Mörderische Geschichten-Es kann jeden treffen | Elvea Crimetime (Sofort lesen) Noch keine Bewertung

DRINGENDE WARNUNG!!!
Ob im Süden, Norden, Osten oder Westen dieses Landes, überall morden und meucheln die Autoren und Autorinnen des Elvea Verlages, was ihnen unter die Feder kommt.
Haben Sie schon einmal nachgesehen? Sie sollten es tun. Vielleicht im Haus oder schauen Sie Ihrem Partner, Ihrer Partnerin einmal intensiver in die Augen. Es könnte sonst auch Sie treffen. Was genau? Dieses Buch könnte Sie retten. Denn - es kann jeden treffen.
Diese Mörderische Geschichten schrieben für Sie: Claus Beese, Alexander Brummer, Antje Haugg, JM Holland, Carsten Kupka, Daria Robjani, Heike Susanne Rogg, Michael Suhr, Werner Thieke und Simone Weber.

***

Mord in Kamerun

Antje Haugg

Die Sonne war leuchtend orangerot über Kamerun aufgegangen, ein paar Schritte über den Himmel gewandert und hatte auf ihrem Weg einen blassgelben Farbton angenommen. Der frühe Morgen hatte schon einen wunderschönen, warmen und gleißend hellen Sommertag versprochen, und er hielt Wort.

Mittlerweile waren die Morgengesänge der Vögel ver­stummt, intensives Grillenzirpen hatte sie abgelöst. Die um­stehenden Bäume spendeten ein wenig Schatten und Kühle, aber nicht genug. Die Hitze würde am späten Nachmittag unerträglich werden. Es hatte lange nicht geregnet, sodass die spärlichen Grashalme beleidigt ihre Spitzen hängen ließen und eine kränklich-braune Färbung aufwiesen.

Ebenfalls eine kränklich-braune Färbung wies der Wirt auf, der vor seiner Ausflugsgaststätte ›il Tramonto‹ im Gras lag. Eine Grille saß auf seiner Nasenspitze und zirpte ihm einen hysterisch anmutenden Totengesang. In seiner Brust steckte ein großer Wurfspeer, dessen nicht blutbeflecktes Ende wie der Zeiger einer Sonnenuhr zum Himmel auf­ragte.

Wesentlich hysterischer noch als die Nasenspitzengrille kreischte die Frau auf, die soeben zur Witwe geworden war, als sie ihren Mann in diesem Zustand entdeckte. Und dieses Kreischen sollte so schnell nicht aufhören …

***

Kriminalhauptkommissarin Julia Lehmann kaute gelangweilt auf dem Ende ihres Kugelschreibers herum, während ihr Kollege Stefan Siems ihr gegenüber an seinem Schreibtisch saß und sie amüsiert beobachtete. In der Ecke ihres Büros surrte ein Standventilator, ohne viel zu bewirken. Die stickige Luft waberte dickflüssig durchs Zimmer und erschwerte das Atmen. Die Hitze war hier in der Bayreuther Innenstadt schon am späten Vormittag schier unerträglich. Es war der heißeste Juli seit Jahren, und außerdem der trockenste. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet, und die Festspielstadt lechzte wenige Tage vor der Premiere regelrecht nach Regen und Abkühlung. Vergeblich – keine Aussicht auf ein Gewitter oder gar ein richtiges Tief. Niemand bewegte sich mehr als nötig, alle schleppten sich lethargisch durch die Tage. Sogar die Verbrecher schienen Sommerferien zu machen: Es passierte so gut wie gar nichts, nicht einmal simple Taschen- und Trickdiebstähle wurden gemeldet. Dementsprechend unterbeschäftigt saßen die beiden Kriminalbeamten an ihren Tischen. Der Nordbayerische Kurier von heute war bereits gelesen, sie waren also zu untätigem Warten auf den Feierabend verurteilt, denn auch der leidige Papierkram war schon aufs Laufende gebracht.

Als sich das schrille Klingeln des Telefons seinen Weg durch die zähe Luft bahnte, schreckten beide hoch und jeder versuchte, als Erster den Hörer zu erwischen. Stefan war einen Tick schneller als Julia und streckte ihr triumphierend die Zunge heraus, bevor er sich meldete. Doch dann wurde er sehr schnell ernst.

