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Böse

Krimi

Es war ein Abend wie die meisten anderen auch. Das Radio plärrte altbekannte Schlager, das Büro war spärlich beleuchtet und bis auf meine Person menschenleer. Ich war nur im Büro, weil irgendeine Vorschrift die Nachtwache auf der Polizeistation vorschrieb. Gelangweilt löste ich das Kreuzworträtsel mit Preisausschreiben einer Tageszeitung. Der Einsendeschluss war schon abgelaufen. Mir ging es nur darum, mich ein wenig abzulenken. Zäh rann die Zeit an mir vorbei. Ähnlich wie der Regen, der nun schon den zweiten Tag in Folge unaufhörlich fiel und träge an den Fensterscheiben entlangfloss. Das Rätsel war schwieriger als gedacht, oft musste ich mich korrigieren. Ich trank einen Becher Kaffee aus meiner Thermosflasche, aß eine Scheibe von den mitgebrachten, belegten Broten.

Eigentlich wollte ich die Nächte dazu genutzt haben, um mich weiterzubilden. Oder, wenn ich mich schon nicht fortbildete, wenigstens etwas Erbauliches zu lesen. Darum hatte ich mich seinerzeit trotz meines Dienstgrades für den Nachtdienst eingetragen. Sobald aber der letzte Kollege das Büro verlassen hatte, war aller Tatendrang verflogen. Regelmäßig verfiel ich in eine seltsame Form der Lethargie, konnte nachts nur stupide Tätigkeiten ausführen. So löste ich Kreuzworträtsel, füllte Fragebögen für dümmliche Preisausschreiben aus, oder erarbeitete Dienstpläne für die Kollegen. Und wenn mir das auch zu schwer war, dann wartete ich einfach nur auf das Dienstende. Manchmal hatte ich aber auch Glück und das Telefon klingelte ein oder zwei Mal. Meistens waren es Angetrunkene, die sich einen Scherz erlauben wollten.

Früh am Morgen war es, die einsetzende Dämmerung begann das Büro langsam zu erhellen, als das Telefon mich aus einem Traum riss. Ich war eingeschlafen und hatte noch die Bilder meines Traumes vor Augen, als ich den Anruf entgegennahm. Am anderen Ende war ein Mann, der mit fremdem Dialekt etwas Unverständliches murmelte, bevor er auflegte. Immer das gleiche, dumme Spiel, dachte ich bei mir. Mit dem erbaulichen Gedanken an das anstehende Dienstende goss ich den letzten Rest lauwarmen Kaffee aus meiner Flasche in den Becher. Das Gerät läutete erneut, ich legte mir eine fein gesponnene, bissige Bemerkung zurecht. Doch diesmal war es der Wirt der nahe gelegenen Nachtbar. Mit zitternder Stimme teilte er mir den Fund einer jungen, schwer verletzten Frau mit. Sie atme noch, aber beide Augen fehlen ihr und sie sei ohne Bewusstsein, wiederholte er zwei- oder dreimal.

Ohne jeden Übergang war ich von einer Sekunde zur nächsten hellwach, fast schon panisch erregt. Ich rief sogleich den zuständigen Mediziner sowie das nahe Krankenhaus an, dann nahm ich die Kamera und fuhr zum Tatort. Der Wirt wartete dort auf mich, er hatte sich in der Nähe der regungslos daliegenden Frau einen Sitzplatz auf einer Gartenmauer gesucht. Tatsächlich fehlten die Augen der Frau. Ihr Kopf lag in einer großen Blutlake, auch ihr Puls war nicht mehr fühlbar. Ich machte einige Bilder und notierte Einzelheiten zum Fund. Der Regen vermischte sich mit dem Blut, ein dunkler Streifen zog sich über den Gehsteig bis zum nächsten Kanalloch. Zeichen eines Kampfes fand ich keine, auch sonst keinen Hinweis auf eine Gewalttat. Sie war leicht, aber nicht obszön, bekleidet. Offensichtlich hatte man sie auch nicht missbraucht. Die Frau lag einfach auf dem Bürgersteig, fast so, als hätte sie sich dort friedlich hingelegt, um eine Weile zu schlummern. Etwas später traf der Amtsarzt mit dem Krankenwagen gleichzeitig ein. Der Arzt stellte den Tod fest, sichtlich bewegt von dem grausigen Anblick. Er vermutete als Todesursache Blutverlust, wollte sich aber vor einer Obduktion nicht endgültig festlegen. Der Fahrer des Krankenhauswagens übergab sich bei dem Anblick. Sein Beifahrer setzte ihm eine Spritze, legte ihn auf die Krankenbahre und fuhr weg. Kurze Zeit später traf der Leichenwagen ein, der die Frau in das örtliche Leichenschauhaus überstellte.

Ich fuhr zurück zur Wache. Dort schrieb ich einen kleinen Bericht, setzte Kaffee für meine Kollegen auf und legte die Filmkapsel zur Entwicklung bereit. Durch die Scheiben des Büros sah ich verschwommen zur Arbeit eilende Menschen auf den Straßen. Mein Dienst für heute schien bald beendet zu sein, der Erste von drei Kollegen betrat das Büro. Gierig lauschte er den Ereignissen der Nacht. Ich hatte gerade zu Ende berichtet, als das Telefon erneut läutete. Es war mein unmittelbarer Vorgesetzter, der Leiter unserer kleinen Wache. Er meldete sich krank, irgendwas mit seinem Kreislauf sei nicht in Ordnung. Dennoch wollte er detailliert wissen, was sich vergangene Nacht zugetragen hatte.

Nachdem ich alles Wesentliche berichtet hatte, betonte er die Wichtigkeit der Angelegenheit. Er erteilte mir bei den Ermittlungen freie Hand und trug mir auf, ihn ständig auf dem Laufenden zu halten. Ich versprach ihm alles, merkte abermals zu spät, dass er mir die gesamte Arbeit an den Hals gehangen hatte. Wie schon so oft würde er dann, wenn der Fall aufgeklärt war, kerngesund im Büro erscheinen und sich eine Zigarre anzünden. Persönlich würde er die Reporter und die lokalen Politiker anrufen und auf die Wache einladen. Und dann, wenn alle gekommen waren, schüttelte er, stolz wie ein Pfau, ihnen die Hände und berichtete von seinen Erfolgen.

