Heiter, lustig, ganz verrückt – Friedhelm Marciniak (Sofort lesen) Noch keine Bewertung

Geschichten von Nebenan, die wahr sein können aber nicht sein müssen. Dreizehn lustige, hintersinnige und verrückte Geschichten, in denen u.a. Edmund Stoiber, Frieda Struppi-Nachtschatten und der nur harmlos heißende Hund Mischa ihren Platz finden. Situationskomik ist ein fester Bestandteil dieser Geschichten. Die nur selten so enden, wie man es am Anfang der Geschichte vermuten könnte.

***

Glück gehabt

Paula ging in die vierte Klasse der Grundschule. Sie war schlau, hin und wieder vergesslich und galt als nicht ganz schwindelfrei, wenn ihr versteht, was ich meine.

Am letzten Freitag hatte Paula mal wieder ihre Fahrkarte für den Schulbus vergessen. Sie saß auf ihrem Schulstuhl, lies den Deutschunterricht von Frau Luckner an sich vorbeirauschen und knetete Papier-kügelchen, die bald Peter, ihren Vordermann und Intimfeind aus seinem Dauerschlaf reißen würden. Außerdem machte sie sich Sorgen um die Rückfahrt, weil gerade dann häufig kontrolliert wurde. Ohne Fahrkarte gab es Ärger. Das hatte sie schon zweimal hinter sich. Paula legte ihre berechtigte Sorge und die Papierkügelchen beiseite und band Larissa, ihrer Sitznachbarin und besten Freundin, die Schnürsenkel zusammen, was diese unglücklicherweise nicht bemerkte.

Als Larissa an die Tafel kommen sollte, schlug sie lang hin, was die Klassen-kameraden zu schadenfrohen Lachanfällen trieb und der Lehrerin, Frau Luckner, ein leichtes Schmunzeln entlockte. Larissa wurde nicht nur rot, sondern auch wütend, und sann auf Rache.

Die Gelegenheit ergab sich schnell. Ihre Füllerpatrone war leer und sie musste eine neue einsetzen. Manchmal funktionierten die Dinger nicht richtig und sie probierte sie in der Regel vor dem Einsetzen aus. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn sie die Patrone nicht über Paulas Hausaufgabe, einer Bildbeschreibung von wenigen Zeilen, ausprobiert hätte. Glücklicherweise funktionierte die Patrone und Paulas Bildbeschreibung verschwand unter einem dicken tiefblauen Klecks. Das hätte niemanden gestört, am wenigsten Paula, wenn Frau Luckner Paula nicht gebeten hätte, ihre Bildbeschreibung vorzulesen. Unglücklicher-weise konnte Paula aber nicht lesen, was unter dem Klecks stand, und versuchte, ihre Bildbeschreibung aus dem Gedächtnis vorzutragen. Leider nicht flüssig genug. Das kam Frau Luckner verdächtig vor. Sie stolzierte zu Paulas Platz und sah die Bescherung. Das brachte Paula Nachsitzen in der sechsten Stunde ein, weil sie ihr Heft bekleckst, die Hausarbeiten nicht gemacht und auch noch geschwindelt habe. Paula war darüber nicht böse. Nachsitzen war sie gewöhnt und außerdem konnte sie dort schon die Hausaufgaben machen, hatte am Nachmittag also mehr Zeit zum Spielen.

Dass diese Rechnung nur halb richtig war, interessierte Paula nicht. Sie dachte auch nicht daran, ihre Mutter anzurufen, um zu sagen, dass sie eine Stunde später nach Hause käme. Paulas Mutter wurde unruhig, als ihre Tochter nicht zur gewohnten Zeit nach Hause kam. Sie warf noch eine Portion Pommes Frites in das brodelnde Fett der Fritteuse und rief dann im Schulsekretariat an, erreichte aber niemanden. Die Schulsekretärin war krank und unglücklicherweise hatte niemand den Anrufbeantworter eingeschaltet, der sonst verkün-dete, dass das Sekretariat nicht besetzt sei. Paulas Mutter bekam es mit der Angst zu tun, vergaß die Pommes Frites und rief bei der Polizei an.

Der Beamte am Telefon erklärte ihr, die Polizei sei seit Tagen auf der Suche nach einem Mann mit einem schwarzen Auto, der um die Schule herum Kinder anspreche. Er werde sofort einen Wagen zur Schule schicken. Sie solle sich …

Den Rest hörte Paulas Mutter nicht mehr. Sie war unglücklicherweise in Ohnmacht gefallen, aus der sie glücklicherweise erwachte, als der Rauchmelder schrillte und dicker, schwarzer Rauch in das Wohnzimmer schwappte. Die Fritteuse! Schreiend rannte sie in den Keller, um den Feuerlöscher zu suchen. Den hatte sie zuletzt hinter den Kisten mit dem Weihnachtszeug gesehen – vor elf Monaten.