Nach wenigen Minuten, die sich für Julia endlos dehnten, legte er auf und winkte ihr aufzustehen.

»Arbeit, Julia – wir müssen nach Kamerun. Da liegt eine Leiche, mit einem Speer aufgespießt.«

Er angelte nach dem Autoschlüssel und wartete mit einem Anflug von Ungeduld auf seine Kollegin, die noch eine lauwarme Flasche Mineralwasser aus ihrer Schublade holte, bevor sie ihm folgte.

Gerade wollten sie zur Zimmertür hinaus, als diese von außen so schwungvoll aufgerissen wurde, dass Stefan sie beinahe an den Kopf bekommen hätte. Im letzten Moment ging er einen Schritt zurück, und das war auch gut so, sonst hätte ihn Staatsanwalt Strasser wohl über den Haufen gerannt. Strasser, den alle hinter vorgehaltener Hand ob seiner Körpergröße nur den Bonsai nannten, schnarrte sofort wü­tend los:

»Sagen Sie mal, was ist denn das nun wieder für ein schlechter Scherz?!? Ist da jemandem die Hitze nicht bekommen? Was haben wir denn bitteschön mit einem Mord in Kamerun zu schaffen? Müssen wir demnächst auch nach Syrien oder Afghanistan, wenn dort jemand umgebracht wird? Ich verbitte mir solche Anrufe!«

Julia schnaufte genervt durch. Jedes Mal war es dasselbe mit Strasser: Er schaffte es innerhalb von fünf Sekunden, sie auf die Palme zu bringen. Auch heute wieder. Und wie meistens war sie nur zu bereit, sich mit dem Bonsai anzulegen.

»Herr Strasser, darf ich Sie darauf hinweisen, dass dieser Anruf nicht von uns kam, sondern von der Leitstelle? Und davon abgesehen: Sie leben jetzt doch auch schon seit drei Jahren in Bayreuth – da müssten Sie mittlerweile auch wissen, dass es nach Kamerun keine fünf Kilometer sind. Von daher in unserem Zuständigkeitsbereich, und deswegen fahren wir jetzt hin. Also halten Sie uns bitte nicht von unserer Arbeit ab – Sie sind es doch, der es nie erwarten kann, dass endlich Ergebnisse auf dem Tisch liegen.«

Mit diesen Worten rauschte sie an Strasser vorbei und hinaus in die drückende Hitze, gefolgt von ihrem grinsenden Kollegen Stefan. Undeutlich war eine laut knallende Tür zu hören, der Schall schien in der heißen Luft stecken zu bleiben.

»Das war der Bonsai – jetzt ist er wieder auf 180«, kommentierte Stefan und öffnete die Autotür. Sie wichen zurück, da drin war es tatsächlich noch wärmer, obwohl das Auto im Schatten geparkt war.

Es half nichts: Sie mussten hinein und zum Tatort fahren. Julia fluchte leise, als sie das brennend heiße Gurt­schloss anfasste. Sie öffneten sämtliche Fenster und fuhren los, über die Nürnberger Straße in Richtung Wolfsbach auf die Bundesstraße und dann links in den Wald hinein, zu der idyllisch gelegenen Ausflugsgaststätte Kamerun, auf einer versteckten Waldlichtung, umgeben von hohen Bäumen, die Schatten spendeten – ohne heute Abkühlung zu ver­schaffen.

Kurz nachdem sie in den Wald abgebogen waren, bemerkte Julia einen etwa einen Meter großen, auberginefarbenen, dirigierenden Wagner, der am Straßenrand auf einem Sandsteinquader stand. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Diese Hörlfiguren standen doch wirklich überall! Der Künstler hatte, nachdem seine hundertfach angefertigten Russhunde, Wagners Lieblingshund, sehr erfolgreich gewesen waren, nachgelegt und den Meister selbst in großer Stückzahl und einer gewöhnungsbedürftigen Farbauswahl in ganz Bayreuth verteilt.

Noch bevor sie die Leiche sahen, wies ihnen der Schaft eines großen Wurfspeers den Weg, und direkt daneben sahen sie Doktor Kollrab werkeln, der den Toten bereits untersuchte. Er nickte den beiden Beamten freundlich zu, wie immer fasziniert von seiner Arbeit.