Mittlerweile war auch der zweite Kollege anwesend. Ich erzählte die Geschichte ein drittes Mal. Mein offizielles Dienstende war schon vor über einer Stunde, ich war müde und brauchte Schlaf. Kommissarisch übernahm ich die Leitung der Wache. Den Jüngeren der beiden Kollegen verdonnerte ich zum nächsten Nachtdienst und schickte ihn nach Hause.

Dann informierte ich die Zentrale in der großen Stadt und ordnete die Obduktion an. Den älteren Kollegen sandte ich zur Spurensicherung und Befragung der Nachbarn an den Tatort. Erst dann fuhr ich nach Hause, wenn man ein Apartment mit unverbautem Blick auf Betonmauern so nennen kann. Bis Mittag gab ich mir frei, schlief unruhig mit immer wiederkehrenden, schrecklichen Traumbildern. Am frühen Nachmittag war ich leidlich ausgeschlafen und fuhr wieder zur Wache.

Mein Kollege hatte am Tatort nichts Auffälliges mehr gefunden, lediglich einige blutverschmierte Wollflusen. Auch hatte angeblich keiner der Anwohner etwas Verdächtiges bemerkt. Es war ruhig gewesen, die ganze Nacht über. Ich sah mir die Flusen mit einer Lupe an. Sie schienen aus einem der gängigen Wollstoffe herausgerissen zu sein. Ich steckte sie zurück in die Tüte, die ich in meine Jackentasche schob. Der Arzt rief an und bat mich in das kleine Leichenschauhaus. Er hatte die Autopsie beendet, und als ich eintraf, hatte er soeben mit dem schriftlichen Bericht begonnen. Wir plauschten ein wenig und ich erfuhr einige interessante Details.

Die Frau, so erzählte er mir, hatte in der Armbeuge ein paar neue Einstiche. Ganz so, wie eine Rauschgiftabhängige, die gerade erst mit der harten Schiene begonnen hatte. Leber und andere innere Organe waren ohne Befund, eine kerngesunde junge Dame von vielleicht Mitte zwanzig. Die Sucht konnte noch nicht allzu lange bestanden haben. Wenn bei der guten Verfassung überhaupt schon von Abhängigkeit gesprochen werden konnte. Es fanden sich bei der Untersuchung auch keinerlei Kampfspuren, weder innere noch äußere Verletzungen jeglicher Art.

Ich redete mit dem Arzt noch ein wenig in den Tag hinein, gab ihm die Flusen zur Untersuchung und ging nachdenklich zurück zum Büro. Dort fand ich nur den jüngeren Kollegen, der gerade eingetroffen war, um den Nachtdienst vorzeitig zu beginnen. Er erklärte mir, dass er einfach zu aufgeregt sei, um zu Hause noch länger herumzudösen. Der Ältere war wegen einer Routinesache außer Haus, wollte aber später noch einmal in die Wache zurückkehren. Um nicht müde zu werden, fuhr ich zusammen mit dem jungen Kollegen zum Tatort, ließ die Bilder der Nacht noch einmal auf mich wirken. Ich fragte mich, woher das Rauschgift gekommen sein sollte, wo die Spritzen waren und vor allem, wer die junge Frau war.

Die Lage ihrer Leiche war mit Kreide auf den Boden eingezeichnet. Dort wo der Kopf war, hatte sich ein Klumpen aus Dreck gebildet. Ich sah zu, wie der Regen neuen Dreck dazu schwemmte und der Klumpen, wenn er groß genug war, vom Wasser weggespült wurde. Und dann sah ich, für einen kurzen Augenblick, etwas glitzern. Neugierig nahm ich ein Taschentuch und wischte den Dreck weg. In einer Ritze hatte sich ein Geldstück verfangen. Eine kleine Münze, ohne großen Wert. Auffällig war, dass die Kopfseite einige raue Stellen aufwies. Ich steckte die Münze ein und überlegte, wie ich der Spur mit dem Rauschgift nachgehen konnte.

Genau besehen gab es für Rauschgift nur eine Adresse in der Gegend. Der Kerl war ein widerlicher Kleinkrimineller, hatte aber noch nie gemordet. Dennoch, wir fuhren in die Nähe des alten, etwas außerhalb der Stadt gelegenen, Bahnhofes. In der einschlägigen, in bestimmten Kreisen bestens bekannten Kneipe, war die Hölle los. Aus der offenen Türe quollen laute Musik, schlecht riechender Tabakrauch sowie einige angetrunkene Gestalten. Angewidert betrat ich die Pinte, nickte dem verlotterten Wirt mit breitem Grinsen zu. Er kannte mich und hatte Respekt vor mir und meiner Arbeit.

Leise schlichen wir die schmale Treppe zu den Zimmern nach oben. Der Strolch lebte schon seit Jahren in dem gleichen, miesen Zimmer. Er musste es lieben, sogar nach jeder seiner Haftstrafen quartierte er sich immer wieder neu in dem elenden Raum ein. Ohne zu klopfen öffnete ich die Türe, schaute in den Raum. Dort stand nicht viel, nur ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein Bett. Auf dem Bett lag ein Mann. Ich sah den Rücken und das verzerrte Gesicht des armen Mannes gleichzeitig. Ohne zu grübeln wusste ich, dass er tot war. Man hatte ihm das Genick gebrochen, die Kehle durchtrennt und ihm das Gesicht nach hinten gedreht.

Mein junger Kollege war sichtlich verwirrt und angewidert, nicht nur von dem Anblick des Toten. Das ganze Zimmer war eine einzige Müllhalde, Insekten flogen und krochen durch verschiedene Abfallhaufen. Nach einer kurzen Untersuchung, bei der wir nichts anderes, als nur noch mehr Müll fanden, ging ich nach unten. Dort rief ich von dem Telefon der Kneipe den Arzt an, der sofort mit dem Leichenwagen zu mir kommen wollte.