Zwei Polizisten stürmten in die erstbeste Klasse. Dort sang Frau Klimowicz mit ihren Schützlingen passend zu den Minusgraden und dem hohen Schnee gerade das schöne Lied »Komm lieber Mai und mache«. Manche Eltern hielten Frau Klimowicz für lahm. Einige fügten auch noch »-arschig« hinzu. Entgegen der Elternmeinung reagierte Frau Klimowicz überraschend schnell. Sie eilte im Laufschritt vor den Polizisten her, um ihnen die Klasse von Frau Luckner zu zeigen. Die wisse bestimmt, was mit Paula sei.

Eine eher gemächliche Schrittfolge wäre bei diesem Wetter besser gewesen. Frau Klimowicz rutschte auf dem spiegelglatten Schulhof aus. Herr Peschke, der Hausmeister streute nämlich nur vor Schulbeginn, um, wie er später sagte, Steuergelder und nicht Arbeit zu sparen. Frau Klimowicz brach sich – wie sich erst im Krankenhaus herausstellte – das rechte Bein. Sie hatte aber Glück im Unglück, weil die Polizisten mit ihrem Handy sofort den Krankenwagen bestellen konnten und sie somit nur wenige Minuten vor Schmerzen brüllend auf dem kalten Boden liegen musste.

Der Hausmeister übernahm die schwierige Aufgabe, die Kinder aus Frau Klimowicz Klasse nach Hause zu schicken. Schwierig deswegen, weil er wusste, dass die Kinder trotz des Unglücks ihrer Lehrerin und trotz der Anwesenheit der Polizisten nicht traurig sein würden. Dazu war die Freude über null Schulaufgaben und die Aussicht auf unplanmäßiges Schulfrei einfach zu groß. Als auch die letzten Kinder aus Frau Klimowicz Klasse mit lautem Freuden-geheul am Hausmeister und den Polizisten vorbeigestürmt waren und über den Schulhof zum Schultor schlitterten, führte der Hausmeister die Polizisten in Frau Luckners Klasse.

Frau Luckner hatte, warum auch immer, einen offensichtlich schweren braunen Blumentopf in beiden Händen. Als sie von den Sorgen von Paulas Mutter hörte, ließ sie den Blumentopf fallen. Vielleicht aus Schreck, vielleicht auch wegen ihres schlechten Gewissens oder aus Angst vor einer drohenden Dienstaufsichtsbe-schwerde. Der Topf landete auf dem Fuß von Hausmeister Peschke, bevor er mit lautem Getöse zum späteren Ärger der Reinemachefrauen zerbarst.

Das ging allerdings schon im Gebrüll von Hausmeister Peschke unter, der mit schrillem Indianergeheul durch die Klasse hüpfte und fluchte, weil er unglücklicherweise nicht wie sonst Sicherheitsschuhe anhatte. Frau Luckner hatte gerade andere Sorgen. Sonst hätte sie sicherlich die tänzerische und stimmliche Leistung des Haus-meisters gewürdigt, der im Karneval trotz seines Bierbauches regelmäßig im Männerballett auftrat.

Paula saß stumm in der letzten Reihe. Sie wunderte sich über die Polizisten und den Hausmeister.

Sie wünschte sich mehr Ruhe. In fünf Minuten wäre sie mit den Hausaufgaben fertig, wenn die da vorne mehr Rücksicht nehmen würden. Aber Rücksicht verlangen die Erwachsenen ja immer nur von Kindern.

Überrascht war sie dann doch, als die Polizisten ihr erklärten, ihre Mutter würde sich Sorgen um sie machen, und deshalb würde sie jetzt sofort von der Polizei nach Hause gefahren.

Paula war noch nie in einem Polizeiwagen mitgefahren. Bisher hatte sie gedacht, damit würden nur Verbrecher oder zumindest Verdächtige transportiert. Als sie vor ihrer Haustür ausstieg, war sie froh, dass kein Nachbar auf der Straße war.

»Was sollen nur die Nachbarn denken«, war nämlich einer der Lieblingssprüche ihrer Mutter.

Mutter öffnete atemlos mit rauch-schwarzem Gesicht und dem Feuerlöscher in der Hand die Tür.

»Passend zur glücklichen Rückkehr ihrer Tochter haben sie ein Freudenfeuer entfacht«, meinte ein Polizist, der unter seinen Kollegen wegen seines trockenen, aber oft unpassenden Humors bekannt war. Der Feuerlöscher, der ihm entgegen flog, brachte ihm vier gebrochene Rippen und sechs schmerzvolle aber arbeitsfreie Wochen ein. Paulas Mutter kam mit einer Geldstrafe davon, weil sie nicht vorbestraft war und im Affekt gehandelt habe.

Paul aber strahlte über das ganze Gesicht und fiel ihrer Mutter in die russschwarzen Arme. »Ich habe meine Hausaufgaben fast fertig«, rief sie. »Außerdem bin ich mit dem Polizeiwagen gekommen. Da habe ich mächtig Glück gehabt.

»Ich hatte nämlich meine Busfahrkarte vergessen.« Mit dem letzten Satz konnte Paulas Mutter wenig anfangen. Aber vielleicht hat sie den aus lauter Freude gar nicht gehört.

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