Hinweis auf die Tat­waffe: Eine Angestellte des Iwalewahauses hatte angerufen und einen Einbruch gemeldet, bei dem ein Speer gestohlen worden war. Ein Gastgeschenk einer Delegation aus Kame­run, die vor einiger Zeit den Lehrstuhl für Afrikanologie besucht hatte. Die SpuSi war bereits vor Ort und machte das, wonach sie benannt worden war, nämlich Spuren sichern.

Julia seufzte frustriert und öffnete die nächste lauwarme Wasserflasche. Um das Kraut gar fett werden zu lassen, hatte der Getränkeautomat vorgestern seinen Geist aufgegeben, und der Kundendienst war frühestens für morgen angekündigt. Kühlschrank stand natürlich auch keiner zur Verfügung, denn die Ämterkantine war in einem anderen Gebäude untergebracht.

Stefan griff sich eine Akte und fächelte sich damit Luft zu. »Das ist ja mal richtig übel. Wir haben wirklich gar nichts in der Hand. Wenn die SpuSi im Iwalewahaus genauso wenig findet wie in Kamerun, dann sehe ich ziemlich schwarz.«

»Und an Strasser will ich gar nicht denken – der wird so was von hochgehen, wenn er das hört, dass man ihn bis in die Fußgängerzone schreien hören wird«, stöhnte Julia genervt. In diesem Moment klingelte ihr Handy, und es meldete sich ein Herr Bauer. Julia brauchte einen Moment, bis die den Nachnamen und die Stimme richtig zuordnen konnte. Dann wusste sie, dass Michel auch einen Nachnamen hatte.

»Michel? Was gibt es denn? Was macht dein Gartenzwergmord?«

***

Michel Bauer fuhr mit dem Streifenwagen die Scheffelstraße hinauf, bog rechts ab in Richtung Kreuz und stellte das Auto auf dem kleinen Parkplatz am Rabenstein direkt neben einem Blumenfeld ab, das hier mitten in der Stadt für far­benfrohe Kleckse sorgte und gerne besucht wurde, um sich mit ganz frischen Schnittblumen einzudecken. Allerdings war es aktuell selbst dazu zu heiß, und die Gladiolen und Cosmeen ließen traurig die Köpfe hängen, wohl wissend, dass sie hier zerknittert verblühen würden, ohne jemals ein Wohnzimmer oder einen Küchentisch zu schmücken. Sie hatten zu wenig Wasser, um ein ansprechendes Äußeres zu gewinnen. Und die Bayreuther waren so gelähmt von der Hitze, dass ihnen der Sinn nicht danach stand, sich auf einem Blumenfeld einen Sonnenstich einzufangen. Entspre­chend leer war der Parkplatz, und Michel schaute sich kurz um, bevor er zielstrebig auf eine Hecke am Feldrand zu marschierte. Es waren nur wenige Schritte, aber schon wieder lief ihm der Schweiß aus allen Poren. Ohne großes Suchen entdeckte er die abgesperrte Eingangstür der Klein­gartenkolonie ›99 Gärten‹, und wie am Telefon besprochen rief er in die Anlage hinein: »Hallo? Frau Niklas?«

Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis die Gerufene aus ihrem Garten kam und ihm die Tür aufsperrte.

»Das ist ja prima, dass Sie so schnell gekommen sind. Ich zeig Ihnen gleich mal den Ort des Verbrechens, kommen Sie herein. Ich frag mich ja nur, wo unser Vorstand bleibt, der Herr Bruckner. Ich hab ihm schon dreimal aufs Band gesprochen, aber er ruft mich nicht an. Der weiß ja noch nicht mal was von der Geschichte. Na ja, macht ja nix, dann zeige eben ich Ihnen alles.«