Mein Anruf hatte die Gäste neugierig gemacht. Ich bestellte eine kleine Flasche Mineralwasser. Rasch überlegte ich mir, was ich ihnen von dem Mord sagen konnte. Im lockeren Ton erzählte ich, was ich für sinnvoll hielt. Es war eine gute Gelegenheit, mir die Gäste genauer anzusehen. Vier finstere Gestalten spielten an einem kleinen Tisch Karten, jeden Einzelnen kannte ich persönlich. Am Tresen hielten sich gut sechs Männer fest. Jeder von Ihnen hätte auch der Mörder sein können. Aber alle hatten ein Alibi, das konnte ich aus Erfahrung beschwören. Die anderen Gäste waren die weibliche Begleitung der Männer. Sie waren neugierig, meist billig gekleidet und ohne mit ihnen gesprochen zu haben, wusste ich, dass sie schlechte Zähne hatten. Aber als Mörder kam genau besehen keiner von allen infrage. Es waren einfache Menschen. Sie hätten einen Feind niedergeschossen, erstochen oder vielleicht auch erwürgt. Aber keiner hätte dem Toten dann das Gesicht nach hinten gedreht.

So blieb mir vorerst nichts anderes zu tun, als dem Wirt begreiflich zu machen, dass keiner den Raum des Verblichenen zu betreten hatte. Ich ging wieder nach oben, öffnete ein Fenster. Ein wenig frische Luft floss zäh in den kleinen Raum. Es wurde bald Nacht und es regnete immer noch. Die Luft schien mir voller heißer Feuchtigkeit zu sein. Sie drückte mir den Schweiß aus den Poren und ließ die Kleidung auf meiner Haut festkleben. Mein Kollege hatte sich wieder gefangen und saß ruhig mit angewidertem Gesichtsausdruck auf dem wackeligen Stuhl.

Gerne hätte ich ihm diesen Anblick erspart. Für einen Kollegen in der Großstadt waren makabre Morde an solch elenden Orten eine Selbstverständlichkeit. Aber hier auf dem Lande passierte so etwas nur selten. Ich setzte mich auf die Bettkante, gleich neben dem Toten. Seine Hose war an der Seite zerrissen, es fehlte ein Flecken Stoff. Die Struktur der Hose erinnerte mich an die Wollflusen, die mein Kollege neben dem Mädchen gefunden hatte. Während ich darüber nachdachte, fiel mir ein Blinken in der verkrampften Hand des Toten auf. Ich bat den Jungen, mir aus dem Wagen ein paar saubere Tüten zu holen.

Kaum waren seine Schritte auf der Treppe verhallt, öffnete ich die Hand des Rauschgifthändlers. Er hielt, fest umschlossen, eine einzelne Münze in seiner Hand. Die Münze war klein und ohne großen Wert. Ich nahm sie, einem inneren Impuls folgend, an mich und verbarg sie gut in einer meiner Taschen. Dann stand ich auf, um in dem Schrank ein wenig herumzukramen. Außer einer alten Hose, zwei gebügelten Hemden, Socken und Unterwäsche fand ich einen kleinen Vorrat an illegalen Drogen samt Spritzbestecken.

Bald schon kam mein Kollege mit den Tüten. Ich steckte mit bedeutsamem Gesichtsausdruck die gefundenen Drogen samt Spritzen hinein. Ein wenig später kam der Arzt, stellte den Tod fest, füllte ein paar Papiere aus, überließ den Toten den wartenden Leichenträgern und verschwand wieder. Morgen Mittag, so sagte er mir, könne er mir mehr verraten.

Auf der Fahrt zur Wache erzählte mir mein Kollege aufgeregt und naseweis, wie einfach doch der Fall läge. Eine drogensüchtige Frau wurde von ihrem halb verrückten Dealer erst mit einer Überdosis Rauschgift gefügig gemacht, dann brutal ermordet. Nach der Tat fuhr er nach Hause zu der Spelunke, wo schon jemand auf ihn wartete. Vielleicht schuldete er jemanden Geld. Oder er hatte zu wenig verkauft, was seinem Boss missfiel. Vielleicht war er auch selbst abhängig geworden. Wie auch immer, der Dealer wurde wahrscheinlich von einem Gangster aus der großen Stadt getötet. Dieser fuhr gleich nach der Tat wieder dorthin zurück und lebte unauffindbar für uns dort weiter. Ich hörte mir den Quatsch geduldig an. Endlich, kurz vor dem Ende meiner Geduld, erreichten wir die Wache.

Der zweite Kollege schloss gerade seine Mappe und bereitete sich auf den Feierabend vor. Viel hatte er nicht zu berichten. Eine alte Frau fühlte sich von einem Wanderarbeiter bedroht. Parkende Autos hatten die Zufahrt zu der Molkerei verstellt und ein paar feiernde Jugendliche sangen zu laut die falschen Lieder. Also, alles wie immer, bis auf die Morde. Wir verabschiedeten den Kollegen und besprachen noch ein paar Kleinigkeiten bezüglich des Nachtdienstes. Dann verließ ich die Wache, ich wollte noch ein wenig schlafen, bevor ich den Wirt des Nachtlokales, der die Leiche gefunden hatte, besuchte. So ging ich müde und grübelnd zu meiner kleinen Wohnung. Dort duschte ich mich kalt ab, trank ein Glas von dem guten Gebrannten, stellte den Wecker und fiel, schon im Flug einschlafend, auf mein Bett.

Schon vor dem Klingeln des Weckers wurde ich wach, spülte meinen Mund erneut mit dem edlen Tropfen, zog mich fertig an und verließ das Haus. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, ich konnte ohne Schirm den Weg bis zur Bar zurücklegen. Es war Ruhetag, was aber nicht viel zu bedeuten hatte. Ich klopfte an die massive Holztür, wo ein wenig später einer der Kellner seine spitze Nase aus dem Sichtloch steckte. Er erkannte mich gleich, schaute mich verwundert an, nickte und öffnete die Türe.