»Grüß Gott miteinander! Sehen Sie nur: Der Mörder hat ganze Arbeit geleistet. Ein Volltreffer mitten ins Herz, und das mit diesem Speer. So wie ich es einschätze, aus Distanz geworfen. Das muss ein Profi gewesen sein, der hat nicht zum ersten Mal so ein Gerät in der Hand gehabt. Und ich gehe davon aus, dass der Täter ein Mann war – oder eine professionelle Speerwerferin. Da steckt Kraft dahinter.«

Kollrab bückte sich und zeigte auf die Brust des Toten, die schwarz war von getrocknetem Blut.

»Der Mann musste nicht leiden. Ich schätze mal, bevor er überhaupt wusste, was los ist, war er schon tot.«

Er strahlte Julia regelrecht an. Es war unglaublich, wie sehr Kollrab in seiner Arbeit aufging.

Julia nickte ihm zu und fragte: »Weiß man, wer der Tote ist?« Ein Streifenbeamter, der sich bisher dezent im Hintergrund gehalten hatte – Julia kannte nur seinen Vornamen Michel – , kam jetzt hinzu und übergab Julia einen Personalausweis.

»Der steckte in seiner Gesäßtasche. Offenbar ist das der Wirt, Angelo di Lorenzo. Seine Frau hat uns angerufen, der Kollege Brunner sitzt mit ihr innen in der Gaststube und befragt sie. Sie war komplett durch den Wind, deswegen ist er mit ihr rein, damit sie das Bild nicht ständig vor Augen hat.« Er machte eine vage Handbewegung in Richtung Haus. »Wenn ich dann nicht mehr gebraucht werde … ich müsste zum nächsten Tatort.«

Julia blickte ihm erstaunt ins Gesicht. »Wie jetzt? Erst passiert tagelang überhaupt nichts, und dann gleich zwei Einsätze gleichzeitig?«, fragte sie verblüfft.

Michel nickte und begann zu grinsen. »Ja, und wenn man so will, auch wieder Mord. Nur diesmal an Gartenzwergen.«

»Gartenzwergen.« Julia war so verdattert, dass sie das Wort nicht einmal mehr als Frage formulierte.

»Irgendein Irrer hat in den 99 Gärten angeblich alle Gartenzwerge auf einen Haufen getragen und zerschlagen. Und wie auf einem Grabhügel hindrapiert.«

Der Uniformierte schleppte sich durch die Hitze zu seinem Auto zurück und fuhr davon. Julia schüttelte unwillig den Kopf, nicht sicher, ob sie wohl schon an hitzebedingten Wahnvorstellungen litt. Schließlich ging sie in die Gaststube hinein, wo Michels Kollege Brunner gerade die Personalien der Witwe aufgenommen hatte. Sie stellte sich vor und sprach Frau di Lorenzo ihr Beileid aus. Die arme Frau saß vollkommen schockiert und gebrochen auf einem der rustikalen Stühle, ein großes Geschirrtuch in den Händen, das sie abwechselnd zu einem Strang verdrillte und als über­dimensionales Taschentuch verwendete. Kollrabs Beruhigungsspritze hatte ihr Kreischen in leises Weinen abflachen lassen.

»Frau di Lorenzo, können Sie sich das Ganze erklären? Ich meine, hatte Ihr Mann Feinde? Oder gab es einen konkreten Anlass für die Tat, einen Streit vielleicht?«

Wieder schnäuzte sich die Witwe kräftig in das Geschirrtuch, bevor sie stockend antwortete.

»Da war wirklich was. Vor ein paar Tagen hat uns ein Kerl angerufen, seinen Namen hat er nicht gesagt. Und der wollte uns das Anwesen abkaufen. Einfach so, das müssen sie sich mal vorstellen. Ruft an, fällt mit der Tür ins Haus, ohne lange rumzureden, und bietet uns eine halbe Million. Abgesehen davon, dass der Preis lächerlich war – er meinte, wir hätten drei Tage Bedenkzeit. Drei Tage! Natürlich hat mein Mann abgelehnt, als dann der zweite Anruf kam. Aber zuvor hat er gefragt, warum der denn überhaupt unseren Gasthof haben will und sich keinen pachtet. Meinte der doch glatt, er braucht keine Kneipe, was er vorhat, das wäre Kunst, die den Hörl blass werden lässt. Und dann hat er noch was gefaselt von Festspielhäusern und großen Dimensionen. Mein Mann hat gar nicht mehr richtig zugehört und gleich gesagt, wir verkaufen nicht. Dann hat der Kerl gebrüllt, wir würden der Kunst im Weg stehen und hätten die Folgen zu tragen.«

