Eine Geschichte über Veränderungen, über Liebe und das Chaos eines Lebens. Paula hat es geschafft. Sie ist Bestsellerautorin.

Doch bei einer Lesung taucht jener Mann wieder auf, der Inspiration ihres Bestsellers war und den sie aber längst aus ihrem Leben gestrichen hatte. Turbulente Zeiten brechen an und nichts bleibt, wie es war: Ihr Verleger entpuppt sich als doch nicht so guter Freund, wie gedacht und ihre beste Freundin ist alles andere als begeistert von der alten, neuen Liebe. Paula gerät wieder und wieder zwischen die Fronten und wird auf zahlreiche Zerreißproben gestellt. Wartet am Ende das Happyend oder der Untergang?


»Ich weiß es nicht. Es gibt kein Rezept, keine Anleitung für das Buch. Ich schrieb Träne des Phönix nicht mit der Erwartung, einen Bestseller zu landen. Ich hatte diese Geschichte im Kopf und fand sie wert genug, sie niederzuschreiben. Nicht mehr.«

Der Fragensteller kratzte sich am Kinn und schleuderte die nächste Frage: »Sie haben aber bereits vor diesem Werk eine Trilogie herausgebracht, die bis dato von eher mittelmäßigem Erfolg gekrönt ist. Was ist es also? Was ist die Besonderheit zu diesen drei anderen Büchern, die diesen Blitzerfolg hervorgerufen hat?« Schon allein wie dieser Typ seine Augenbraue über den rahmenlosen Rand seiner Brille hob, war mir zuwider. Klatschpresse. Er schrie es mit seiner gesamten Mimik und Gestik heraus. Sein Plan war, mir irgendetwas zu entlocken. Ein kleines, verstecktes Geheimnis, ein Wort, welches sich für eine Schlagzeile breittreten ließ. Matthias hatte mich vorgewarnt. Und ich war nicht dumm. Ich konterte einfach:

»Das Besondere ist, dass nichts an diesem Buch besonders ist. Zwei einfache Leute, wie Sie und ich. Nicht besonders schön, nicht besonders reich und auch ohne besondere Fähigkeiten, lieben sich. Leben eine Liebe, wie viele sie kennen oder kannten. Höhen, Tiefen, Freude und Trauer. Ich denke, dies ist der Grund, warum so viele Leser dieses Werk mögen. Weil sie sich damit identifizieren können. Am Ende ist dieses Buch das genaue Gegenteil dessen, was Sie und andere Kollegen ihrer Zunft, drucken: das einfache Leben ohne Effekthascherei.«

Herr Reporter lief rot an und nahm verlegen den Finger vom Aufnahmeknopf seines Geräts. Von ihm war keine weitere Frage zu erwarten. Dafür kamen andere. Brennende Wissbegier, wo die nächste Lesung stattfand, ob und was ich momentan schrieb und natürlich: würde eine Fortsetzung kommen? Ich gab brav wie geprobt die anstehenden Termine weiter, berichtete kurz von meinem derzeitigen Projekt – ein Thriller. Große Augen sahen mich ungläubig an. Daher fügte ich an, dass meine Kreativität am Besten zur Entfaltung kam, wenn ich sie nicht begrenzte. Warum bei Liebe und Herzschmerz bleiben oder zurück zur Fantastik gehen? Es gab noch so viel zu entdecken und zu probieren. Die Welt der Literatur stand offen. Die letzte Frage verneinte ich. Es würde keine Fortsetzung geben. Ein gerauntes Warum? ging durch die Gruppe der Leser und ich sagte:

»Kim und Leon hatten ihre Geschichte und ihre Zeit. Nun kommt eine andere.« Schlussendlich merkte ich an, dass ich es nicht ausschloss, irgendwann eine andere Liebesgeschichte zu verfassen. Aber halt nicht jetzt.

Dies schien alle zu beruhigen. Ich atmete auf und hoffte, somit entlassen zu sein. Meine letzte Frage – nämlich die, ob es noch Fragen gäbe – wurde mit Kopfschütteln und anschließendem Klatschen beantwortet. Doch plötzlich, ich wollte mich gerade dankend verabschieden, schallte doch noch eine Frage an mein Ohr:

»Beruht diese Geschichte auf einer wahren Begebenheit?« Die Stimme war eindeutig männlich und ich suchte den Fragesteller zwischen den Zuhörern. Mir stockte der Atem. Stahlblaue Augen funkelten mich an. Ein Grinsen lag auf seinem Gesicht, malte Grübchen auf die Wangen. Er war es. Warum? Warum hier? Warum jetzt? In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, drehten Purzelbäume, sprangen wild durcheinander, tanzten Ringelreihe miteinander. Eine Antwort fiel mir schwer. Mein Mund war wie zugeklebt – der Kleister war der honigsüße Schmerz dieses Wiedersehens.