In der Bar war es dunkler als sonst, schwer hing der Rauch über den Tischen. Nur wenige Besucher waren anwesend, praktisch menschenleer schien der große Raum zu sein. Aus einer Ecke kam der Wirt eilig auf mich zugegangen, sein Gesicht stand voller Sorgenfalten. Hastig winkte er mich zu einem abseits gelegenen, leer stehenden Tisch, keiner der Gäste sollte mich sehen. Ich tat ihm den Gefallen, setzte mich, schaute ihn lange schweigend an. Endlich öffnete er mir sein Herz. Heute war ein besonderer Abend, verkündete er. Es wurde wenigen, ausgewählten Gästen etwas Besonderes vorgeführt. Etwas, was in so einer kleinen Stadt sonst nicht zu sehen sei. Unschuldig lächelnd fragte ich, ob er eine ausländische Tänzerin engagiert hätte, oder ob die Damen sich heute vor dem Auftritt gewaschen hätten.

Bevor er antworten konnte, begann die Vorführung. Der Vorhang der Bühne wurde langsam zurückgezogen, schaurige Musik erklang. Ich lehnte mich entspannt gegen die Stuhllehne, nickte dem Wirt freundlich zu und besah mir das Bühnenbild. Grausig war es, was ich dort sehen musste. Eine junge Frau stand nackt und festgebunden an einem Holzkreuz. Ihr schönes Hinterteil leuchtete im Licht eines kleinen Scheinwerfers wie der volle Mond. In ihrem Mund befand sich ein großer Knebel, ihre Haare waren zu einem Zopf geflochten. Rechts und links neben ihr waren weitere Frauen in kleinen Käfigen eingesperrt, präsentierten ihr entblößtes Gesäß dem Publikum. Trotz des schlechten Lichts konnte man mehr erkennen, als der gute Geschmack zuließ. Um der gräulichen Inszenierung den Gipfel aufzusetzen, betrat ein altertümlich mit Henkersmaske, Lederschürze und umgehängter Peitsche bekleideter Mann die Bühne. Er verbeugte sich zum Publikum hin, ließ die Peitsche ein paar Mal in der Luft knallen, wandte sich dann zu der festgebundenen Frau.

Ohne viel Einsatz begann er, den schönen Hintern im Takt der Musik mit roten Striemen zu zeichnen. Der Wirt schaute mich verzweifelt an, fürchtete wohl um seine Lizenz sowie seinen Ruf. Mit Recht, denn seine Lizenz wurde gerade erneut geprüft. Aber einen guten Ruf hatte er noch nie besessen. Lächelnd schaute ich zurück, machte ein freundliches Gesicht und bestand auf den Gästelisten der letzten beiden besonderen Abende. Er verschwand mit rotem Kopf, um nach einer Viertelstunde mit noch röterem Kopf wiederzukommen. In der Hand hielt er einen zusammengeschlagenen Zettel, den er mir versteckt in meine Tasche schob. Ich lächelte erneut, stand auf, klopfte ihm vertraulich auf die Schulter und suchte dann, ohne einen einzigen Gast anzuschauen, meinen Weg nach draußen.

Der Regen hatte ganz aufgehört, die Luft roch dennoch abgestanden und muffig. Die ganze Stadt roch mehr und mehr alt, muffig und faulend. In meinem Apartment angekommen, ging ich die Namen auf dem Zettel durch. Dabei spielte ich mit der Münze aus der Hand des Rauschgifthändlers. Die Rückseite der Münze zeigte den Kopf eines Würdenträgers. Er hatte einige seltsame Schmisse an der Wange, so wie ich sie noch nie gesehen hatte. Auf anderen Münzen mit seinem Porträt fehlten diese Schmisse, irgendwer musste sie wohl aus gutem Grunde nachträglich eingraviert haben. Ahnend nahm ich die Münze, die ich auf dem Gehsteig gefunden hatte. Auch diese zeigte die gleichen Schmisse im Gesicht des Mannes.

Voll böser Ahnung las ich die Gästeliste. Diese war sehr interessant, aber nur der Name des Bürgermeisters ließ mich aufhorchen. Er war an beiden Abenden zu Gast in dem Klub. Ich gönnte mir ein weiteres Glas aus der guten Flasche. Ich hatte an diesem Tag mehr getrunken, als sonst in einem ganzen Monat.

Müde ging ich zu Bett und sank in einen unruhigen Schlaf. Immer wieder kamen mir erschreckende Traumbilder in den Sinn. Schwarzen Limousinen fuhren mich an, faustgroße Hagelkörner warfen mich zu Boden, Rieseninsekten wollten meine Augen aussaugen und ein Wahnsinniger schrieb mir seinen Namen mit einem glühenden Lötkolben auf die Wange. Dann kam in meinem Traum der Bürgermeister in die Wache, legte laut lachend eine madige, verfaulte Leber in meine Dienstmappe. Das war zu viel für mich! Schweißüberströmt wachte ich auf, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich duschte mich ausgiebig, zog mich an und ging ohne Frühstück zum Dienst.

Die Wache erreichte ich lange vor der offiziellen Zeit. Mein junger Kollege hielt mit letzter Kraft seine roten Augen offen, ich schickte ihn gleich nach Hause. Die Zeit bis zum Eintreffen des Älteren nutzte ich, um in der Dienstelle der großen Stadt etwas über den Bürgermeister in Erfahrung zu bringen. Er hatte keine Vorstrafen und war bislang nur einmal wegen eines Steuerdelikts aufgefallen. Also, nichts Ungewöhnliches für einen Politiker seiner Prägung, dachte ich bei mir. Bevor ich mich an den offiziellen Bericht setzte, wollte ich, wie versprochen, meinem erkrankten Vorgesetzten von den Ereignissen erzählen. Ich ließ durchklingeln, doch keiner nahm das Gespräch entgegen. So kochte ich Kaffee und schrieb den Bericht des vorigen Tages.

Meinen Besuch in der Nachtbar erwähnte ich mit keinem Wort, auch nicht, dass ich die Münze aus der Hand des Toten entwendet hatte. Ich wollte den Bericht gerade abheften, als mein Kollege die Wache betrat. Er reichte mir eine Tageszeitung, in der in effektheischenden Worten von dem schrecklichen Mord an der unbekannten jungen Frau berichtet wurde. Ich las den Artikel zweimal, dann klingelte auch schon das Telefon. Es war der Bürgermeister, der sich über den Stand der Ermittlungen informieren wollte. Ich sagte ihm, was ich wusste, was allerdings nicht viel war. Er hörte ungeduldig zu, ermahnte mich zu besonderer Eile und außergewöhnlichem Arbeitseinsatz. Bevor ich übel gelaunt auflegte, musste ich ihm zweimal versprechen, mein Bestes zu geben und den Täter so schnell wie möglich zu fassen.