Sie weinte heftiger und schnäuzte sich abermals. Und wieder hatte Julia das Gefühl, hitzebedingt zu halluzinieren. Sie gab sich einen Ruck und hakte nach: »Und warum haben Sie nicht gleich die Polizei informiert, wenn Sie bedroht wurden?«

Erneutes Schluchzen. »Wir haben das doch nicht ernst genommen. Wir haben gedacht, das ist ein Spinner, der sich einen schlechten Scherz erlaubt. Und jetzt ist mein Angelo tot …«

Die weiteren Ermittlungen vor Ort ergaben absolut nichts. Zwar fanden die Beamten die Stelle, wo sich der Täter versteckt gehalten und von wo aus er auch den Speer geschleudert hatte, aber außer zertrampeltem Gras fanden sich dort keine Spuren, schon gar keine verwertbaren. Schließlich räumten sie das Feld und fuhren frustriert zurück in die Stadt. Michels Kollegen, den dieser offensichtlich komplett vergessen hatte in seinem Eifer von einem Tatort zum nächsten zu fahren, nahmen sie mit zur Dienststelle.

Dort erwartete sie zumindest ein Hinweis auf die Tat­waffe: Eine Angestellte des Iwalewahauses hatte angerufen und einen Einbruch gemeldet, bei dem ein Speer gestohlen worden war. Ein Gastgeschenk einer Delegation aus Kame­run, die vor einiger Zeit den Lehrstuhl für Afrikanologie besucht hatte. Die SpuSi war bereits vor Ort und machte das, wonach sie benannt worden war, nämlich Spuren sichern.

Julia seufzte frustriert und öffnete die nächste lauwarme Wasserflasche. Um das Kraut gar fett werden zu lassen, hatte der Getränkeautomat vorgestern seinen Geist aufgegeben, und der Kundendienst war frühestens für morgen angekündigt. Kühlschrank stand natürlich auch keiner zur Verfügung, denn die Ämterkantine war in einem anderen Gebäude untergebracht.

Stefan griff sich eine Akte und fächelte sich damit Luft zu. »Das ist ja mal richtig übel. Wir haben wirklich gar nichts in der Hand. Wenn die SpuSi im Iwalewahaus genauso wenig findet wie in Kamerun, dann sehe ich ziemlich schwarz.«

»Und an Strasser will ich gar nicht denken – der wird so was von hochgehen, wenn er das hört, dass man ihn bis in die Fußgängerzone schreien hören wird«, stöhnte Julia genervt. In diesem Moment klingelte ihr Handy, und es meldete sich ein Herr Bauer. Julia brauchte einen Moment, bis die den Nachnamen und die Stimme richtig zuordnen konnte. Dann wusste sie, dass Michel auch einen Nachnamen hatte.

»Michel? Was gibt es denn? Was macht dein Gartenzwergmord?«

***

Michel Bauer fuhr mit dem Streifenwagen die Scheffelstraße hinauf, bog rechts ab in Richtung Kreuz und stellte das Auto auf dem kleinen Parkplatz am Rabenstein direkt neben einem Blumenfeld ab, das hier mitten in der Stadt für far­benfrohe Kleckse sorgte und gerne besucht wurde, um sich mit ganz frischen Schnittblumen einzudecken. Allerdings war es aktuell selbst dazu zu heiß, und die Gladiolen und Cosmeen ließen traurig die Köpfe hängen, wohl wissend, dass sie hier zerknittert verblühen würden, ohne jemals ein Wohnzimmer oder einen Küchentisch zu schmücken. Sie hatten zu wenig Wasser, um ein ansprechendes Äußeres zu gewinnen. Und die Bayreuther waren so gelähmt von der Hitze, dass ihnen der Sinn nicht danach stand, sich auf einem Blumenfeld einen Sonnenstich einzufangen. Entspre­chend leer war der Parkplatz, und Michel schaute sich kurz um, bevor er zielstrebig auf eine Hecke am Feldrand zu marschierte. Es waren nur wenige Schritte, aber schon wieder lief ihm der Schweiß aus allen Poren. Ohne großes Suchen entdeckte er die abgesperrte Eingangstür der Klein­gartenkolonie ›99 Gärten‹, und wie am Telefon besprochen rief er in die Anlage hinein: »Hallo? Frau Niklas?«

Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis die Gerufene aus ihrem Garten kam und ihm die Tür aufsperrte.