Sie liefen langsam über kurz geschorenes, halb vertrock­netes Gras an den einzelnen Schrebergärten vorbei. Schließlich blieb Petra Niklas vor einem offenbar nicht verpachteten Gärtchen stehen und zeigte hinein. Das Gras stand kniehoch und gelb auf dem Rasen, die Beetflächen lagen brach und waren mit verwelktem Unkraut durchsetzt. Auf einem Beet direkt neben dem dunkelbraunen Garten­häuschen mit Hirschgeweih über der Eingangstür lag ein bunter Tonscherbenhaufen, etwas mehr als zwei Meter lang, einen guten Meter breit und ungefähr 50 Zentimeter hoch. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass es sich hierbei wohl um die Reste von Gartenzwergen handelte. An einem Ende des Grabhügels lagen keine Tonscherben, son­dern die Billigvarianten in Plastik, denen allesamt die Köpfe abgesägt worden waren. Michel starrte teils fasziniert, teils fassungslos auf den Ort der Verwüstung.

»So, jetzt schauen Sie sich das mal selbst an. Ich hab ja schon am Telefon gesagt, dass der Verrückte offenbar in der ganzen Kolonie unterwegs war und so gut wie alle Gartenzwerge eingesammelt haben muss. Die hat er dann wohl hierher geschleppt und alle kaputt gemacht.«

Michel schüttelte ratlos den Kopf. »Also, ich kann die Spurensicherung anfordern, aber die sind grad mit einem Mord beschäftigt. Das kann dauern. Und ob es viel bringt, ist die nächste Frage. Aber ich probier's.« Er telefoniert kurz und wandte sich dann wieder der braungebrannten Frau zu, die traurig die Zwergenreste begutachtete.

»Meinen Sie, den findet man überhaupt?«, fragte sie, und an ihrem Tonfall konnte man erkennen, dass sie nicht dieser Meinung war. Er nickte ihr verständnisvoll zu.

»Überlegen Sie es sich, ob sie wirklich Anzeige erstatten wollen. Schauen Sie, ich hab grad meine Kollegin angerufen. Die meint, dass die Spurensicherung wohl auf absehbare Zeit nicht abkömmlich sein wird. Und wer weiß, ob man überhaupt was findet. Also wenn der Kerl Handschuhe angehabt hat … und vermutlich war das eh irgend so ein Dummejungenstreich. Vielleicht wäre es am Sinnvollsten, das Ganze einfach auf sich beruhen zu lassen?«

Petra Niklas seufzte. So etwas ähnliches hatte sie sich schon gedacht gehabt.

»Wenn nur unser Vorstand kommen würde, ich weiß gar nicht, wo der nur bleibt … Ganz ehrlich: Wenn es nach mir ginge, dann lassen wir das Ganze gerne auf sich beruhen. Aber ich muss erst mit dem Vorstand reden. Oder einen Aushang machen? Was meinen Sie denn? Haben wir überhaupt eine Chance, dass dieser Irrsinn aufgeklärt wird?«

Michel Bauer schüttelte bedächtig und schweißtriefend seinen Kopf. »Wenn ich ehrlich sein soll – nein. Haben Sie denn keine Vereinskasse, mit der man Ersatzzwerge be­zahlen kann?«

Petras Augen leuchteten auf. »Na klar! Und zufällig bin ich Kassenwart. Ich weiß zwar nicht, ob es sinnvoller ist, Gartenzwerge zu kaufen anstatt Bierkästen von dem Geld. Aber andererseits, wenn ich mir einige Pappenheimer hier so anschaue, denen tut's besser, wenn sie mal nüchtern sind.« Sie lachte. »Ich könnte mir eh vorstellen, dass die meisten froh darüber sind, dass die scheußlichen Zwerge endlich weg sind. Also, ich bin's wenigstens.«

»Ich wär's ehrlich gesagt auch. Aber ich werde zumindest einige Fotos vom Tatort machen und den Fall aufnehmen. Also, wann ist das Ganze denn passiert?«, fragte Bauer.