Als Nächstes stand der Besuch bei dem Arzt auf dem Programm. Die Leichenöffnung war noch nicht abgeschlossen, doch die gefundenen Flusen stammten wirklich von der Hose des Toten. Die Todesursache war wahrscheinlich ein Genickbruch. Der Inhalt der Taschen half bei den Ermittlungen auch nicht weiter. Ein Feuerzeug, gebrauchte Taschentücher, ein paar Zigaretten. Er hatte etwas Kokain bei sich, dazu passend ein kleiner Spiegel und ein ebenso kleiner Löffel. Dazu kam eine vierschüssige Pistole, vier dazu passende Patronen, eine Börse und ein Nagelknipser. All dies lag traurig in einer Schale zu Füßen des Toten.

Auf dem Rückweg machte ich einen Umweg über die örtliche Bücherei. Dort entlieh ich mir ein paar Bücher, ich wollte nun endlich etwas für meine Bildung tun. Zurück auf der Wache erfuhr ich, dass sich eine Familie aus der großen Stadt gemeldet hatte. Ihre Tochter sei verschwunden und sowohl Kleidung als auch Statur passten zu dem Opfer. Noch heute wollten sie sich den Leichnam ansehen kommen. Bis zu deren Ankunft vergrub ich mich hinter meinem Schreibtisch, dachte nach und las. Am frühen Nachmittag kam dann die Familie mit einem kleinen Lastwagen vorgefahren. Vater, Mutter, die Großmutter und alle verbliebenen vier Kinder waren mitgekommen. Zusammen gingen wir in die Leichenhalle. Dort lag das Opfer mit geschlossenen Augenliedern aufgebahrt, die fehlenden Augäpfel waren unauffällig durch künstliche ersetzt worden. Die Leiche sah aus, als ob sie sich nur ein wenig ausruhen würde. Wie erwartet begann ein großes Wehklagen.

Ich tröstete so gut ich konnte, doch die Trauer war sehr groß. Als sich die Familie wieder etwas beruhigt hatte, bat ich jeden Einzelnen um ein kurzes Gespräch. Alles im allen schien es so, als ob sich die junge Frau, um der Armut zu entkommen, mit einem lokalen Verbrecher eingelassen hatte. Drogen waren dabei weniger im Spiel, es soll sich um Waffen und Hehlerware gehandelt haben. Ich notierte mir jeden Namen, der in den Gesprächen fiel, und gab die Liste sofort an die zuständige Stelle in der großen Stadt weiter.

Von dort erhielt ich keine Stunde später eine Nachricht. Einer der Genannten hatte seinen alten Namen abgelegt und einen neuen angenommen. Ganz hier in der Nähe war er aufgewachsen und ich kannte ihn nur zu gut. Ohne zu zögern stieg ich in den Wagen und fuhr los. Seit sehr langer Zeit fuhr ich noch einmal hinaus zu dem kleinen Hof, den ich von früher her gut kannte. Bald hatte ich ihn erreicht, er lag praktisch direkt vor der Stadt auf dem Weg zum See. Der Motor war noch nicht abgestellt, als ein Mann mit Gewehr neben mir stand. Ein alter Mann, mit dessen Tochter ich einst einmal befreundet war, schaute mich grimmig an. Doch diesmal ging es mir um den Bruder, dem ich ein schlimmes Erlebnis zu verdanken hatte. Er war damals noch ein Kind und er machte sich einen Spaß daraus, unsere Zweisamkeit zu stören.

Ja, schon damals war er ein gemeiner Kerl, der nicht viel taugte. An einem Sommertag war ich bei meiner Geliebten. Wir scherzten und vergnügten uns auf völlig harmlose Art. Ich half ihr bei der Stallarbeit, trug die Eimer mit Wasser für das Vieh. Naja, irgendwann küssten wir uns im Halbdunkel des Stalles. Ich sehe sie noch heute vor mir, sie hatte Sommersprossen und rötliches Haar, das in Locken rund um ihr süßes Gesicht lag. Heiß waren ihre Küsse, warm und duftend ihre Haut. Später, als sie im Stroh lag, leuchtete sie wie ein Juwel, elfenhaft schön schien mir ihre Gestalt. Ich küsste nicht nur ihren Mund, sondern auch ihren Busen, ihren Bauch, ihre Schenkel. Ihre Vulva war nass und roch betörend, mein Glied hart und begehrend. Mit Hingabe machten wir das, was Liebende immer schon taten.

Es schwindelte mir vor Glück, als ich den Stall verließ. Draußen saß ihr Bruder auf einem Holzblock. Er spielte mit seinem Messer, grinste hämisch zu mir herüber und wollte Geld von mir. Meine Freundin fragte ihn nach dem Verstand, er aber schrie, so laut er nur konnte, nach seinem Vater. Zu mir zischte er, neben einigen derben Worten, dass dies nun meine letzte Chance sei. Mit diesen Worten stürzte er sich auf mich und umklammerte meine Beine. Aber ich wäre eher gestorben, als dass ich diesem Ekel Geld gegeben hätte, egal wie verwerflich meine Tat auch gewesen sein mochte.

Und fast wäre es auch so gekommen, weil der Vater, ein bekannter Choleriker, mich totgeschlagen hätte, wenn er mich denn bekommen hätte. Mit Mühe nur konnte ich mich aus dem Klammergriff des Jungen befreien, rannte dann so schnell ich konnte vom Hof. Die Heugabel, die an mir vorüber sauste, hätte mich leicht töten können.