»Das ist ja prima, dass Sie so schnell gekommen sind. Ich zeig Ihnen gleich mal den Ort des Verbrechens, kommen Sie herein. Ich frag mich ja nur, wo unser Vorstand bleibt, der Herr Bruckner. Ich hab ihm schon dreimal aufs Band gesprochen, aber er ruft mich nicht an. Der weiß ja noch nicht mal was von der Geschichte. Na ja, macht ja nix, dann zeige eben ich Ihnen alles.«

Sie liefen langsam über kurz geschorenes, halb vertrock­netes Gras an den einzelnen Schrebergärten vorbei. Schließlich blieb Petra Niklas vor einem offenbar nicht verpachteten Gärtchen stehen und zeigte hinein. Das Gras stand kniehoch und gelb auf dem Rasen, die Beetflächen lagen brach und waren mit verwelktem Unkraut durchsetzt. Auf einem Beet direkt neben dem dunkelbraunen Garten­häuschen mit Hirschgeweih über der Eingangstür lag ein bunter Tonscherbenhaufen, etwas mehr als zwei Meter lang, einen guten Meter breit und ungefähr 50 Zentimeter hoch. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass es sich hierbei wohl um die Reste von Gartenzwergen handelte. An einem Ende des Grabhügels lagen keine Tonscherben, son­dern die Billigvarianten in Plastik, denen allesamt die Köpfe abgesägt worden waren. Michel starrte teils fasziniert, teils fassungslos auf den Ort der Verwüstung.

»So, jetzt schauen Sie sich das mal selbst an. Ich hab ja schon am Telefon gesagt, dass der Verrückte offenbar in der ganzen Kolonie unterwegs war und so gut wie alle Gartenzwerge eingesammelt haben muss. Die hat er dann wohl hierher geschleppt und alle kaputt gemacht.«

Michel schüttelte ratlos den Kopf. »Also, ich kann die Spurensicherung anfordern, aber die sind grad mit einem Mord beschäftigt. Das kann dauern. Und ob es viel bringt, ist die nächste Frage. Aber ich probier's.« Er telefoniert kurz und wandte sich dann wieder der braungebrannten Frau zu, die traurig die Zwergenreste begutachtete.

»Meinen Sie, den findet man überhaupt?«, fragte sie, und an ihrem Tonfall konnte man erkennen, dass sie nicht dieser Meinung war. Er nickte ihr verständnisvoll zu.

»Überlegen Sie es sich, ob sie wirklich Anzeige erstatten wollen. Schauen Sie, ich hab grad meine Kollegin angerufen. Die meint, dass die Spurensicherung wohl auf absehbare Zeit nicht abkömmlich sein wird. Und wer weiß, ob man überhaupt was findet. Also wenn der Kerl Handschuhe angehabt hat … und vermutlich war das eh irgend so ein Dummejungenstreich. Vielleicht wäre es am Sinnvollsten, das Ganze einfach auf sich beruhen zu lassen?«

Petra Niklas seufzte. So etwas ähnliches hatte sie sich schon gedacht gehabt.