Petra Niklas zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Tut mir leid, aber so ganz genau kann ich das nicht sagen. Sie sehen ja selbst, dass bei der Hitze kein Mensch hier ist. Ich ja auch nur, weil ich Urlaub habe und meine Ruhe haben will. Aber die meisten Gärtner kommen nur nach Sonnenuntergang zum Gießen her. Denen ist es ein­fach zu heiß. Mir nicht, mir kann's nicht warm genug sein.« Tatsächlich schien ihr die Hitze wesentlich weniger zuzu­setzen als dem Beamten. Was mit Sicherheit auch daran lag, dass sie wesentlich luftiger angezogen war als er. Jedenfalls konnte man ihr ansehen, dass sie das Wetter genoss. »Ungefährer Zeitpunkt?«, hakte er nach. Sie legte den Kopf schief, überlegte kurz. »Also, vor drei Tagen bin ich hier vorbei gekommen, da war es noch nicht. Und vor zwei Tagen hat mich der Großhuber von ganz hinten, unten, drauf angesprochen, dass ihm sein Gartenzwerg am Weiher abgeht. Ich weiß ja nicht, ob dieser Irre alle Zwerge in einer Aktion hierher gebracht hat oder nach und nach.«

Michel Bauer knipste seine Fotos, machte sich einige Notizen und ramschte dann lustlos in dem Scherbenhaufen herum, ohne wirklich nach etwas zu suchen. Schließlich hob er den Kopf eines dümmlich grinsenden Schlumpfs hoch, starrte ihn verständnislos an und ließ ihn zurück auf den Grabhügel fallen.

Petra Niklas musste wieder lachen. »Das ist der nackte-Hintern-Schlumpf, eigentlich ist das ja Stilbruch, ein Schlumpf statt Zwerg. So was stellt sich nur der Niedermayer auf. Ich denk mal, um den Rest der Welt zu ärgern. Da ist die andere Hälfte …«, sie bückte sich und angelte nach einem himmelblauen Torso mit heruntergelassener weißer Hose.

Bauer zog die Augenbrauen hoch und verzog das Gesicht. »Zumindest wissen wir jetzt, dass der weiße Puschel nicht nur die Hose ist«, stellte er fest und machte Anstalten zu gehen.

»Moment, ich komm mit und sperr Ihnen auf.«

Als sie sich an der Eingangstür verabschiedeten, fiel Petras Blick nach rechts. Irritiert ging sie einen Schritt weiter und zeigte auf den kleinen Wagner, der da vor der Hecke stand und enzianblau vor sich hin strahlte.

»Das wird immer närrischer, jetzt steht sogar da schon so ein komischer Kerl. Reicht es denn nicht, dass die Innenstadt mit denen zudrapiert ist?« Kopfschüttelnd ging sie wieder zur Tür zurück. »Also, ich kann dann die Scherben wegräumen? Oder soll das noch so liegenbleiben?«

Michel Bauer schüttelte den Kopf. »Nein, das kann weg. Aber das machen Sie jetzt nicht allein, oder?«

»Ach, dann hab ich wenigstens eine Beschäftigung – mein Buch hab ich eh schon durch.« Sie nickte ihm kurz zu und verschwand hinter Büschen und Hecken.

Michel Bauer schleppte sich zu seinem Dienstauto zurück und öffnete erst einmal sämtliche Fenster und Türen, bevor er stöhnend einstieg und ins Büro zurückfuhr.

Während er seinen Bericht verfasste, schlenderte Petra Niklas zum Vereinsheim hinüber und holte einen großen Schubkarren aus dem Geräteraum. Dann machte sie sich an die Arbeit und lud die Scherben ein. Die Plastikzwerge würde sie getrennt entsorgen. Schnell war die Schubkarre gefüllt. Da sie der Meinung war, die männlichen Vorstands­mitglieder könnten durchaus auch einen Beitrag leisten, holte sie kurzerhand einen zweiten Schubkarren und ließ den gefüllten einfach stehen. »Der müsste aber hoffentlich ausreichen für die Tonscherben«, murmelte sie vor sich hin. Nochmals versuchte sie, Paul Bruckner zu erreichen. Plötz­lich horchte sie auf und steckte ihr Handy wieder ein. Paul musste schon ganz in der Nähe sein – sie hatte seinen Klin­gelton erkannt. »Na endlich!«, rief sie erleichtert. »Paul, hier bin ich. Komm mal her und schau dir das Chaos hier an. So was hast du noch nicht gesehen!«

Keine Antwort.