Abends bekamen meine Eltern dann Besuch von ihm, sie mussten sich ganz schon was anhören. Ein Glück, dass sie standhaft blieben und auch bei der Polizei für mich einstanden. Was ich getan hatte, wurde von dem Bruder und dem Vater als Vergewaltigung beschrieben. Erst auf der Wache, als meine Freundin ohne Beisein ihres Vaters dazu befragt wurde, stellte sich die Wahrheit heraus. Der Polizist wies die Lügner mit harschen Worten zurecht, was aber nicht viel an dem Charakter der beiden änderte. Danach schickte er uns nach Hause, das war alles. Aber die Angst, die ich damals hatte, und die Wut, die ich wegen der Verleumdung empfand, die waren mir immer noch gegenwärtig. Und meine Trauer darüber, dass die junge Frau kurz darauf unsere Beziehung löste, die riss seitdem immer wieder an meinem Herzen.

Dieser Mann stand also nun vor mir und er erkannte mich nach kurzem Mustern auch. Sein grimmiger Blick wurde noch eine Spur bissiger. Er spuckte vor mir auf den Boden, fragte unfreundlich nach meinem Begehr. Ich berichtete kurz über die Ereignisse und fragte nach seinem Sohn. Das war ein Fehler, wie ich sogleich merkte. Unvermittelt bellten aus dem Haus Schüsse, über meinen Kopf pfiffen Kugeln, der alte Mann hob sein Gewehr und zielte auf meine Brust. Ich sprang hinter dem Wagen in Deckung, zog noch im Flug meine Dienstwaffe. Die Schüsse verhallten, ich sagte den üblichen Spruch auf. Zu spät, hinter dem Haus wurde ein Wagen gestartet. Ich hörte, wie er mit durchdrehenden Reifen losfuhr.

Der Vater hatte derweil sein Gewehr sinken lassen, stützte sich höhnisch lachend darauf ab. Ich war wütend, hätte ihm am liebsten seine faulen Zähne aus dem hohnverzerrten Gesicht geschlagen. Mit meinem finstersten Grabesgesicht sah ich ihn verächtlich an, stieg rasch in den Wagen und eilte so schnell ich konnte zur Wache zurück. Dort gab ich eine Fahndung nach dem flüchtigen Sohn auf. Immerhin hatte ich nun eine heiße Spur, die Erste in diesem Fall.

Der Tag ging langsam zu Neige, ich wartete lesend allein in der Wache auf den jüngeren Kollegen. In einem der Bücher fand ich endlich, wonach ich gesucht hatte. Das Zeichen auf den Münzen, welches ich ursprünglich für einen Schmiss gehalten hatte, war in Wirklichkeit das chinesische Zeichen für »Böse«. Es war in der Ausführung ein wenig vereinfacht, aber unverkennbar. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie dieser kleine Rauschgifthändler in asiatische Verbrecherkreise geraten war. Er hatte dafür einfach nicht das Zeug, war einfach zu kleinkariert für das große Geschäft. Ebenso die junge Dame, es passte einfach nicht.

Das Telefon klingelte unvermittelt, riss mich aus meinen Gedanken. Es war mein Chef, der wissen wollte, wie die Ermittlungen standen. Ich berichtete ihm nur von den reinen Fakten, von der heißen Spur, die wir nun hatten. Er hörte kaum zu, befahl mir geradezu, den toten Rauschgifthändler als Mörder der jungen Frau auszugeben. Ich winkte ab, doch er beschwor meinen Menschenverstand, verwies auf das Versprechen, welches ich dem Bürgermeister gegeben hatte. Er drohte mit Disziplinarmaßnahmen und lockte mit Beförderungen in einem Atemzug. Nach gut zwanzig Minuten war das Gespräch zu Ende und ich bezweifelte immer mehr, dass mein Chef wirklich krank war.

Über dem Gespräch war der Kollege zur Nachtwache erschienen. Mir stand der Sinn nun wirklich nicht nach langen Erklärungen. Rasch packte ich meine Sachen zusammen und verließ sogleich die Wache. Müde und unzufrieden ging ich lange durch die heiße, feuchte Luft der kleinen Stadt, suchte nach einer Erklärung für das Verhalten meines Vorgesetzten. Es schwang in seiner Stimme etwas mit, was ich sonst nicht an ihm kannte. Und dass er wusste, dass ich mit dem Bürgermeister gesprochen hatte, gefiel mir gar nicht.

Am anderen Morgen fand ich in der Wache den flüchtigen Mann in der Zelle vor. Er war arg zugerichtet, die Festnahme musste ein wilder Kampf gewesen sein. Mein Kollege hatte schon wieder rote Augen und war froh, endlich nach Hause zu können. Sein Bericht, den er mir auf den Schreibtisch gelegt hatte, war knapp, aber gehaltvoll. Ich legte mir eilig eine Strategie zurecht, mit der ich den Kerl zur Aussage bringen wollte. Sicher hatte er Angst, ich würde mich an die Geschichte von damals erinnern und ihn deswegen hart angehen. Von den Schüssen einmal ganz zu schweigen.

Recht hatte er mit seiner Annahme. Ich war ganz schön sauer auf den Drecksack. Dennoch beherrschte ich mich und schlug ihn nur ein oder zwei Mal in den Bauch. Aber dies so feste, wie ich nur konnte. Dann, als er wieder Luft bekam, stellte ich meine Fragen. Anfangs schwieg er wie ein Grab. Immer, wenn ich dachte, er würde nun reden, biss er sich auf die Lippen und sagte kein Wort. Etwas schien ihm große Angst zu machen, etwas war furchterregender für ihn als Polizei und Gefängnis.

Wie beiläufig nahm ich die beiden bei den Toten gefundenen Münzen aus meiner Tasche. Ich drehte sie, während ich meine Fragen langsam wiederholte, spielend in der Hand. Starr sah er auf das Geld, zitterte vor Angst. Mit der Kopfseite nach oben legte ich sie vor ihm auf den Tisch. Dann fragte ihn, ob ich ihn laufen lassen solle. Das Gerücht, er hätte mit der Polizei einen Deal gemacht, wäre dann sehr glaubhaft gewesen. Ich sah ihn fest an und erklärte, dass ich dann wohl alsbald eine dritte Münze dieser Art in meiner Tasche hätte.