»Wenn nur unser Vorstand kommen würde, ich weiß gar nicht, wo der nur bleibt … Ganz ehrlich: Wenn es nach mir ginge, dann lassen wir das Ganze gerne auf sich beruhen. Aber ich muss erst mit dem Vorstand reden. Oder einen Aushang machen? Was meinen Sie denn? Haben wir überhaupt eine Chance, dass dieser Irrsinn aufgeklärt wird?«

Michel Bauer schüttelte bedächtig und schweißtriefend seinen Kopf. »Wenn ich ehrlich sein soll – nein. Haben Sie denn keine Vereinskasse, mit der man Ersatzzwerge be­zahlen kann?«

Petras Augen leuchteten auf. »Na klar! Und zufällig bin ich Kassenwart. Ich weiß zwar nicht, ob es sinnvoller ist, Gartenzwerge zu kaufen anstatt Bierkästen von dem Geld. Aber andererseits, wenn ich mir einige Pappenheimer hier so anschaue, denen tut's besser, wenn sie mal nüchtern sind.« Sie lachte. »Ich könnte mir eh vorstellen, dass die meisten froh darüber sind, dass die scheußlichen Zwerge endlich weg sind. Also, ich bin's wenigstens.«

»Ich wär's ehrlich gesagt auch. Aber ich werde zumindest einige Fotos vom Tatort machen und den Fall aufnehmen. Also, wann ist das Ganze denn passiert?«, fragte Bauer.

Petra Niklas zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Tut mir leid, aber so ganz genau kann ich das nicht sagen. Sie sehen ja selbst, dass bei der Hitze kein Mensch hier ist. Ich ja auch nur, weil ich Urlaub habe und meine Ruhe haben will. Aber die meisten Gärtner kommen nur nach Sonnenuntergang zum Gießen her. Denen ist es ein­fach zu heiß. Mir nicht, mir kann's nicht warm genug sein.« Tatsächlich schien ihr die Hitze wesentlich weniger zuzu­setzen als dem Beamten. Was mit Sicherheit auch daran lag, dass sie wesentlich luftiger angezogen war als er. Jedenfalls konnte man ihr ansehen, dass sie das Wetter genoss. »Ungefährer Zeitpunkt?«, hakte er nach. Sie legte den Kopf schief, überlegte kurz. »Also, vor drei Tagen bin ich hier vorbei gekommen, da war es noch nicht. Und vor zwei Tagen hat mich der Großhuber von ganz hinten, unten, drauf angesprochen, dass ihm sein Gartenzwerg am Weiher abgeht. Ich weiß ja nicht, ob dieser Irre alle Zwerge in einer Aktion hierher gebracht hat oder nach und nach.«

Michel Bauer knipste seine Fotos, machte sich einige Notizen und ramschte dann lustlos in dem Scherbenhaufen herum, ohne wirklich nach etwas zu suchen. Schließlich hob er den Kopf eines dümmlich grinsenden Schlumpfs hoch, starrte ihn verständnislos an und ließ ihn zurück auf den Grabhügel fallen.

Petra Niklas musste wieder lachen. »Das ist der nackte-Hintern-Schlumpf, eigentlich ist das ja Stilbruch, ein Schlumpf statt Zwerg. So was stellt sich nur der Niedermayer auf. Ich denk mal, um den Rest der Welt zu ärgern. Da ist die andere Hälfte …«, sie bückte sich und angelte nach einem himmelblauen Torso mit heruntergelassener weißer Hose.

Bauer zog die Augenbrauen hoch und verzog das Gesicht. »Zumindest wissen wir jetzt, dass der weiße Puschel nicht nur die Hose ist«, stellte er fest und machte Anstalten zu gehen.

»Moment, ich komm mit und sperr Ihnen auf.«

Als sie sich an der Eingangstür verabschiedeten, fiel Petras Blick nach rechts. Irritiert ging sie einen Schritt weiter und zeigte auf den kleinen Wagner, der da vor der Hecke stand und enzianblau vor sich hin strahlte.

»Das wird immer närrischer, jetzt steht sogar da schon so ein komischer Kerl. Reicht es denn nicht, dass die Innenstadt mit denen zudrapiert ist?« Kopfschüttelnd ging sie wieder zur Tür zurück. »Also, ich kann dann die Scherben wegräumen? Oder soll das noch so liegenbleiben?«

Michel Bauer schüttelte den Kopf. »Nein, das kann weg. Aber das machen Sie jetzt nicht allein, oder?«

»Ach, dann hab ich wenigstens eine Beschäftigung – mein Buch hab ich eh schon durch.« Sie nickte ihm kurz zu und verschwand hinter Büschen und Hecken.

Michel Bauer schleppte sich zu seinem Dienstauto zurück und öffnete erst einmal sämtliche Fenster und Türen, bevor er stöhnend einstieg und ins Büro zurückfuhr.