»Paul? Hier bin ich, im Schrödersgarten. Kommst du?«

»Paul?«

»Paul, ich hab doch grad dein Handy klingeln gehört. Jetzt hör auf mit dem Quatsch und komm her. Es ist wichtig.«

»Paul!?!«

Genervt fischte sie ihr eigenes Handy wieder aus der Hosentasche und klingelte noch einmal durch. Da! Ganz deutlich war es zu hören, Pauls Handy. Petra schaute sich suchend um, dann horchte sie genauer hin und versuchte herauszufinden, woher die Melodie kam. Sie stutzte.

»Paul, sag jetzt aber nicht, dass du das warst mit den Zwergen!«, rief sie empört.

Es klingelte unter der schon flacher gewordenen Scher­benschicht. »Das gibt’s doch nicht, der Paul wird das an­gerichtet haben und dabei hat er sein Handy verloren« murmelte sie und begann, die Zwergenteile auf die Seite zu schaffen, um an Pauls Handy heranzukommen. Dann hör­te sie damit auf, verwirrt, verunsichert. Das Beet war frei­geräumt, aber das Handy nicht zu sehen. Sie wählte noch­mal Paul Bruckners Nummer. Das Klingeln kam aus der Erde.

Petra Niklas begann zu wühlen, vorsichtig, zaghaft. Die Erde war locker und sandig, ansonsten wäre sie durch die Trockenheit schon längst steinhart geworden. So aber kam sie rasch tiefer. Und sie musste auch nicht besonders tief graben, denn plötzlich fühlten ihre suchenden Finger etwas nicht Erdiges. Etwas, das auf seltsame Art gleichzeitig kalt und lauwarm war, fest und weich. Sie fasste es – das war kein Handy. Sie zog daran. Paul Bruckners Daumen bahnte sich seinen Weg ans Sonnenlicht. Kalt und lauwarm, fest und weich, blass und dunkel verkrustet zugleich.

Petra Niklas kippte nach hinten.

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Heiter, lustig, ganz verrückt – Friedhelm Marciniak (Sofort lesen) Noch keine Bewertung

Geschichten von Nebenan, die wahr sein können aber nicht sein müssen. Dreizehn lustige, hintersinnige und verrückte Geschichten, in denen u.a. Edmund Stoiber, Frieda Struppi-Nachtschatten und der nur harmlos heißende Hund Mischa ihren Platz finden. Situationskomik ist ein fester Bestandteil dieser Geschichten. Die nur selten so enden, wie man es am Anfang der Geschichte vermuten könnte.

***

Glück gehabt

Paula ging in die vierte Klasse der Grundschule. Sie war schlau, hin und wieder vergesslich und galt als nicht ganz schwindelfrei, wenn ihr versteht, was ich meine.

Am letzten Freitag hatte Paula mal wieder ihre Fahrkarte für den Schulbus vergessen. Sie saß auf ihrem Schulstuhl, lies den Deutschunterricht von Frau Luckner an sich vorbeirauschen und knetete Papier-kügelchen, die bald Peter, ihren Vordermann und Intimfeind aus seinem Dauerschlaf reißen würden. Außerdem machte sie sich Sorgen um die Rückfahrt, weil gerade dann häufig kontrolliert wurde. Ohne Fahrkarte gab es Ärger. Das hatte sie schon zweimal hinter sich. Paula legte ihre berechtigte Sorge und die Papierkügelchen beiseite und band Larissa, ihrer Sitznachbarin und besten Freundin, die Schnürsenkel zusammen, was diese unglücklicherweise nicht bemerkte.

Als Larissa an die Tafel kommen sollte, schlug sie lang hin, was die Klassen-kameraden zu schadenfrohen Lachanfällen trieb und der Lehrerin, Frau Luckner, ein leichtes Schmunzeln entlockte. Larissa wurde nicht nur rot, sondern auch wütend, und sann auf Rache.