Das brach das Eis. Zitternd, mit vor Schreck geweiteten Augen sah er auf die Münzen, ängstlich gepresst kamen die Worte über seine Lippen. Er erzählte von dem Tag vor meinem Besuch auf dem Hof seines Vaters. Was er getan hatte, wo er gewesen war. Und dazu berichtete er von seinen Schiebereien in der Stadt. Ich tat so, als ob ich schon alles wüsste, nickte immer wieder freundlich und bestätigend. Wenn ich etwas nicht verstand, fragte ich nach. Aber die Türe zu seinem verbrecherischen Leben war offen.

Nach und nach fand ich heraus, wie in der großen Stadt Waffen gehandelt und Drogen umgesetzt wurden. Die Asiaten waren gut im Geschäft, alle Achtung! Und der Mann war ernstlich besorgt, sicher nicht ohne Grund. Obwohl er nicht viele Details kannte, wusste er doch, wer in die Fäden zog. Und er wusste, wie es Menschen ging, die mit der Organisation nicht konform liefen. Er hatte den Mord an der jungen Frau mit angesehen.

Der Grund für den Tod der beiden verriet er mir auch. Die junge Frau hatte dem Mann mehrfach Rauschgift gestohlen, was aber nicht sogleich bemerkt wurde. An dem Abend dann kam es zum Streit. Der Mann konnte seinen Zulieferern nicht das Geld zahlen, was er eigentlich mit dem Stoff hätte verdienen müssen. Er beschuldigte die junge Frau des Diebstahls und es kam zu einem kurzen Streit. Die Frau verließ das Zimmer, das kurz darauf von den Asiaten betreten wurde. Sie hatten sich über den Hintereingang Zugang verschafft und töteten, ohne lange zu fragen.

Einen Tag später erst erfuhren sie von der jungen Frau, die das gestohlene Rauschgift verkaufte. Nach einer kurzen Recherche überführten sie das Mädchen des Diebstahls und töteten auch sie. Ich fragte nach Details und er schüttelte sich bei dem Gedanken, wie brutal die Killer vorgegangen waren. Auch mir war übel. Keiner wird gerne an den Füßen aufgehangen, seiner Augäpfel beraubt und solange hängen gelassen, bis dass er wegen des Blutverlustes bewusstlos ist.

Ich überlegte, ob ich den Mann beruhigen sollte. Er hatte ja nicht viel anderes getan, als Hehlerware transportiert und den toten Mann in der Kneipe mit Drogen versorgt. Aber ich hatte keine Lust darauf, den Seelenheiler zu spielen. In der Zelle war er vor Übergriffen sicher, das sollte reichen. Außerdem war ich immer noch ärgerlich auf ihn, ich war eben nachtragend.

Nach dem Verhör rief ich kurz meinen Vorgesetzten an, informierte ihn über die Ereignisse und das Geständnis des Kerls. Aufgrund seiner Anordnung schrieb ich sofort einen Bericht über das Verhör, ergänzte ihn um meinen begründeten Verdacht, dass auch die beiden Morde auf das Konto der Asiaten gingen. Dann überließ ich die Wache meinem Kollegen. Ich kehrte in mein Apartment zurück, um die Mittagspause über zu schlafen. Mir war nicht gut, die Ereignisse überforderten mich.

An meinem Apartment angekommen sah ich, dass man meine Wohnungstüre aufgebrochen hatte. Vorsichtig, mit vorge-haltener Waffe, betrat ich meine Wohnung. Es war leer, doch es roch nach einem fremdländischen Parfüm. Zudem lag auf dem Tisch ein kleines Päckchen. Ich hob es auf, weder Absender noch Empfänger standen auf der Verpackung. Neugierig öffnetet ich es und fand, säuberlich in Seidenpapier eingewickelt, zwei Augenäpfel, einen Brief, einen Barscheck und etliche Belege über bereits abgerechnete Barschecks. Die Einreichungen waren von meinem Vorgesetzten gezeichnet. Diese Unter-lagen in den falschen Händen würde ihm den Job und die Pension kosten. Der Brief las sich wie folgt:

Sehr geehrter, fleißiger Herr Polizist,

 mit großem Interesse verfolgen wir Ihre Arbeit. Nun, da Sie einen unserer redseligen Mitarbeiter beherbergen, möchten wir Sie nicht länger über die Geschehnisse im Unklaren lassen.

 Durch ein Missgeschick zerbrachen wir ein nützliches Werkzeug, unseren treuen Mittelsmann. Er handelte vertrauensvoll mit unseren Waren und stand schon lange, ohne es zu wissen, in unseren Diensten. Ich denke, Sie haben unser freundliches Geschenk bei ihm gefunden. Leider war es ein Irrtum. Nicht er, sondern die junge Frau, versuchte uns zu übertölpeln. Wir waren sehr zornig und nahmen ihr Augenlicht, weil sie unsere Waren für sich selbst beanspruchte.

 Als Gegenleistung für Ihre Schweigsamkeit liegt diesem Schreiben eine angemessene Summe bei. Die beigefügten Belege werden Ihnen helfen, Ihren Vorgesetzten von den Vorzügen des Ruhestandes zu überzeugen und so den Weg für ihre Beförderung zum Dienststellenleiter freimachen.

 Bitte betrachten Sie Ihren jungen Gast ebenso als unser Geschenk und als Zeichen unserer besonderen Aufmerksamkeit.

 In der Hoffnung, Sie irgendwann einmal persönlich kennenzulernen, verbleiben wir in Freundschaft!

 

Die Unterschrift war unleserlich für mich. Doch den Inhalt des Briefes verstand ich nur allzu gut. Als Erstes zerriss ich den Scheck in viele, viele, kleine Teile. Dann las ich den Brief erneut, verstand ihn nun noch ein wenig besser, rannte wie gehetzt zu Wache. Die Türe war unverschlossen, ich rechnete damit, dass ich meinen Kollegen misshandelt auf dem Boden finden würde. Doch er war nicht an seinem Platz. Er wurde, wie er mir später berichtete, zu einem Notfall gerufen, der sich aber als blinder Alarm entpuppte.

In der Zelle fand ich den Mann hängend, an der feinen Schnur noch leicht baumelnd. Es sah aus wie Selbstmord und ich konnte noch nicht einmal das Gegenteil beweisen. Die Münze, die im aus der Hand gefallen war, und auf dem Boden lag, war wohl kaum Beweis genug. Ich nahm sie und hatte nun drei Stück von dieser Sorte. Und ich war in einer fatalen Situation, das war mir klar.