»Träume. Träume verliebter Mädchen und Frauen. Hoffnungen und Sehnsüchte. Dies sind die echten Begebenheiten dieses Buches.« Wie hatte ich nur eine so halbwegs vernünftige Antwort zustande gebracht? Ich wollte hier weg! Wie gelähmt stand ich da und glotzte ihn an. Wollte noch immer nicht glauben, dass er es tatsächlich war. Als sich sein Körper einen Weg durch die Massen bahnte, fühlte ich mich wie ein Reh bei Nacht auf der Landstraße. Ich sah das Licht auf mich zurasen, konnte aber nicht fliehen. Schockstarre. Niemand hielt ihn auf, als er zu mir aufs Podium trat. Warum hielt ihn niemand auf? Seine Augen, so nah. Ich verlor mich in ihnen. Die Paula, die seit zwei Jahren so mühsam gekämpft hatte, diesen Blick zu vergessen, schrie auf. Seine Hände griffen nach mir, zogen mich an ihn heran. Die Wärme und der Duft seines Körpers … Als er mich küsste, drehte sich alles um mich. Ich schloss die Augen. Diese Lippen – weich und voll, warm und sinnlich. Zu schnell war es vorbei. Mein Herz krampfte. Nicht noch einmal! Sein Gesicht war an meinem Ohr, geflüsterte Worte drangen zu mir durch:

»Du hast mir gefehlt … Ich …« Er kam nicht dazu weiterzusprechen. Matthias zog ihn weg. Weg von mir. Bevor er seinen Widerstand aufgab, ließ er ein zusammengefaltetes Papier neben mein Buch fallen und zwinkerte mir zu. Dann gab er nach und trabte, von meinem Verleger gefolgt, von der Erhöhung und ging. Ich sah ihm nach. Es war wieder da. Das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Sekunden verstrichen, bis mir mein Bewusstsein klarmachte, dass zahlreiche Augenpaare auf mir ruhten. Verwirrt, manche grinsend, warteten sie darauf, dass ich diesen Vorfall aufklärte. Ich rang um Fassung. Paula war nicht mehr fähig zu sprechen, aber Susan Storm war Profi.

»Meine Damen und Herren, da hat scheinbar jemand die Floskel Von der Muse geküsst, zu ernst genommen.« Hier und da ein Lachen erntend, versuchte ich ebenfalls die Mundwinkel nach oben zu bekommen. Es fühlte sich schief und falsch an. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein Schlaganfallopfer als eine scherzende Autorin. Matthias trat neben mich und übernahm das Mikrofon. Sich für den Zwischenfall entschuldigend und mich langsam, aber bestimmend von der Bühne leitend. Ich wehrte mich nicht. Meine Beine waren zu Gummi geworden und die sichere Hand in meinem Rücken ließ mich zumindest nicht einbrechen. Endlich abseits der Leute fauchte Matthias gereizt:

»Kannst du mir bitte«, dieses Wort hörte sich mehr wie das Zischen einer wütenden Schlange an, denn menschliche Sprache, »erklären, was das war?«

Ich schüttelte träge den Kopf. Ich wollte jetzt nichts sagen oder erklären. Noch immer lag sein Geschmack auf meinen Lippen.

»Paula, dieser Kerl kann dich Kopf und Kragen kosten! Verdammt noch mal!« Und wie er das konnte. Mein Verleger und Freund konnte nicht einmal erahnen, was dieser Mann mich kosten könnte. Ich hatte schon einmal bitter bezahlt. Er redete weiter, aber ich bekam nur Fragmente mit. Ich wollte nach Hause. In meine Einsamkeit. Denken, Gefühle zähmen, allein sein. Urplötzlich nervte er mich. Ohne wirklich zu überlegen, was ich da von mir gab, schrie ich ihn an:

»Du tust ja gerade so als hätte er dich geküsst vor all den Kameras und fremden Leuten! Freu dich doch! Du wolltest doch PR, jetzt bekommst du sie sicher!« Dann drehte ich mich auf den nicht vorhandenen Absätzen meiner Ballerinas um und ließ ihn mit hochrotem Kopf stehen. Hastig schnappte ich mir meine Tasche, rannte zurück um mein Buch hineinzubefördern und weg war ich.

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