Die Gelegenheit ergab sich schnell. Ihre Füllerpatrone war leer und sie musste eine neue einsetzen. Manchmal funktionierten die Dinger nicht richtig und sie probierte sie in der Regel vor dem Einsetzen aus. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn sie die Patrone nicht über Paulas Hausaufgabe, einer Bildbeschreibung von wenigen Zeilen, ausprobiert hätte. Glücklicherweise funktionierte die Patrone und Paulas Bildbeschreibung verschwand unter einem dicken tiefblauen Klecks. Das hätte niemanden gestört, am wenigsten Paula, wenn Frau Luckner Paula nicht gebeten hätte, ihre Bildbeschreibung vorzulesen. Unglücklicher-weise konnte Paula aber nicht lesen, was unter dem Klecks stand, und versuchte, ihre Bildbeschreibung aus dem Gedächtnis vorzutragen. Leider nicht flüssig genug. Das kam Frau Luckner verdächtig vor. Sie stolzierte zu Paulas Platz und sah die Bescherung. Das brachte Paula Nachsitzen in der sechsten Stunde ein, weil sie ihr Heft bekleckst, die Hausarbeiten nicht gemacht und auch noch geschwindelt habe. Paula war darüber nicht böse. Nachsitzen war sie gewöhnt und außerdem konnte sie dort schon die Hausaufgaben machen, hatte am Nachmittag also mehr Zeit zum Spielen.

Dass diese Rechnung nur halb richtig war, interessierte Paula nicht. Sie dachte auch nicht daran, ihre Mutter anzurufen, um zu sagen, dass sie eine Stunde später nach Hause käme. Paulas Mutter wurde unruhig, als ihre Tochter nicht zur gewohnten Zeit nach Hause kam. Sie warf noch eine Portion Pommes Frites in das brodelnde Fett der Fritteuse und rief dann im Schulsekretariat an, erreichte aber niemanden. Die Schulsekretärin war krank und unglücklicherweise hatte niemand den Anrufbeantworter eingeschaltet, der sonst verkün-dete, dass das Sekretariat nicht besetzt sei. Paulas Mutter bekam es mit der Angst zu tun, vergaß die Pommes Frites und rief bei der Polizei an.

Der Beamte am Telefon erklärte ihr, die Polizei sei seit Tagen auf der Suche nach einem Mann mit einem schwarzen Auto, der um die Schule herum Kinder anspreche. Er werde sofort einen Wagen zur Schule schicken. Sie solle sich …

Den Rest hörte Paulas Mutter nicht mehr. Sie war unglücklicherweise in Ohnmacht gefallen, aus der sie glücklicherweise erwachte, als der Rauchmelder schrillte und dicker, schwarzer Rauch in das Wohnzimmer schwappte. Die Fritteuse! Schreiend rannte sie in den Keller, um den Feuerlöscher zu suchen. Den hatte sie zuletzt hinter den Kisten mit dem Weihnachtszeug gesehen – vor elf Monaten.

Zwei Polizisten stürmten in die erstbeste Klasse. Dort sang Frau Klimowicz mit ihren Schützlingen passend zu den Minusgraden und dem hohen Schnee gerade das schöne Lied »Komm lieber Mai und mache«. Manche Eltern hielten Frau Klimowicz für lahm. Einige fügten auch noch »-arschig« hinzu. Entgegen der Elternmeinung reagierte Frau Klimowicz überraschend schnell. Sie eilte im Laufschritt vor den Polizisten her, um ihnen die Klasse von Frau Luckner zu zeigen. Die wisse bestimmt, was mit Paula sei.

Eine eher gemächliche Schrittfolge wäre bei diesem Wetter besser gewesen. Frau Klimowicz rutschte auf dem spiegelglatten Schulhof aus. Herr Peschke, der Hausmeister streute nämlich nur vor Schulbeginn, um, wie er später sagte, Steuergelder und nicht Arbeit zu sparen. Frau Klimowicz brach sich – wie sich erst im Krankenhaus herausstellte – das rechte Bein. Sie hatte aber Glück im Unglück, weil die Polizisten mit ihrem Handy sofort den Krankenwagen bestellen konnten und sie somit nur wenige Minuten vor Schmerzen brüllend auf dem kalten Boden liegen musste.