Spätestens, wenn der Bericht von meinem korrupten Chef gelesen wurde, wussten die Asiaten, auf welche Seite ich mich geschlagen hatte. Dadurch, dass ich das Geld nicht angenommen hatte, wussten sie aber auch, dass ich nicht bestechlich war. Und wer nicht der Freund der Asiaten sein kann, der wird allzu leicht als Feind dieser Kultur erachtet. Warum sie meinen Chef nicht mehr als Leiter der Wache haben wollten, ich weiß es nicht. Vielleicht, weil er zu alt war. Oder, weil er schwierige Entscheidungen meist anderen, sprich mir, überließ.

Ich entschloss mich, zuerst einmal in dem konkreten Fall Ruhe zu schaffen. Den bereits vorgefertigten Bericht zerriss ich. Lange dauerte es, bis ich die Sache so dargelegt hatte, dass sie frei von Widersprüchen war. Doch irgendwann war es dann doch fertig. Im Groben stand in dem Report, dass der aufgefundene Rauschgifthändler wahrscheinlich die junge Frau im Wahn getötet habe. Seinen Tod konnte ich nicht plausibel erklären. Ich formulierte die Vermutung aus, dass es sich bei dem Mord um Streitigkeiten zwischen kleineren, lokalen Banden gehandelt hätte. Den vermeintlichen Selbstmord des Mannes in der Zelle erklärte ich mit seiner depressiven Verstimmung und seiner Angst, nun wegen seiner Verfehlungen belangt zu werden.

So ging der Bericht, nachdem ich ihn meinem Vorgesetzten am Telefon vorgelesen hatte, an die große Stadt. Sicherlich sorgte meine Darstellung für Beruhigung in den Verbrecherkreisen. Übrigens, mein jüngerer Kollege prahlte eine ganze Woche bei allen seinen Freunden damit herum, dass er den wahren Tatbestand gleich zu Anfang gerochen hatte.

Wie in dem Brief angeraten, nutzte ich die Belege, um meinen Chef zum Ruhestand zu überreden. Er wirkte wie befreit, als ich ihm die Papiere zeigte, stimmte erleichtert meinem Anliegen zu. Noch in der gleichen Woche kündigte er und zog sich auf sein Landhaus zurück.

Ganz anders der Bürgermeister. Er weigerte sich lange, aus seinem Privatvermögen größere Summen für wohltätige Zwecke zu spenden. Er glaubte mir nicht, dass ich bereit war, seinen Namen im Zusammenhang mit den außergewöhnlichen Aufführungen der Nachtbar zu nennen. Ich musste tatsächlich zum Telefonhörer greifen und die Nummer der örtlichen Zeitung wählen, bevor er mit hochrotem Kopf zustimmte. Eigentlich hatte ich ihm damit einen Gefallen getan, er wurde zweimal wiedergewählt.

Aus Sicht der Asiaten war nun, so hoffte ich, alles wieder in bester Ordnung. Es war nur eine Sache der Zeit, ehe ein neuer Drogenhändler gefunden war. Das Geschäft würde nicht lange brachliegen, das war mir klar. Ebenso klar war mir, dass ich kaum eine Chance gegen die Organisation hatte. Ich wusste nicht einmal, welchen Kollegen ich vertrauen konnte. Die Idee, mich an die Behörde der großen Stadt zu wenden, verwarf ich sofort. Genau da saß wahrscheinlich ein Informant. Und wahrscheinlich saß in der Behörde darüber auch ein solcher. Ich konnte einfach nicht absehen, wie sehr die Organisation den Polizeiapparat durchsetzt hatte.

Noch ein Mal kam ich in Kontakt mit den Asiaten. Ich schloss gerade meine Wohnung auf, als wie aus dem Nichts Schatten auftauchten und mich hinein schubsten. Ein harter Schlag in die Magengrube zwang mich zu Boden. Kräftige Hände hoben mich empor und setzten mich auf einen Stuhl. Irgendwer mit fremdem Akzent fragte, warum ich den Scheck nicht eingelöst hatte. Keuchend antwortete ich, dass ich es nicht getan hatte, um weiterhin frei zu sein.

Vor meinen Augen erschien eine Hand, es fehlten ihr zwei Fingerkuppen. Sie legte eine Münze auf den Tisch, nahm dann mein Kinn und hob es hoch. Ich sah in stählerne Augen, hörte eine Stimme, die sagte, ich solle mir etwas Schönes davon kaufen. Die Worte waren kaum verklungen, als mich der Mann, der mein Kinn hochhielt, mir ins Gesicht spuckte. Dann ließ er mich los und der Spuk war vorbei. Warum man mich leben ließ, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich keinem von der Bande einen Grund geben werde, es sich anders zu überlegen.

Die Leitung der Wache übernahm ich doch nicht. Ich gab vor, mich in der Nacht weiterbilden zu wollen. Zudem brauchte mein Kollege die Beförderung, und vor allem das Geld, für seine Frau und die Kinder dringender als ich. Er hatte sich schon einen größeren Wagen bestellt und wollte auch in ein größeres Haus umziehen. Wie auch sein Vorgänger beschränkte er seine Arbeit auf die Ermittlung von Verkehrssünden und Ehebrüchen. Dass unsere Stadt im Rauschgift schwamm, war ihm egal. Auch die hohe Zahl an Einbrüchen und Diebstählen konnte ihn nicht beeindrucken. Den Grund kannte ich ja nun, aber ich schwieg.

Die beiden Augen aus der Schachtel vergrub ich an einer schönen Stelle im Wald, weit weg von den Wegen, die ich sonst für gewöhnlich ging. Es tat mir leid um die junge Frau. Sie wusste einfach nicht, mit welcher Sorte Menschen sie sich angelegt hatte und musste ihre Naivität teuer bezahlen. Was ich mit den vier gezeichneten Münzen tun sollte, wusste ich nicht. Irgendwann warf ich sie einem Bettler in den Hut, so taten sie dann am Ende doch noch ein wenig Gutes, trotz ihrer bösen Gravur und ihrer makabren Geschichte.

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