Während er seinen Bericht verfasste, schlenderte Petra Niklas zum Vereinsheim hinüber und holte einen großen Schubkarren aus dem Geräteraum. Dann machte sie sich an die Arbeit und lud die Scherben ein. Die Plastikzwerge würde sie getrennt entsorgen. Schnell war die Schubkarre gefüllt. Da sie der Meinung war, die männlichen Vorstands­mitglieder könnten durchaus auch einen Beitrag leisten, holte sie kurzerhand einen zweiten Schubkarren und ließ den gefüllten einfach stehen. »Der müsste aber hoffentlich ausreichen für die Tonscherben«, murmelte sie vor sich hin. Nochmals versuchte sie, Paul Bruckner zu erreichen. Plötz­lich horchte sie auf und steckte ihr Handy wieder ein. Paul musste schon ganz in der Nähe sein – sie hatte seinen Klin­gelton erkannt. »Na endlich!«, rief sie erleichtert. »Paul, hier bin ich. Komm mal her und schau dir das Chaos hier an. So was hast du noch nicht gesehen!«

Keine Antwort.

»Paul? Hier bin ich, im Schrödersgarten. Kommst du?«

»Paul?«

»Paul, ich hab doch grad dein Handy klingeln gehört. Jetzt hör auf mit dem Quatsch und komm her. Es ist wichtig.«

»Paul!?!«

Genervt fischte sie ihr eigenes Handy wieder aus der Hosentasche und klingelte noch einmal durch. Da! Ganz deutlich war es zu hören, Pauls Handy. Petra schaute sich suchend um, dann horchte sie genauer hin und versuchte herauszufinden, woher die Melodie kam. Sie stutzte.

»Paul, sag jetzt aber nicht, dass du das warst mit den Zwergen!«, rief sie empört.

Es klingelte unter der schon flacher gewordenen Scher­benschicht. »Das gibt’s doch nicht, der Paul wird das an­gerichtet haben und dabei hat er sein Handy verloren« murmelte sie und begann, die Zwergenteile auf die Seite zu schaffen, um an Pauls Handy heranzukommen. Dann hör­te sie damit auf, verwirrt, verunsichert. Das Beet war frei­geräumt, aber das Handy nicht zu sehen. Sie wählte noch­mal Paul Bruckners Nummer. Das Klingeln kam aus der Erde.

Petra Niklas begann zu wühlen, vorsichtig, zaghaft. Die Erde war locker und sandig, ansonsten wäre sie durch die Trockenheit schon längst steinhart geworden. So aber kam sie rasch tiefer. Und sie musste auch nicht besonders tief graben, denn plötzlich fühlten ihre suchenden Finger etwas nicht Erdiges. Etwas, das auf seltsame Art gleichzeitig kalt und lauwarm war, fest und weich. Sie fasste es – das war kein Handy. Sie zog daran. Paul Bruckners Daumen bahnte sich seinen Weg ans Sonnenlicht. Kalt und lauwarm, fest und weich, blass und dunkel verkrustet zugleich.

Petra Niklas kippte nach hinten.

... weiterlesen


Danke, dass Sie diesen Auszug aus dem kostenpflichtigen Beitrag gelesen haben. Sie können den vollständigen Beitrag lesen, nachdem Sie ihn gekauft haben.

Jetzt lesen, später zahlen

  • Jetzt kaufen

    Stimmen Sie einfach zu, später zu zahlen.
    Keine Vorabregistrierung. Keine Vorauszahlung.

  • Sofort lesen

    Greifen Sie sofort auf Ihren Kauf zu.
    Sie kaufen nur diesen Beitrag. Kein Abo, keine Gebühren.

  • Später zahlen

    Kaufen Sie mit LaterPay, bis Sie 5 EUR erreicht haben. Erst dann müssen Sie sich registrieren und bezahlen.

powered by

48-Stunden-Pass

48 Stunden Zugang zu allen Inhalten -Sofort lesen

Zurück

Gültigkeit 2 Tage
Zugriff auf Alle Inhalte in Kategorie Sofort lesen
Verlängert sich Keine automatische Verlängerung
Preis 4,99 EUR

Ihre Bewertung