Der Hausmeister übernahm die schwierige Aufgabe, die Kinder aus Frau Klimowicz Klasse nach Hause zu schicken. Schwierig deswegen, weil er wusste, dass die Kinder trotz des Unglücks ihrer Lehrerin und trotz der Anwesenheit der Polizisten nicht traurig sein würden. Dazu war die Freude über null Schulaufgaben und die Aussicht auf unplanmäßiges Schulfrei einfach zu groß. Als auch die letzten Kinder aus Frau Klimowicz Klasse mit lautem Freuden-geheul am Hausmeister und den Polizisten vorbeigestürmt waren und über den Schulhof zum Schultor schlitterten, führte der Hausmeister die Polizisten in Frau Luckners Klasse.

Frau Luckner hatte, warum auch immer, einen offensichtlich schweren braunen Blumentopf in beiden Händen. Als sie von den Sorgen von Paulas Mutter hörte, ließ sie den Blumentopf fallen. Vielleicht aus Schreck, vielleicht auch wegen ihres schlechten Gewissens oder aus Angst vor einer drohenden Dienstaufsichtsbe-schwerde. Der Topf landete auf dem Fuß von Hausmeister Peschke, bevor er mit lautem Getöse zum späteren Ärger der Reinemachefrauen zerbarst.

Das ging allerdings schon im Gebrüll von Hausmeister Peschke unter, der mit schrillem Indianergeheul durch die Klasse hüpfte und fluchte, weil er unglücklicherweise nicht wie sonst Sicherheitsschuhe anhatte. Frau Luckner hatte gerade andere Sorgen. Sonst hätte sie sicherlich die tänzerische und stimmliche Leistung des Haus-meisters gewürdigt, der im Karneval trotz seines Bierbauches regelmäßig im Männerballett auftrat.

Paula saß stumm in der letzten Reihe. Sie wunderte sich über die Polizisten und den Hausmeister.

Sie wünschte sich mehr Ruhe. In fünf Minuten wäre sie mit den Hausaufgaben fertig, wenn die da vorne mehr Rücksicht nehmen würden. Aber Rücksicht verlangen die Erwachsenen ja immer nur von Kindern.

Überrascht war sie dann doch, als die Polizisten ihr erklärten, ihre Mutter würde sich Sorgen um sie machen, und deshalb würde sie jetzt sofort von der Polizei nach Hause gefahren.

Paula war noch nie in einem Polizeiwagen mitgefahren. Bisher hatte sie gedacht, damit würden nur Verbrecher oder zumindest Verdächtige transportiert. Als sie vor ihrer Haustür ausstieg, war sie froh, dass kein Nachbar auf der Straße war.

»Was sollen nur die Nachbarn denken«, war nämlich einer der Lieblingssprüche ihrer Mutter.

Mutter öffnete atemlos mit rauch-schwarzem Gesicht und dem Feuerlöscher in der Hand die Tür.

»Passend zur glücklichen Rückkehr ihrer Tochter haben sie ein Freudenfeuer entfacht«, meinte ein Polizist, der unter seinen Kollegen wegen seines trockenen, aber oft unpassenden Humors bekannt war. Der Feuerlöscher, der ihm entgegen flog, brachte ihm vier gebrochene Rippen und sechs schmerzvolle aber arbeitsfreie Wochen ein. Paulas Mutter kam mit einer Geldstrafe davon, weil sie nicht vorbestraft war und im Affekt gehandelt habe.

Paul aber strahlte über das ganze Gesicht und fiel ihrer Mutter in die russschwarzen Arme. »Ich habe meine Hausaufgaben fast fertig«, rief sie. »Außerdem bin ich mit dem Polizeiwagen gekommen. Da habe ich mächtig Glück gehabt.

»Ich hatte nämlich meine Busfahrkarte vergessen.« Mit dem letzten Satz konnte Paulas Mutter wenig anfangen. Aber vielleicht hat sie den aus lauter Freude gar nicht gehört.

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